Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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KasäRBÄsat^iäti Nr. 48 Vr. Bloch's Wochenschrift. Seite 8i? sondern unmittelbares Erlebnis. Gott war und ist in jedem Zeitalter der Gott der Väter. Deshalb ist er auch der gegenwärtige Gott, denn jeder ist Vater und Sohn zugleich. Es kann nichts Törichteres geben, als die durch die christlichen Darstellungen sich hindurchziehende Behauptung, man hätte im Judentum, um die Worte Wellhausens zu gebrauchen, für das Wirken Gottes in der Geschichte „kein Verständnis" gehabt. Als ob es überhaupt eine Geschichte gäbe, die von denen, die sie an sich erfuhren, so auf Gott bezogen wurde. Man muß vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen, um auf jene Behauptung zu verfallen. Das ewig sich erneuernde Erlebnis verhinderte die Geschichts s ch r e i b u n g. Das ist etwas anderes. Die Geschichte wurde den Juden auf die Haut geschrieben, jeder Jude war lebendige Geschichte, ein wandelndes „Buch der Kriege Gottes". „Wollten wir unsere Leiden aufzeichnen" — sagt R. Simon b. Gamaliel (Sabb. 13 b) , „so würden wir nicht fertig werden." Aus diesem Milieu ist die Stellung des Glaubens im Judentum zu begreifen. Er war immer subjektiv und ist nie so vergegenständlicht worden, daß darüber ein Raisonnement angestellt, daß ihm eine äußere Form ausgeprägt werden konnte. Dafür saß er zu tief im Herzen. Unter den 613 Geboten befindet sich nur dieses nicht: „Du sollst glauben." Auch die Propheten tadeln an ihren Zeitgenossen nicht, daß sie nicht glauben, sondern daß sie, obwohl sie glauben, nicht danach leben und handeln. Der Talmud hat dafür den Ausdruck geprägt: „Sie erkennen Gott, und verleugnen ihn." Nachdem der Verfasser die Lehren der Rabbinen über Reinh'it der Gesinnung, die Pflichten der Wahrhaftigkeit ausführlich darlegt, zitiert er zum Schluß das Wort des Maimonides, in welchem er die Forderungen der Lauterkeit in Gesinnung und Handlung, der äußeren und inneren Wahrhaftigkeit als der Fundomentalprinzipien der jüdischen Religion — die den Inhalt dieses Kapitels bilden — zusammenfaßt: „Es ist dem Menschen verboten, glatte Worte und Ueberredungskünste zu gebrauchen, er soll auch nicht anders mit dem Munde und im Herzen anders sein, sondern innen wie außen, und was er denkt und sagt, soll übereinstimmen. Auch ist verboten, die Gesinnung der Menschen zu stehlen, selbst die Gesinnung der Götzendiener. Beispielsweise darf er einem solchen (obwohl es ihm nicht darauf ankommt) nicht das Fleisch eines geschlagenen Tieres als das eines rituell geschlachteten, auch soll er nicht einen Schuh aus dem Leder eines gefallenen Tieres für einen aus dem Leder eines geschlachteten Tieres verfertigten, verkaufen. Er soll in seinen Nächsten nicht drängen, bei ihm zu essen, während er weiß, daß er nicht essen wird, er soll ihm nicht reiche Geschenke darbieten, obwohl er weiß, daß er sie nicht annimmt, noch soll er für ihn ein frisches Faß anschlagen, wenn er es des Verkaufes wegen tun muß, um ihn glauben zu machen, daß er es ihm zu Ehren tut, und mehr dergleichen. Selbst ein einziges Wort der Täuschung und des Gesinnungsdiebstahls ist verboten, sondern wahrhafte Rede, ein gerader Sinn und ein Herz, rein von allem Fehl und Unrecht." Weber die Zukunft Palästinas. Vortrag, gehalten im „Jüdischen Kolonisationsvereine zu Wien" am LI. November 1906, von Prof. O. Marburg.*) Es ist jetzt gerade ein Vierteljahrhundert vergangen, seitdem nach einer Periode beispiellosen Aufschwunges die schweren Prüfungen begannen, denen das jüdische Volk in Rußland fast zu erliegen droht. Metzeleien und harte Ausnahmsgesetze wechseln mit kurzen Unterbrechungen einander ab, bis das letzte Jahr mit seinen Pogromen, mit seinen von der russischen Regierung kalten Blutes veranstalteten Massenmorden dem Martyrium unserer östlichen Brüder die Krone aufsetzte. Ist es da nicht natürlich, daß die russischen Juden, von Entsetzen und Verzweiflung gepackt, fluchtartig dem trostlosen Schicksal zu entrinnen versuchen? Für die Dimensionen dieser Massenflucht gibt es keinen besseren Maßstab, als den Bericht des General-Einwanderungskvmmissärs der Vereinigten Staaten, *) Beitrittserklärungen an das Sekretariat, Wien, II., Gredlerg. 