Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 48 Dr. Liocv's Mocvenscvnrr. Sette 81S nur für die Sache des Deutschtums, sondern auch für die Sache der Menschheit." Und auch der zweite Punkt, der gegen diese unsere Auffassung so häufig ins Feld geführt wird, die Frage, ob sich die Treue gegen das Volkstum mit der politischen Treue gegen den Staat, dem man angehört, verbinden lasst, wird von dem großen Philosophen mit einem kräftigen „Ja" beantwortet. „Es gilt," schreibt Paulsen, „politische Treue gegen den Staat, dem sie angehören, mit der Treue gegen ihr Volkstum und ihre Sprache zu verbinden. Daß dies verträgliche Dinge sind, das ist die Ueberzeugung, womit sie zunächst sich selber, dann ihre Umgebung durchdringen müssen." Ich glaube, einem so bewährten Pfadfinder im Geiste der Ideen dürfen auch wir Juden getrost folgen; auch wir sollten Umschau halten, wo sich unser jüdisches Volkstum am besten und ungestörtesten entwickeln und zum Wohle der Menschheit seine Eigenart ausbilden kann, nicht in der Form der sogenannten Ghettokultur, jener traurigen Hemmungsbilduug, jenes unschönen Produktes des Verzweiflungskampfes einer alten, nicht sterben wollenden und könnenden Kultur gegen übermächtige, schädliche Außeneinflüffe, eines Kampfes, in welchem alle freieren und offenen Positionen, die den Luxus der Aesthetik und das äußere Wohlbehagen einer Kultur ausmachen, zu Gunsten der durch vielfache Mauern umschlossenen Hauptwerke geopfert werden mußten. Nicht um eine solche enge, wenn auch der inneren Schönheit nicht entbehrende Ghettokultur handelt es sich für uns, sondern um die Möglichkeit einer nur durch eigene, selbst auferlegte Schranken eingezäunten, wahrhaft modernen Kultur. Wie jede Nationalkultur muß sie sich auf die Geisteserrungenschaften des eigenen Volkes aufbauen, sich in gleicher Richtung weiterbildend durch die in Tausenden von Jahren erworbenen Geistesveranlagungen und Dispositionen unseres Stammes. Nicht abschließen soll sie sich aber, sondern sie wird den Einflüssen sämtlicher anderen Nationalkulturen ebenso zugänglich sein und ihre Ergebnisse ebenso verarbeiten, wie es sonst bei den modernen Kulturvölkern der Fall ist. Nur ein einziges Land gibt es, das eine derartige Entwicklung gestattet und ermöglicht, und das ist Palästina. Es gibt auf der Erde kein Land, das, wie Palästina, die äußere Möglichkeit des Gedeihens vereinigt mit der absoluten Gewißheit, daß die dort sich niederlassenden Juden auch wirklich im Lande festwurzeln und an ihre alte, große Geschichte und Ueberlieferung anknüpfen werden. Wie natürlich diese Lösung der jüdischen Wanderungsfrage gerade völlig vorurteilslosen Nichtjuden erscheint, dafür ist die Ansprache des nordamerikanischen Staatssekretärs Boot an die jüdische Deputation in Argentinien charakteristisch, in welcher er seiner Ueberzeugung Ausdruck verleiht, daß die letzte Hilfe für die jüdische Nation nur darin bestehen kann, daß es ihr gelingt, ihre alte Heimat Palästina wieder zu erlangen. Ebenso spricht einer der ausgezeichnetsten Kenner Palästinas, der englische Oberst Conder, der Verfasser mehrerer grundlegender Arbeiten über dieses Land, der sich behufs kartographischer Landesaufnahme lange Zeit daselbst aufgehalten hat. in einem Vortrage von Palästina als dem „eigenen Lande" der Juden; und dies ist nicht etwa eine auf alttestamentarischer Basis bei ihm erwachsene Idee, sondern es ist auch die allgemeine Ueberzeugung der dortigen arabischen und türkischen Bevölkerung. Diese sehen es als gewiß an, daß die Juden ihr Land wieder in Besitz nehmen werden und um dieses zu verzögern, haben sie sogar die Pforte an der großen Umfassungsmauer des früheren Tempelareals in Jerusalem, wo der Einzug dermal einst stattfinden wird, zugemauert. Daß die Idee der Wiederinbesitznahme Palästinas durch die Juden im jüdischen Volke niemals erloschen ist, dafür gibt es eine Legion von Belegen; es