Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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Nr. 48 Sette8A Dr. Llocv s Mocvenscbrin. Budapest. (Das Gymnasium der Pest er israelitischen Kultusgemeinde.) Das Kuratorium der Freystädtler-Stiftung hat auf Antrag des Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde Hofrat Philipp W e i n m a n n den Beschluß gefaßt, die Freystädtler-Stistung mit den zwei von der Kultusgemeinde verwalteten, demselben Zwecke dienenden Stiftungen zu vereinigen und aus' den drei Stiftungen ein jüdisches Gymnasium zu errichten. Diesem Beschlüsse bat sich der Vorstand der Kultusgemeinde angeschlossen und die Errichtung des jüdischen Gymnasiums im Prinzip ausgesprochen. Der Bau und die Einrichtung würden aus dem Freystädtler- Fonds bestritten werden, während die Erhaltung des Gymnasiums aus den Zinsen der vom Freystädtler-Fonds noch verbleibenden 300.000 Kronen und aus den eine Million Kronen betragenden übrigen Fonds Deckung finden würde. Die Kultusgemeinde hofft, daß das Unterrichtsministerium der Verwirklichung des Planes keine Hindernisse in den Weg legen werde. Berlin. Vom Hilssverein der Deutschen Juden wird uns geschrieben: Erst in diesen Tagen ist es möglich gewesen, den vollen Umfang des Schadens festzustellen, der durch den letzten Pogrom in Siedlce verursacht worden ist. Ein Vertreter der vereinigten jüdischen Organisationen hat an Ort und Stelle eingehende Erhebungen angestellt. Die Zahl der Getöteten, deren Leichen aufgefunden worden sind, beläuft sich aus 32, von den zahlreichen Verwundeten sind 20 dauernd erwerbsunfähig, 21 Frauen sind Witwen geworden und 64 Kinder verwaist. Durch Plünderung oder gewaltsame Zerstörung wurden die Familien von 440 Handwerkern, 416 Kleinhändlern, 330 Arbeitern, 130 freien Berufen Angehörigen, 186 Leuten ohne bestimmten Beruf und 28 größeren Kaufleuten, insgesamt 1530 Familien mit 7306 Köpfen, geschädigt. Der Schaden, den diese erlitten haben, beträgt 344.584 Rubel. Unberechenbar sind die Schädigungen, die die Nachwirkungen des Pogroms noch Jahre hinaus für die jüdische Bevölkerung von Siedlce haben. Die ohnehin arme Stadt ist jetzt völlig verarmt; sie bietet noch jetzt, zwei Monate nach den blutigen Ereignissen, ein trauriges Bild der Verheerung. Die Stadt liegt wie ausgestorben da, die drei Straßen, in denen der Pogrom am heftigsten wütete, sehen aus wie nach einer Beschießung im Kriege. Die Häuser sind noch heute ohne Dächer, die Mauern von Kanonenkugeln durchlöchert. Auch das Hilfswerk wurde von den vereinigten Organisationen in die Wege geleitet. Durch Sammlungen in Rußland selbst sind 50.000 Rubel aufgebracht worden, aus der gemeinsamen Kasse in London sind einstweilen 60.000 Rubel überwiesen; es bleibt also noch immer ein erheblicher Schaden zu bessern und größere Geldsummen sind noch nötig, um auch nur einigermaßen den Geschädigten die Fortsetzung ihrer Erwerbstätigkeit zu ermöglichen. Eine Hauptsorge der Hissorganisationen bildet sodann die dauernde Versorgung der Witwen. Waisen und Krüppel. Für die ärmsten unter den Waisen, welche nahe Verwandte, die sich ihrer annehmen können, nicht haben, werden, wie bei früheren gleich traurigen Anlässen, Pflegestellen im Auslande ausfindig gemacht werden müssen. Israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem. Die diesjährige ordentliche Sitzung des Kuratoriums fand am 11. November in den Räumen der Zion-Loge in Hannover statt. Zunächst wurden Wahlen erledigt. Die nach dem Turnus ausscheidenden Mitglieder wurden mit Ausnahme des Herrn R. Landauer in Würzburg wiedergewählt. An seine Stelle wurde Herr Karl Schiff, Berlin, Behrenstr. 