9. der mitteilt, daß in den letzten drei Jahren die Einwanderung russischer Juden nach Amerika von 76.203 auf 12S.910 Seelen im Jahre gestiegen sei. Also 2*4 Perzent der jüdischen Bevölkerung Rußlands haben im letzten Jahre dieses barbarische Land mit Amerika vertauscht, und wie viele mögen im letzten Jahre noch nach England, Canada, Argentinien, Südafrika, nach Egypten, nach der Türkei und den verschiedenen west- und mitteleuropäischen Staaten gewandert oder indirekt nach den Vereinigten Staaten gelangt sein? Zweifellos ist diese jüdische Wanderbewegung eine der imposantesten Siedelungsphänomene der Menschheitsgeschichte, quantitativ sogar die Völkerwanderung weit hinter sich lassend. Ist es nun ein Wunder, daß jetzt auch in Amerika die Zahl derjenigen, welche diese rapide Einwanderung zurückdämmen wollen, immer größer wird, daß fast jedes Jahr'härtere Bedingungen und schwerer zu erfüllende Anforderungen an die Neuhinzukommenden gestellt werden? Zählen doch die Vereinigten Staaten schon jetzt mindestens l3/4 Millionen Juden unter ihren Einwohnern, also nicht viel weniger als Oesterreich und Ungarn zusammen, und ist doch New-Zork beiweitem die größte jüdische Gemeinde der Welt mit seinen 800.000 jüdischen Einwohnern, die zweitgrößte, Warschau, mit 220.000 Juden weit hinter sich lassend. Diese eine Riesengemeinde zählt mehr Juden als Deutschland und England zusammengenommen, fast so viel wie Ungarn, ja sie übertrifft an Zahl sogar die gesamte Bevölkerung des heutigen Palästina. Wenn nun aber auch dieses bisher so gastliche Land sich der jüdischen Einwanderung verschließt wie Deutschland und Oesterreich-Ungarn oder wenn es auch nur England darin folgt, den Spalt seiner Tore durch eine Alienbill bedeutend zu verengern, wohin dann mit den Scharen jüdischer Flüchtlinge und Auswanderer? Wohin mit all den Heimatlosen, mit den Gehetzten und Verzweifelten, die keine andere Schuld trifft, als daß sie, dem ältesten Kulturvolke der Welt angehörend, in einem noch im Mittelalter befindlichen Lande leben? Ratlosigkeit bezüglich dieser wichtigen Zukunftsfrage begegnet uns überall. Da gibt es welche, die sie in die dann noch offenen wenigen Länder zerstreuen wollen, in möglichst homöopatischen Dosen, damit sie ja kein Aergernis erregen, einige wenige nach Mexiko, andere nach Chile, nach Südafrika, nach Australien. Ist das aber eine Lösung der Frage? Gedeihen sie dort nicht, so ist die Aufnahmefähigkeit dieser Länder minimal, gedeihen sie dort, so ziehen sie mit absoluter Sicherheit große Massen nach sich, dasselbe Spiel beginnt von neuem, und nach einigen Jahren des Kampfes wird auch dieses Tor geschloffen. Aber sollte es auch wirklich gelingen, einen richtigen Verteilungsmodus aufzufinden, kann man dann annehmen, daß sich unsere Stammesgenoffen in der Verteilung wirklich wohl fühlen und schließlich, vermögen sie sich dann als kleine eingesprengte Gemeinden auf die Dauer als Juden zu erhalten und den vielfachen Verlockungen der umgebenden Welt zu widerstehen? Nur wo sie in kompakten Maffen fitzen, vermögen sie ihre Stammesart zu pflegen, wo sie zersplittert find, gehen fie nach einigen Generationen in der umwohnenden Bevölkerung auf, ein Prozeß, der sich in Amerika und Australien ebenso sicher wiederholen wird, wie es in Dänemark und Italien tatsächlich der Fall ist. Die jüdische Masse Osteuropas hat die richtige Witterung dafür, fie will sich nicht zerstreuen lassen, der beste Beweis ist eben New-Iork, wo sich von den 1,031.000 Auswanderern, die in den Jahren 1881—1904 Rußland verließen, nicht weniger als 75.000 niederließen. Die östlichen Juden fühlen sich, wie jedes gesunde und kräftige Volk, am wohlsten in ihrer eigenen Sphäre, im jüdischen Milieu, und wenn einzelne Personen in Gegenden mit geringer jüdischer Bevölkerung auswandern, so tun fie es nur ihrem Verstände, nicht den Trieben ihres Herzens folgend. Daher die geringen Erfolge des amerikanischen Zerstreuungs-Komitees, welches beabsichtigt, die Juden New-Iorks im Westen und Süden der Vereinigten Staaten anzufiedeln; und wenn man in Wien versuchen wollte, die jüdische Bevölkerung in die österreichischen Kleinstädte überzu-