Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 48 Dr. JBlocb’s MocdenscvttN. Sette 815 :-7-‘-ilWMBiat' erkennst, was er dir dadurch Gutes erwiesen. Es ist so, als wärest du sein Gast, an seinen Tisch geladen und du danktest ihm für seine Güte innerlich und äußerlich. Und wenn deine Freude sich bis zum Singen und Tanzen steigert, so ist dies Gottesdienst und Festhalten am göttlichen Geist." Man nehme hierzu noch die folgende Aeußerung desselben Autors: „Ein Beweis für die Göttlichkeit der Gesetze sind nicht Zierlichkeit der Worte, Aufziehen der Augenbrauen und Verstecken der Augäpfel, viel Flehen und Beten und Bewegungen und Reden, denen doch keine Tat nachfolgt, sondern reine Gesinnungen, deren Beweis Taten sind, die ihrer Natur nach dem Menschen schwer fallen, die er aber doch mit der größten Begierde und Liebe tut." Atmen diese Worte nicht eine sonnige Heiterkeit, wovon nur derjenige erfüllt sein kann, der des reinen Glücks innigster Gottesgemeinschaft sich bewußt ist? Und ist diese Heiterkeit etwas anderes, als Reflex der Religion, die ihrem Bekenner jenes Glück bereitet? Man halte mit dieser Charakteristik des Judentums das Signalement desselben zusammen, das in den christlichen Schilderungen, die wir haben Revue passieren lassen, enthalten ist: die drückende Last des Gesetzes, die saure Arbeit um Lohn, das Rechnen mit Gott, die innere Disharmonie, der Wegfall des Gewissens und der Moral, sonstige Kennzeichen — keine kann man nicht sagen, denn der unedlen Züge, die jene Darsteller an dem Judentum aufzählen, ist überhaupt kein Ende. Der Abstand ist so groß, daß man sich unwillkürlich fragen muß, wer denn nun eigentlich die jüdische Religion richtig gezeichnet habe, Jehuda-ha-Levi, auf den A s a r j a d e R o s s i im 16. Jahrhundert sinnig das Bibelwort anwendet: „Hüte dich, den Leviten zu verlassen", oder Wellhausen et tutti quanti, worauf denn die Antwort einem unbefangenen Beurteiler nicht schwer fallen kann. Was aber das Hauptmoment in der von dem erwähnten Religionsphilosophen entworfenen Charakteristik des Judentums bildet, das ist jener das Wesen desselben recht eigentlich erschließende Begriff, wofür die Schriftgelehrten den Ausdruck der „Freude am Gebot", d. h. an seiner Ausübung geprägt haben. Es ist das Frohgefühl des ganz in Gott ausgehenden Menschen, das sich bis zu dem Grade steigern kann, daß es sogar, wie dies auch in dem obigen Auszuge aus dem Kusari angedeutet ist, in äußere Heiterkeit ausbricht. Am besten ist uns dieser Zustand in der Erzählung von R. Akiba und seinem Verhalten vor dem römischen Statthalter Tinnius (in den jüdischen Quellen Tyrannus) Rufus geschildert. Als während des peinlichen Verhörs die Zeit des Schema-Gebetes gekommen war, lachte Akiba bei der Verrichtung desselben, weshalb Rufus meinte, er treibe entweder Zauberei, oder er wolle ihn und die von ihm verhängte Strafe verspotten. Darauf entgegnete Akiba: „All' mein' Lebtage habe ich den Satz gebetet: ,Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und ganzem Vermögen. Ich habe Gott mit ganzem Herzen und ganzem Vermögen geliebt, ob auch mit ganzer Seele? Darüber mich zu Prüfen, hatte ich noch keine Gelegenheit. Jetzt kommt sie (durch den Todesspruch), und ich kann das Schema in dem Bewußtsein beten, daß ich auch die Pflicht, Gott mit ganzer Seele zu lieben, erfülle. Vor Freude darüber lache ich." Akiba war einer der namhaftesten Pharisäer, in seinem Zeitalter und für die Folge richtunggebend, man kann an ihm und seiner selbst noch mit dem Tode spielenden Heiterkeit die Probe auf die Richtigkeit jener finsteren, selbstquälerischen Züge machen, welche dem Pharisäismus in den meisten christlichen Darstellungen angedichtet werden. Es ist im Gegensatz zu dieser Schwarzmalerei pharisäischer Anschauung ein Grundsatz des Pharisäismus, daß Gott nur da gegenwärtig sei, wo weder eine traurige, noch eine ausgelassene Stimmung, sondern die „Freude am Gebot" waltet. Diese ist gemeint, wenn es von den heimkehrenden Wallfahrern heißt: „Sie begaben sich zu ihren Zelten freudig und wohlgemut", sie hatten von dem „Glanz der Gottesgegenwart" genossen. Man ersieht aus diesem leicht zu vermehrenden Ausführungen, daß das Judentum, wie ebenfalls Jehudaha-Levi hervorhebt, seine Bekenner