47, in das Kuratorium berufen. Die von den Rechnungsrevisoren geprüfte Rechnung des Jahres 1905 wurde genehmigt, ebenso der Voranschlag für das Jahr 1907. Derselbe schließt mit einem Defizit von M. 5000 ab, gegenüber dem vorjährigen Defizit von M. 13.000. Er zeigt also immerhin eine merkliche Besserung der Finanzlage, die hauptsächlich der großen Opferwilligkeit weiter Kreise zu verdanken ist. Von dem schriftlich vorliegenden Bericht des Vorstandes, auf dessen Verlesung verzichtet wurde, nahm das Kuratorium ohne Debatte Kenntnis. Der Bericht verbreitet sich sehr ausführlich über alle Zweige der Verwaltung und erwähnt u. a., daß im Berichtsjahre 6 Lehrlinge als Gärtnergehilfen und 8 Haushaltungsschülerinnen entlassen worden find, von letzteren nahmen 5 Dienstbotenstellungen an, während 3 zu ihren Eltern zurückkehrten. Seit dem Bestehen der Anstalt find nunmehr 130 junge Leute als Gärtner ausgebildet worden, von denen nur ein geringer Bruchteil abgesprungen ist. Nachgewiesenermaßen find 90 ihrem Berus treu geblieben, etwa 25 erfüllen ihre Militärpflicht oder haben in letzter Zeit keine Nachricht von sich gegeben. Die Anstalt steht mit ihren ehemaligen Zöglingen in regelmäßigen Briefverkehr; aus zahlreichen Mitteilungen der jungen Leute geht hervor, daß sie mit ganzem Herzen an ihren Berufe hängen und mit ihrem Verdienst zufrieden sind. Ein Beitrag zur russischen Judenfrage. Petersburg, 22. November. In den nächsten Tagen wird der Ministerrat trotz aller offiziellen und inoffiziellen Dementis mit der Beratung darüber beginnen, was sich zurzeit in der Judenfrage tun läßt, um durch einige vielleicht recht billige Zugeständnisse und Abänderungen der beschränkenden Gesetze, wenn auch nicht die Sympathien der Juden zu erringen, so doch wenigstens vor dem Auslande anders dazustehen. Unter den dem Ministerrat vorliegenden Dokumenten verdient ein Bericht besonders hervorgehoben zu werden, der einen historischen Rückblick über die Entstehung der einzelnen einschränkenden Gesetze enthält. In diesem in mehreren russischen Blättern erschienenen Bericht wird die Geschichte der „Jgnatjew'schen" Bestimmungen vom Jahre 1882 in folgender interessanter Lesart angeführt, welche zeigt, durch welchen Zufall so wichtige, das Schicksal eines ganzen Volksstammes bestimmende Gesetze ihre Wirksamkeit erlangt haben, und wie falsch es ist. wenn bei ihrer unausbleiblichen Abschaffung behauptet wird, nur das ganze russische Volk habe darüber zu entscheiden. Im Jahre 1881 nahmen die Pogroms in den im jüdischen Anfiedlungsgebiet gelegenen Dörfern und Flecken ihren Anfang. Ter damalige Minister des Innern Graf Jgnatjew legte dem Ministerkomitee einen Entwurf „temporärer" Bestimmungen vor, laut welchem den Juden das weitere Wohnrecht außerhalb der Städte und Flecken untersagt wurde. Graf Jgnatjew brachte damals zugunsten dieses Entwurfes vor, daß ihm darum zu tun sei, den Zufluß neuer „Pogromobjekte" ins Dorf zu unterbinden, denn er wisse wohl, daß man die bereits im Dorf lebenden Juden kaum ausweisen könne. Das Ministerkomitee sprach sich gegen die Annahme dieser Bestimmungen aus und wählte einen Sonderausschuß unter dem Vorsitz des Grafen Pahlen, dem die Ausarbeitung außerordentlicher Maßnahmen gegen die Judenpogroms übertragen wurde. Bis zur Auffindung dieser außerordentlichen Mittel wurden die Jgnatjkw'schen Bestimmungen „auf alle Fälle" bestätigt, wobei der ausdrückliche Zusatz gemacht wurde, daß es sich hierbei nur — um eine ganz kurze Zeit handeln könne. Der Sonderausschuß nahm hierauf seine Arbeit auf und führte sie sehr gewissenhaft und in liberalem Sinne durch. Er hatte ein reiches Material in der Judenfrage zusammengetragrn und kam auf Grund desselben zu dem Schluß, daß alle in Bezug auf die Juden angewandten und in Aussicht genommenen Beschränkungen jeder Begründung entbehren und haltlos find. In dem Schluß des Berichtes wird hervorgehoben, daß alle in Bezug auf Gleichstellung der Juden mit der übrigen Bevölkerung ausgesprochenen Befürchtungen unwesentlich find. Dieser umfangreichen Arbeit liegt ein Sonderbericht von N. A. Sinowjew bei, der damals noch nicht unter dem Einfluß des an der Spitze des Polizeidepartements stehenden späteren Ministers W. K. v. Plehwe stand, in dem er ganz direkt für eine volle Gleichberechtigung der Juden mit der übrigen Bevölkerung eintrat. Ein ungünstiger Zufall wollte es, daß zu jener Zeit, als die Kommission ihre Arbeit abschloß, ein großer Umschwung in der inneren Politik eintrat. Graf Jgnatjew wurde gestürzt und Graf D. A. Tolstoi trat an feine Stelle, wobei er in Betreff