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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-11-30 · 48 (30.11.1906) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
48 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 618 Dr Dlocb s Mlocvenscbrlrr. Nr. 48 fiedeln, ich glaube nicht, daß man hier bessere Erfolge haben würde. Nur mit den Neuankömmlingen gelingt es besser, aber erst seitdem man verhindert, daß sie überhaupt New-Iork kennen lernen; man gibt ihnen durchgehende Billette von Europa direkt nach amerikanischen Jnlandstationen, so daß ihnen jede Möglichkeit genommen ist, in New-Dork hasten zu bleiben. Die Zerstreuungstheorie ist also nicht haltbar, sie scheitert daran, daß sie nicht wünschenswert und daß sie nicht durchführbar ist. Haben wir dies aber einmal erkannt, so entsteht die Frage: Welche Länder kommen denn für geschlossene Anfiedlungen überhaupt noch in Betracht außer den Großstädten der Vereinigten Staaten, wo die Einwanderung bald eine Grenze haben wird, wenn nicht durch gesetzliche Maßregeln, so durch die Macht der wirtschaftlichen Verhältnisse und der überstarken Konkurrenz der dort eingewanderten Juden untereinander? Es wird ihnen allen bekannt sein, daß sich im vorigen Jahre eine Organisation unter der Führung des bekannten englischen Schriftstellers Zangwill gebildet hat, die sogenannte „JewishTerritorial Organisation“, auch schlankweg „Jto" genannt, die fich mit der Frage befaßt, ein Passendes Land mit eigener Autonomie für die aus Osteuropa herausgedrängten Juden ausfindig zu machen. Es ist verständlich, wenn Leute, die auf das Bestehen eines autonomen Judenstaates Gewicht legen, sich dieser Bewegung anschließen, wie aber jemand, der die lokale Autonomie in den amerikanischen Freistaaten oder in den englischen Kolonien kennt, glauben kann, noch besondere Garantien für ein zukünftiges jüdisches Kolonisationsgebiet erlangen zu können oder benötigen zu müssen, ist mir unverständlich. Bisher haben die Bemühungen denn auch keine praktischen Erfolge gezeitigt, und wer die Siedelungsbewegungen der Welt kennt, wird auch zweifeln müssen, daß sie erhebliche Erfolge erzielen werden, da die brauchbaren Distrikte der gemäßigten Zone sämtlich schon, wenn auch teilweise nur dünn, bevölkert sind. Die dort schon Wohnenden werden aber zweifellos die Einbeziehung ihrer Heimat zu einem zu gründenden Judenstaat auf das Schärfste bekämpfen, und zwar in noch viel stärkerem Muße, als es die wenigen englischen Ansiedler in Britisch-Ostafrika getan haben, als im Jahre 1903 das sogenannte Ugandaprojekt auftauchte; aufs energischeste protestierten sie gegen den Plan der englischen Regierung, das Land den Zionisten zur Kolonisation zu übergeben, obgleich es sich ja nicht einmal um das Land gehandelt hat, wo sie selbst wohnten, sondern um ein völlig menschenleeres Territorium im Innern des Landes. Will die „Jto" also nicht darauf verzichten, daß von vorneherein eine Autonomie zugestanden werde, so wird sie ihr Augenmerk schon auf tropische Gebiete lenken müssen, und menschenleer ist auch dort nur -die Wüste oder dies eine vom letzten Zionistenkongreß wegen seiner wirtschaftlichen Untauglichkeit abgelehnte Gebiet in Britisch-Ostafrika, respektive ähnlich abgelegene und ungeeignete Gegenden im nördlichen Australien. Verzichtet die „Jto" aber auf die Autonomie, so ist sie nicht existeiHberechtigt, denn alles, was sie wünschen kann, das hat eine andere große und über viel bedeutendere Mittel verfügende Gesellschaft schon in Angriff genommen und über das schwere Anfangsstadium hinausgebracht. Ich meine selbstverständlich die Tätigkeit der von Baron Hirsch gegründeten „Jewish Colonisation Association" in Argentinien, eines der großartigsten Kolonisations- und Hilfswerke der Neuzeit. Ich will hier kein Loblied auf diese Gesellschaft singen, ich halte die „Jca" durchaus nicht für das Ideal einer Kolonisationsgesellschaft, ich glaube sogar, daß sie ihre Mittel in weit zweckmäßigerer Weise zum Besten des jüdischen Volkes verwenden könnte, als sie es tatsächlich tut. Trotzdem muß man, meiner Ansicht nach, wenn man unbefangen urteilt, anerkennen, daß sie in Argentinien ein großes und zukunftsreiches Gebiet der jüdischen Kolonisation erschlossen hat, ein Territorium, das berufen ist, in wenigen Jahren ein bedeutsames jüdisches Zentrum zu