nicht zur Askese verpflichtet, sondern vielmehr zur Freude am Leben anhält. „Die Lebensweise eines Gottesdieners" — bemerkt dieser Religionsphilosoph — „ist nach unserem Glauben die, daß er sich nicht von der Welt lossagt, als wäre fie ihm zur Last, und als verachte er das Leben, das doch zu den Wohltaten Gottes gehört und das ihm Gott auch als eine Wohltat anrechnet. Er liebt vielmehr die Welt und das lange Leben." Schon der mehrgenannte erste Amoräer, Rab, hat den Ausspruch getan: „Der Mensch wird dereinst Rechenschaft oblegen über alles, was die Welt ihm bot und dessen Genuß er sich versagt hat." Die Grundstimmung des religiösen Gemütes, die ihre Resonanz in der Lebensfreude findet, ist also eine heitere, fie wird durch die „Freude am Gebot" unterhalten, und demgemäß wird auch die Lebensfreude geheiligt und temperiert. Hierbei hat man fich folgendes vor Augen zu halten. Das deutsche Wort Gebot entspricht zwar etymologisch dem hebräischen Mizwa durchaus, dagegen besteht hinsichtlich des Gebrauches ein großer Unterschied zwischen beiden. Das Wort Gebot verl ert seinen befehlerischen Klang oder richtiger Mißklang niemals, deswegen erscheint der Ausdruck „Freude am Gebot" wie eine contradictio in adjecto. Das hebräische Wort aber hat den Begriff des Befohlenen ganz fast abgestreift und die Freude, von der wir hier reden, ist eigentlich nicht die Freude an dem, was geboten ist, sondern an dem, was man freiwillig auf fich nimmt. Sie hat ihren Lohn in fich, wie es in den „Sprüchen der Väter" heißt: „Der Lohn der Mizwa ist die Mizwa." (Also ganz wie der letzte Lehrsatz der Ethik Spinozas lautet: „Die Glückseligkeit ist nicht der Lohn der Tugend, sondern die Tugend selbst.") Von einem Arbeiten um Lohn oder gegen Vergeltung kann also keine Rede sein. Das wäre, als wollte man für eine genossene Freude Bezahlung fordern, während man vielmehr dafür zu danken hat, was ja auch den Sinn und die Bedeutung der den frommen Uebungen vorauszuschickenden Segenssprüche ausmacht. In ihnen wird Gott dafür gepriesen, daß er das betreffende Gebot oder die Mizwa, die man auszuüben fich anschickt, erlaffen hat. Aus dieser durchaus von einer freudigen Grundstimmung getragenen und beseelten Frömmigkeit erklären fich manche sehr instruktive, in den Quellen mitgeteilte Züge aus dem Leben der Schriftgelehrten. Einer derselben hatte einst bei der Ernte eine Garbe auf seinem Felde vergessen, und es ergab sich so für ihn die Gelegenheit, die Vorschrift zu erfüllen: „Wenn du die Ernte auf deinem Felde einheimst und vergiffest eine Garbe auf dem Felde, so sollst du nicht zurückkehren, fie zu holen, sondern dem Fremdling, der Waise und der Witwe soll es gehören, auf daß dich segne der Ewige dein Gott in allem deinem Händewerk." Der fromme Mann hieß nun seinen Sohn ein Ganzopfer und ein Freudenopfer darbringen und lud außerdem seine Freunde zu einem Gastmahl. Als der Sohn den Vater fragte, weshalb er sich mit diesem Gebote mehr freue, als mit allen Geboten der Tora, erwiderte er: „Alle Gebote, die uns Gott aufgetragen, find derart, daß wir sie nur wiffentlich erfüllen können, dieses aber kann nur unwissentlich, im Falle des Vergeffens, erfüllt werden, denn mit Willen und Wiffen ist es unmöglich. Dennoch ist Segen dafür verheißen. Wenn also dem Menschen eine unwiffentlich geübte gute Handlung als eine absichtliche angerechnet und diese mit dem Segen Gottes belohnt wird, um wieviel mehr wird es so mit den wiffentlich und absichtlich geübten guten Handlungen sein." Dergleichen Züge haben sich vielfach auch mündlich aus älterer und neuerer Zeit erhalten. So wurde dem Schreiber dieses von einem sicheren Gewährsmanne folgendes mitgeteilt. Der wegen seiner großen Talmudgelehrsamkeit und Frömmigkeit hochgeehrte, aus Frankfurt a. M. stammende Nathan Adler, der dem 18. Jahrhundert angehört, mußte aus der mährischen Stadt Boskowitz, wo er fich aufhielt, Verfolgungen halber plötzlich flüchten. Er hieß deshalb seinen Schüler Moses Schreiber, der nachmals einer der . berühmtesten Rabbiner der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts geworden ist und der damals noch ein Knabe war, eilends ein Gefährte bestellen. Als dieses ankam, fand er ein Pferd und einen Ochsen vorgespannt. Ein derartiges Gespann zu