Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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' ~1 I Nr. 48 Dr. JSlocb s TOocbenscbrrn. Sette 811 Hätte Redner nur irgend welche Aussicht gehabt, daß sein Programm wenigstens teilweise Berücksichtigung finden, seinen Anregungen irgendwie Folge gegeben werde, so hätte er die Flinte nicht ins Korn geworfen, denn er scheide ungern aus einem Kreise, dessen Mitglieder Kollegen zu nennen ihm zur Ehre gereiche. — Redner kommt nochmals auf Eltbogen zu sprechen, bittet um dessen Unterstützung und erwähnt, er werde sich selbst für die Wiederwahl dieses tüchtigen Mannes einsetzen, der allerdings ein Hecht im Karpfenteiche war — die Herren Kollegen werden schon entschuldigen, aber ein Karpfen sei auch kein schlechter Fisch. Gegenüber der in der Versammlung gefallenen Behauptung, daß sich die Kultnsvorstände um ein Mandat bewerben, damit sie sich politisch ausltben können, was ihnen anderweitig nicht möglich sei, verweist kais. Rat Pollak auf die großen Korporationen, denen er angehört, wo er überall nicht nur für die allgemeinen, sondern auch für die jüdischen Interessen eintritt. Schließlich führt er Beschwerde über den Umstand, daß beim Begräbnis des Kultusoorstandes Gottlieb Taussig, der unter großen Opfern die ehemalige Kultusgemeinde Fünfhaus vor dem Konkurs rettete, der anwesende Präsident nicht das Wort ergriffen und auch niemanden dazu delegiert habe. Dies alles, p-rsönliche Verhältnisse, Aussichtslos^ keit der organisatorischen Pläne, hätten Redner die Abschiedsgedanken eingegeben und er bitte nur, ihm ein freundliches Andenken zu bewahren. (Beifall.) Nun erfolgte die Vorstellung der neuen Kandidaten. Als solche sprachen: Kandidat Max Frank. Im Hinblick auf die große Anzahl von Rednern, die für heute zum Worte gemeldet sind, halte ich es nicht für zweckmäßig, Ihre Zeit allzulange in Anspruch zu nehmen, sondern will mich damit begnügen, Sie in kurzen Zügen mit den Absichten bekannt zu machen, die ich zu verwirklichen trachten will, falls mir die hohe Ehre zuteil werden sollte, in den Kultusvorstand unserer Stadt gewählt zu werden. Zunächst möchte ich darauf Hinweisen, daß ich mich in allererster Linie den Humanitären Bestrebungen unserer Gemeinde zu widmen beabsichtige, umsomehr als ich durch mein mehrjähriges Wirken in Instituten, welche sich ausschließlich mit unseren leidenden Stammesgenossen befassen, ihre Notlage genügsam kennen zu lernen Gelegenheit hatte. Voraussetzung aber ist, daß die nötigen Geldmittel vorhanden und verfügbar seien. Deshalb will ich mich mit besonderem Eifer einer Besserung der Finanzwirtschaft der Kultusgemeinde zuwenden. Gewiß ist es richtig, daß man das Gleichgewicht eines Gemeindehaushaltes am leichtesten durch Erhöhung der Einnahmen herstellt und ich werde auch, soweit ich darauf werde Einfluß nehmen können, darauf hinarbeiten, daß die Einnahmen steigend seien. Aber ich sehe meine viel wichtigere Aufgabe darin, die Reduzierung der Ausgaben herbeizuführen, denn ich glaube sicher, daß in dieser Beziehung zwar schon viel geleistet wurde, daß aber da noch immer ein ungeheures Feld zur Betätigung und zum Wohle der Gemeinde für einen ernsten Arbeiter offen ist. Was die Besteuerung anbelangt, so glaube ich, daß man mit aller Energie darauf hinarbeiten müßte, den Maßstab für die Steuerbemessung in der Fatierung an die staatliche Steuerbehörde, beziehungsweise in deren Bemessung zu suchen. Heute erscheint dies aus manchen Gründen, die ich nicht erst anführen will, undurchführbar zu sein, aber was ist nicht schon Alles als unmöglich erschienen, was später möglich war? Sollte es mir beschieden sein, in dieser Beziehung einen Erfolg zu erzielen, so glaube ich damit uns Allen einen wertvollen Dienst geleistet zu haben, zumindest wird die Klage verstummen müffen, daß die Reichen relativ zu wenig, die Minderbemittelten relativ zu viel zahlen müssen. Besonderes Augenmerk werde ich der Frage der Jugenderziehung zuwenden, denn in dieser Beziehung ist noch viel zu tun. Es ist gar kein Zweifel, daß man der Erhaltung des Judentums den größten Dienst leistet, wenn man