bilden. Während diese Gesellschaft früher Einwanderer von Rußland nach Argentinien auf ihre Kosten brachte, die dadurch ein Anrecht auf dauernde Versorgung erworben zu haben glaubten, bald unzufrieden wurden und das Kolonisationsgebiet verließen, so daß die Zahl der Kolonisten viele Jahre hindurch kaum zunahm, so siedelt sie jetzt im wesentlichen nur solche Leute an, die aus freien Stücken kommen, und daß diese Methode erfolgreich ist. erkennt man an der Zunahme der jüdischen Bevölkerung dieser argentinischen Kolonien in den letzten Jahren. Von 1904 bis 1905 stieg die Zahl der Kolonisten von 1148 auf 1251 Familien, respektive von 8290 auf 9227 Seelen, während die Zahl der auf den Kolonien lebenden Nichtackerbauern sich in dem betreffenden Jahre sogar von 836 auf 2195 Seelen erhöhte; es leben also schon 11.400 Juden in den argentinischen Kolonien der „Jca". Schon beginnen die ersten Ansätze einer zukünftigen Stadtbildung sich dort zu entwickeln, ein Zeichen, daß die Kolonien jetzt, nach 14jährigem Versuchsstadinm, wirklich zu prosperieren beginnen. Sie werden vielleicht sagen, daß 14 Jahre eine ziemlich lange Zeit ist, man kann aber getrost behaupten, daß nur wenige Kolonisationsunternehmungen, soweit sie nicht von Alteingesessenen unternommen worden sind, eine geringere Zeit zur Entwicklung brauchten. Daß auch ein innerer Fortschritt in den Kolonien zu verzeichnen ist, ersieht man daraus, daß im Jahre 1905/1906 nicht weniger als 80.000 Hektar mit Körnerfrüchten und Lein bestellt worden sind gegen 59.000 Hektar im Vorjahre und daß sich die Zahl der Rinder, Pferde, Maulesel und Schafe von 88.000 in dem gleichen Jahre auf 109.000 Stück erhöht hat. Daß es sich hiebei nicht um ein kleines Gebiet handelt, erkennt man, wenn man die Größe des Besitzes der Gesellschaft mit Palästina vergleicht; bas der „Jca" gehörende Land umfaßt nicht weniger als 4637 Quadratkilometer, also fast ein Sechstel der Oberfläche Palästinas. Wenn die intensive Kultur eingeführt würde — und in der Nähe der größeren Städte beginnt man auch in Argentinien schon dazu überzugehen —, so könnte daselbst bequem eine halbe Million Menschen leben und ringsum sind noch einige Landstrecken frei und unbebaut, so daß die Möglichkeit zweifellos vorhanden ist, in Argentinien ein höchst bedeutendes jüdisches Zentrum zu schaffen. Einen wichtigen Faktor könnte diese jüdische Kolonisation in Argentinien spielen, da die ganze Republik bisher überhaupt nur fünf Millionen Einwohner besitzt. Wer also auf eine Autonomie verzichtet und nur das materielle Gedeihen der Juden und ihren Aufenthalt in geschlossenen Gemeinwesen zum Ziele hat, der sollte seine Bemühungen mit den Bestrebungen der „Jca" vereinigen, der braucht nicht weiter in die Ferne zu schweifen und mit den Jtoisten auf Landsuche auszugehen. Ganz anders verhält es sich mit denjenigen, die wünschen, daß die Juden nicht nur materiell gedeihen, sondern auch auf ihrer alten, nie erloschenen Kultur weiterbauen, die sich für neue Mischkulturen — wie sie sich in Argentinien unter spanischkreolischem Einfluß entwickeln müssen — nicht begeistern können, sondern glauben, daß der Menschheit am meisten damit gedient ist, daß jedes Volk seinen eigenen Kulturidealen nachgeht und sein Menschentum aus sich selbst heraus entwickelt, zwar beeinflußt durch die Kulturgüter der gesamten Menschheit, aber nicht in Abhängigkeit von fremden Nationalkulturen oder unnatürlichen Mischungen mit denselben, respektive in allmählicher Absorbierung durch dieselben. Mag diese Ansicht sich auch nicht mit dem hergebrachten Dogma des sogenannten, aber falschen Liberalismus decken, zeitgemäß ist sie jedenfalls, denn ein moderner Philosoph, wie der viel gefeierte Professor Friedrich Paulsen in Berlin, hat in der außerordentlich klar und scharf gefaßten Einleitung zu der gerade jetzt erschienenen zweiten Auflage des Handbuches des Deutschtums im Auslande denselben Gedanken in Bezug auf das Deutschtum ausführlich erörtert. Er schreibt bezüglich der Ausland-Deutschen: „Wer für die Erhaltung und Ausbreitung der deutschen Sprache arbeitet, der steht mit seiner Arbeit zugleich im Dienste der Menschheit: das nationale Interesse ist zugleich ein Menschheitsinteresse. Ein Zurückgehen der deutschen Geisteskultur wäre ein Verlust, nicht

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