Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 820 Nr. 48 Dr. JBlocb ß Mocvenscd japanischen Krieges, vielleicht während der Belagerung von Port-Arthur, geschrieben. Eine jener Vorarbeiten, von welchen jenes Buch spricht, find wir jetzt zu aktivieren im Begriffe. Seit einer langen Reche von Jahren ist die Beschaffung eines tüchtigen Standes unserer Religionslehrer, beziehungsweise eines tüchtigen Nachwuchses desselben eine ernste Sorge des Kultusvorstandes. Versuche, welche nach dieser Richtung eine Zeit lang durch Angliederung eines Lehrerbildungskurses an das theologische Seminar gemacht wurden, blieben fruchtlos; sie scheiterten an Widerständen, welche sich nicht überwinden ließen. So entstand der Plan einer selbständigen Lehrerbildungsanstalt. Der diesbezügliche Antrag wurde vor Jahren gestellt von dem Vorsteher und Bezirksschulräte Dr. Spitzer und von dem vormaligen Vorstandsmitgliedes Direktor Simon. Es fanden nun Beratungen in der Unterrichtskommission statt, welchen unsere Schulinspektoren die Rabbiner Dr. David und Doktor Feuchtwang und die Professoren Kanitz und Dr. Langfelder beigezogen wurden, es wurde ein Organisationsstatut, ein Lehrplan ausgearbeitet und es hat endlich das Plenum des Kultusvorstandes in seiner Sitzung vom 10. Juni 1906 jene Beschlüffe gefaßt, auf Grund deren nunmehr die Anstalt ins Leben tritt. Die Faffung dieser Beschlüffe war aber keine so leichte Aufgabe. Folgende Gesichtspunkte schwebten uns vor und kamen zur Debatte. Einerseits glaubte man, daß ein hinreichendes Schülermaterial für eine solche Anstalt kaum zu finden sein dürfte. Der Beruf eines jüdischen Religionslehrers sei ein in seinen materiellen Erfolgen so wenig glänzender, daß man kaum erwarten dürfte, daß junge talentvolle Leute eine solche Karriere in Aussicht nehmen würden. Des weiteren sei auch der Bedarf an Religionslehrern in Wien und auswärts ein relativ geringer, so daß zu besorgen sei, daß junge Männer, welche die Anstalt verlassen, eine Stelle nicht so bald erlangen würden. Andererseits wurde gerade mit Rücksicht auf die letzterwähnten Umstände es als wünschenswert betont, daß den Frequentanten dieses Lehrerbildungsseminares eine über die Befähigung zum Religionslehrer hinausreichende Qualifikation verliehen, daß sie auch zum Unterrichte aus den anderen Gegenständen der Volks- und Bürgerschule befähigt werden. Und dabei wurde auch das in Betracht gezogen, daß nach der heutigen Zeitströmung die allgemeinen, öffentlichen Lehrerbildungsanstalten jüdischen Kandidaten schwer oder gar nicht zugänglich seien. Mit Rücksicht darauf, daß vielseitig die dauernde Lebensfähigkeit einer solchen Anstalt in Zweifel gezogen wurde, glaubte man vorläufig probeweise nur für eine Klasse, welche aber allerdings einen vierjährigen Kursus in sich schließt, die Anstalt aktivieren zu sollen und es sohin nach Maßgabe des Erfolges dem Kultusvorstande, in welchen baldigst eine große Anzahl Mitglieder zu wählen seien, zu überlassen, der Anstalt einen dauernden Bestand zu verleihen. Als Leiter der Anstalt wurde Herr Rabbiner Dr. David, der die Jahre hindurch das Referat geführt hatte, provisorisch nominiert. Meine Herren! Es ist Usus, daß unsere Rabbiner ihren Predigten den jeweiligen Wochenabschnitt der Thora zugrunde legen. Ich folge diesem Beispiele. In dem diesmaligen Wochenabschnttte wird von einer lebendigen Quelle gesprochen, die segenspendend ihre Wäffer über das Land verbreitet laebai ran!. Möge diese Anstatt zu einer lebendigen segenspendenden Quelle werden für unsere Gemeinde, für die Judenschaft. Wien. („Franz-Jofes-Kinderhort".) Sonntag den LS.fd. M. fand im großen Sitzungssaale des Gemeindehauses im zweiten Bezirke im Anschluffe an die Generalversammlung des Vereines die Enthüllung des Bildes der verstorbenen Vereinsschriftführerin Fräulein Rosa Goldhammer statt, welcher Akt sich zu einer imposanten Trauerktmdgebuug für die Verblichene grstaltete. Lange vor Beginn der Sitzung war der Saal gefüllt von einem distinguierten Publikum, welches Zeugnis von der großen Beliebtheit, deren sich die Verstorbene bei Lebzeiten erfreute, ablegte. Unter den' Anwesenden befand sich der k. k. Bezirrsschulinspektor Profeflor Schwalm, Religionsinspektor Professors Kanitz, Bezirksvorsteher-Stellvertreter Josef Jerabek, der Gesamtvorstand des Vereines „Providentia" mit der Präsidentin Frau Berta Neumann an der Spitze, der Lehrkörper der städtischen Volksschule, IL, Leopoldsgafle 8, an welcher die Verstorbene gewirkt, Frau Hartmann Lowy, Direktor Schwcinburg, die kaiserlichen Räte Dr. Krüger und Saborskh, viele Aerzte, Advokaten u. a. — Nachdem die Präsidentin nach