mag Leute geben, welche Chicago, New-Iork, Wilna, Kischenew oder die Hochburg Luegers für ihr Jerusalem erklären, die Majorität des jüdischen Volkes werden sie nicht zu überzeugen vermögen Selbstverständlich ist hiermit nicht gesagt, daß es nun nötig oder auch nur wünschenswert ist, in Palästina einen politisch unabhängigen Judenstaat zu errichten. Die Zeit der Kleinstaaten ist dahin, sie können sich nur als Pufferstaaten, respektive infolge von Vereinbarungen der Großmächte als Kompromißstaaten erhalten und das wird auch in der Zukunft so sein. Ob Palästina zu jenen Ländern gehören wird, deren Naturalisierung den Großmächten erwünscht erscheinen wird? Wer vermag das zu sagen, wer kann die politische Zukunft des vorderen Orients vorausberechnen? Uns aber interessiert diese Frage nur in geringem Maße, für uns kommt Palästina vor allem als Ansiedlungsgebiet in Frage und da handelt es sich darum: 1. Ist Palästina überhaupt ein Land mit wirtschaftlicher Zukunft? 2. Wie stark mag die Aufnahmsfähigkeit Palästinas für Ansiedler sein? 3. Eignen sich die Juden zu einer Kolonisation in Palästina? 4. Was haben wir zu tun, um die jüdische Kolonisation in Palästina zu fördern? (Fortsetzung folgt.) Korrespondenzen. Eröffnungsfeier der Wiener Israelitischen Religionslehrer-Bildungsanstalt. Eine Aufgabe, deren Lösung das Zentralwahlkomitee vor zwei Jahren dringend empfohlen, und welcher der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde seit Jahren sein Augenmerk zugewendet hatte: die Errichtung einer Bildungsanstalt für israelitische Religionslehrer an Volks- und Bürgerschulen ist nun zur Tat geworden. Sonntag den 25. d. M. wurde mit einer erhebenden Feier im Sitzungssaale der Kultusgemeinde die Eröffnung dieses einem dringenden Bedürfnisse entsprechenden Institutes festlich begangen. Nebst dem Vorstände der Gemeinde, den Rabbinern, oen Lehrern und Schülern der Anstalt hatten sich zahlreiche angesehene Mitglieder der Gemeinde als Gäste eingefunden. Vom Tempelchore begleitet, der unter Prof. Joseph S u l z e r s trefflichen Leitung stand, bildete der künstlerische Vortrag des Psalm 133, in der Sulzer'schen Vertonung, durch Herrn Oberkantor Singer den Beginn der Feier. Präsident Dr. Stern schilderte in schwungvollen Worten unter Hinweis auf die Notwendigkeit der Anstaltsgründung deren Entstehen und Ziele und brachte Allen, die an dem Zustandekommen mitgewirkt, den Dank der Gemeinde zum Ausdruck. Lebhaft akklamiert wurde die Festrede des Herrn Oberrabbiners Dr. G ü d e m a n n, die mit dem Segensspruche schloß. Rabbiner Dr. David, der Direktor der Anstalt, gab namens des Lehrkörpers der Versicherung Ausdruck, daß dieser, seiner hehren Aufgabe bewußt, sein bestes Können einsetzen werde, um dieses Institut zu einem Musterinstitut zu gestalten, und schloß mit einem warmen Appell an die Schüler zu ernster Pflichterfüllung. Erhebend wirkte der nun von Herrn Oberkantor Bela Guttmann vorgetragene Segensspruch, und mit der Absingung der Volkshymne fand die Feier ihren Abschluß. Nachstehend lassen wir den Wortlaut der Ansprache des Herrn Präsidenten Dr. Stern folgen: „Es ist vor Kurzem ein prächtiges Buch erschienen, ich lese es eben und empfehle es dringend zur Lektüre allen meinen Glaubensbrüdern. „Die Apologetik des Judentums" von unserem ehrwürdigen Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n. In diesem Buche findet sich ein Kapitel „Die jüdische Religion in erzieherischer Hinsicht" und da wird die Kenntnis des Gesetzes, der Lehre des Monotheismus und die erzieherische Aufgabe nach sittlicher Richtung einer zu erobernden Festung verglichen, wofür sorgfältige Vorarbeiten und Vorbereitungen gemacht werden müssen, um das Ziel, die Eroberung der Festung, die Auspflanzung der weißen Fahne auf derselben, zu erreichen. Der Verfasser des Bucheentwickelt diesen Gedanken in lebensvollen Bildern- Er hat das Buch zur Zeit dechinesische