den Religionsunterricht auf eine richtige Basis stellt. Auf welche Art dies geschehen wird, dies, meine Herren, hier auszuführen, erlaubt mir die knappe Zeit nicht, und ich muß mich damit begnügen, Ihnen zu sagen, daß ich intensiv in dieser so überaus wichtigen und im Interesse von uns allen gelegenen Sache zu arbeiten beabsichtige. Unser Spital und Versorgungshaus find zwei musterhafte Institutionen, an denen wohl auch der schärfste Gegner nichts zu tadeln haben wird, allein bei der fortwährend steigenden Anzahl von leider meist gänzlich unbemittelten Juden, die in unsere Stadt strömen, genügen sie nicht und die Frage der Erweiterung des Spitales wird wohl früher akut werden, als es für die Finanzen unserer Gemeinde nützlich ist. Auch die Errichtung des schon lange geplanten Kinderspitales, welches einem direkt brennenden Bedürfnisse entsprechen würde, erscheint mir so überaus wichtig, daß ich alles daran setzen will, nicht um die endliche Errichtung zu ermöglichen, denn solange kein Geld dazu da ist, wäre dies ja nicht möglich, aber um den Bau eines jüdischen Kinderspitales wenigstens in eine absehbare Periode zu stellen. Wenn ich zum Schluffe noch mit einigen Worten das Armenwesen streifen will, so sage ich mit wenigen Worten: Ueber kurz oder lang m u ß da Wandel geschaffen werden, und das Armenwesen m u ß in moderne Bahnen gelenkt werden. Ob dies nun nach dem viel besprochenen und schließlich auch bewährten Elberfelder System oder auf andere Art geschieht, dies meine Herren will ich hier nicht ausführen und will es einem späteren Zeitpunkte überlasten, meine Ideen darüber zu entwickeln. In jedem Falle steht fest, es darf nicht Vorkommen, daß ein Jude in Wien Hunger leidet, man muß es mit allen Mitteln zu vermeiden suchen, daß er friert oder gar obdachlos ist. Und nun habe ich Ihnen meine Grundsätze und Absichten entwickelt und es erübrigt mir noch, Sie, meine Herren, zu bitten, mir bei der Wahl Ihr Vertrauen zu schenken, deffen würdig zu zeigen ich mich stets bestreben werde. (Lebhafter Beifall.) Kandidat Dr. Hermann Lowi. Mit Ihrer gütigen Erlaubnis gestatte ich mir, über das Sanitätswesen, sanitäre und Wohlfahrts - Einrichtungen unserer Gemeinde zu sprechen. Glauben Sie jedoch nicht, daß ich das Seziermeffer der Kritik anlegen werde oder durch farbenreiche Bilder Ihnen Illusionen bereiten oder gar durch allzu große Schwarzseherei Ihren Tadel herausfordern möchte. Durchaus nicht. Ich will Ihnen die Dinge vorführen, damit Sie dieselben wie in einem Kinematograph sehen und urteilen können. Da komme ich zunächst auf das Spital der israelitischen Kultusgemeinde zu sprechen. Dasselbe ist vor mehreren Jahren durch einen bedeutenden Zubau beträchtlich erweitert worden, in welchem die chirurgische und gynäkologische Abteilung untergebracht ist, nebst dem Operationssaal, der, den neuesten Anforderungen entsprechend, mit allen Behelfen der Hygiene ausgestattet ist. Die gesamte derzeitige Leitung führt Prof. Dr. Oser, der mit aller Energie und Aufopferungsfähigkeit die Anstalt zu einer Musteranstalt gemacht hat, so daß sie mit jeder privaten und öffentlichen ähnlichen Anstalt den Wettbewerb ertragen kann. Nebst zwei Primarien steht ihm ein Stab wohlgeschulter Aer^te zur Seite, geübte Pflegerinnen betreuen die Kranken auf das Gewiffenhasteste. Die hohen Zimmer werden durch geräumige Fenster erhellt. Ein Meer von Licht strahlt durch dieselben. Für genügende Luftzufuhr ist durch Ventilationen gesorgt. Die Beheizung geschieht durch eine Dampfanlage, welche behagliche, gleichmäßige Wärme in Zimmer und Korridor leitet. Auch für Bäder ist reichlich gesorgt. Die Kost ist vorzüglich, so daß es den Pfleglingen an nichts fehlt. Die Einnahmen des Spitales stehen jedoch in keinem Verhältnis zu den Ausgaben. Doch knicken, knausern, geht nicht an, wenn die Anstalt auf der Höhe der Zeit erhalten werden soll, wenn für Verbände, Maschinen, Medikamente viel' verausgabt wird, tief in den Säckel der Gemeinde gegriffen werden muß. Das Kaiser Franz Joseph-Regierungs-Jubilänms-Versorgungshaus und das Siechenhaus find ebenso eingerichtet und stehen in administrativer