Eröffnung der Sitzung der seit der letzten Generalversammlung verstorbenen Wohltäter und Gönner des Vereines gedachte und dem am 18. August verstorbenen Mitgliede Frau Rosa Löwy — einer treuen Anhängerin des Vereines — einen warmen Nachruf hielt, widmete sie der verblichenen Schriftführerin tiefbewegt innige Worte der Erinnerung. Sie hob ihre Bedeutung und ihre Wirksamkeit für den Verein und auf allen vnderen Tätigkeitsgebieten, denen sie sich zuwendete, hervor und schloß mit vor Tränen erstickter Stimme ihre Ansprache, die im Auditorium tiefe Bewegung hervorrief, welche sich noch steigerte, als Hof- und und Gerich.sadvokat Tr. Emil Wolf das Wort ergriff und in einer längeren Ansprache in großen Zügen ein Lebensbild der zu früh Dahingeschiedenen entwarf. Er schilderte sie in ergreifender Weise als Mensch, als Lehrerin normaler und unglücklicher Kinder, als Tochter. Schwester und Freundin, hob hervor wie sie in ihrer einfachen Vornehmheit jeden Platz, auf dem sie stand, voll und ganz ausfüllte, wie nur Arbeit und strenge Pflichterfüllung ihr Lebenselement und ihre lebende Bedingung gewesen. — Er schilderte, welch hohes Glück sie als Gattin und Mutter ausgestrahlt hatte, ein Glück, das sie, da ihr dieses Frauenlos nicht beschieden war, auf Freunde, ihrer Leilung anvertraute Menschen übertrug. — Mlt lautloser, andächtiger Spannung folgten die Zuhörer den pretätsvollen Ausführungen des Redners. Als er dann die Hülle vnn dem Bilde entfernte und den Beschauer die edlen klassischen Züge der Verblichenen grüßten, da blieb kein Auge tränenleer. Nack Beendigung dieser erhebenden Feier fand unter dem Banne des sich aller bemächtigenden seelischen Eindruckes der geschäftliche Teil der Sitzung eine schnelle Erledidung. Cin antisemitischer Zuchthauskandidat Man schreibt uns aus Budapest: Am 17. d. M. ist hier ein ungarischer Edelmann, Dr. Edmund v. Gyürky, verschwunden, weil ihn. die Polizei wegen Aneignung fremder Gelder allzu eifrig suchte. Davon wäre, da derlei keine Seltenheit ist, nicht viel Aufhebens zu machen. Aber der Gesuchte ist nicht nur ungarischer Edelmann, sondern auch päpstlicher Ritter, klerikaler Schriftsteller, ja sogar Gründer und Leiter einer politischen Partei, der, mit Respekt zu melden, christlich-sozialen Arbeiterpartei. Zwar existiert diese, wie nunmehr die Guthaben der Geprellten, nur auf dem Papier. Aber Herr v. Gyürky ist doch eine hervorragende Persönlichkeit des ungarischen Klerikalismus. Er war der Redakteur eines klerikalen Tagblattes, Hauptmacher der christlichen Konsumgenossenschaften und gründete mit den hiezu von einigen Bischöfen und Aristokraten gestifteten Geldern eine christlich-soziale Partei, von der jedoch vorerst nur der, natürlich besoldete, Cadre besteht. Wo es eine klerikale Aktion gab, da führte der von der Klerisei und den Magnaten geschätzte Demagog das große Wort. Endlich verlegte sich Herr v. Gyürky auf das „wirtschaftliche Gebiet". Er gründete ein „Katholisches Vermittlungsbureau" zur Verwertung landwirtschaftlicher Produkte, um den Handel zu verchristlichen. Zu seinen Referenzen gehörte der päpstliche Segen. Von den Kanzeln herab empfahlen die Pfarrer den Bauern das gottesfürchtige Unternehmen angelegentlichst und Domherren, Bischöfe, christlich-soziale Agenten und klerikale Blätter wetteiferten in der Anpreisung des Katholischen Vermittlungsbureaus. In vielen Dörfern taten sich die Bauern zusammen und sendeten ihr Getreide waggonweise an Herrn v. Gyürky. Um es kurz zu machen: der edelmännische Demagog schwamm im Gelde, gab es auch mit vollen Händen aus; endlich kam die Blase zum Platzen. Von allen Seiten gedrängt, konnte Herr v. Gyürky nicht weiter. Er hatte den vertrauensseligen Bauern mehr als 200.000 Kronen unterschlagen. Die Anzeigen gegen ihn mehrten sich und am 17. d. M. verschwand er unter Andeutungen, Selbstmord begehen zu wollen. Die Polizei ist aber überzeugt, daß er sich nur verborgen hält. Und nun kommt das Schönste an der unsauberen Geschichte. Die bischöflichen und aristokratischen Gönner des Gauners wollen, wie nun verlautet, die unterschlagenen Summen ersetzen, nicht nur, um das Ansehen der klerikalen Sache in all den betroffenen Orten zu retten, sondern auch, um Herrn v. Gyürky zu rehabilitieren und ihn wieder in den Dienst des Klerikalismus zu stellen. Nur jede Geldgebarung soll ihm abgenommen werden. So ist denn zu gewärtigen, daß der defraudierende päpstliche Ritter und ungarische Edelmann bald wieder als Verkünder der christlichen Moral im polttischen und geschäftlichen Leben vor die Oeffentlichkeit treten und die gott- und vaterlandslosen Juden und Sozialdemokraten vernichten wird.