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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-11-30 · 48 (30.11.1906) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
48 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 810 s>r. Blocb s TKUocbenscDrui. Nr. 48 alleinigen Zwecke gewidmeten Vereines, immer aber ohne unmittelbare Inanspruchnahme der finanziellen Mittel der Gemeinde näher trete und gleich uns die Schaffung eines derlei monumentalen Zeichens unserer nie wankenden Glaubenstreue und unseres opferfähigen Gemeinsinnes als seine würdige und erhebende Aufgabe erkenne und der allmäligen Verwirklichung zuführe. (Lebhafter Beifall.) Und nun gelange ich zur Vorlage und Begründung der seitens des Wahlkomitees nach gewiffenhafter Prüfung aufgestellten und Ihnen, meine Herren, zu empfehlenden Kandidatenliste. (Hört, hört!) Von den turnusmäßig ausfcheidenden sieben dermaligen Mitgliedern des Vorstandes empfehlen wir fünf zur Wiederwahl, so daß es sich zuzüglich der fünf offenen Stellen im Ganzen um sieben Neuwahlen aus der allgemeinen Kurie handelt. Wenn schon vorhin, bevor ich noch zu meinen Darlegungen gelangen konnte, von einem Teile der Versammlung mit stürmischer Lebhaftigkeit gerufen und interpelliert wurde, warum das aus dem zwanzigsten Bezirke stammende Vorstandsmitglied auf der Kandidatenliste fehle und nicht gleichfalls zur Wiederwahl vorgeschlagen wurde (Rufe: Was hat er verschuldet? Weil es das Präsidium nicht will?), so muß ich vor allem anderen erklären, daß sich das Wahlkomitee in Ausübung seiner freiwillig übernommenen Aufgabe in der vollsten und absolutesten Unabhängigkeit nach allen Seilen und Richtungen hin befindet, und ich mich ganz entschieden dagegen verwahren muß, daß man meine persönlichen Ueberzeugungen und Kundgebungen als durch wen immer beeinflußt verdächtige (Lebhafter Beifall), zumal ich seit vielen, vielen Monaten kein Mitglied des Präsidiums gesprochen habe. Weiters, meine Herren, dürfen Sie niemals die Frage so stellen, warum wurde der und jener nicht kandidiert, denn diese Frage könnte sich, da etwa vierzig Bewerbungen Vorlagen und nur sieben Posten zu besetzen sind, noch dreiunddreißigmal wiederholen und doch niemals befriedigend beantwortet werden, weil man in der Regel nicht berechtigt ist, öffentl'.ch darzulegen, warum ein Kandidat einem großen Wahlkomitee nicht entsprochen hat, letzteres vielmehr nur die seinerseits ausgestellten Kandidaturen zu begründen verpflichtet sein kann. Um aber jedwedem Mißverständnisse in der angeregten Frage zu begegnen, sei hiemit ausdrücklich konstatiert, daß nicht ein einziges Mitglied des ganzen Wahlkomitees die bisherige Betätigung des Herrn E l t b o g e n verkannte oder ein unfteundliches Wort betreff desselben geäußert hat; man war sich zugleich deffen bewußt, daß derselbe auch seinerzeit nicht auf Grund unseres Wahlprogrammes oder unserer Kandidatenliste gewählt wurde, so daß dem Wahlkomitee weder ein Verdienst für die damaliges Wahl des Herrn E l t b o g e n, noch eine Verantwortung für dessen etwaige Nichtwiederwahl zufallen kann (Bewegung). Im Uebrigen, meine Herren, nehmen Sie zur Kenntnis, daß das Komitee bei der schwierigen Sichtung der vorhandenen Anmeldungen und bei der Aufsuchung geeigneter Kandidaturen von dem objektiven, selbstlosen und einzig richtigen Grundsätze ausgegangen ist: „Prüfet alles und wählet d a s' Best e", und daß auf diesem festen Boden unsere Kandidatenliste aufgebaut ist. Gleichwohl ist eine solche Liste, auch wenn sie von einem Komitee ausgeht, welchem man trotz seiner universellen Zusammensetzung, wie sich einzelne Rufe vernehmen ließen, die Bezeichnung als Zentralkomitee nicht zubilligt, keineswegs für irgend einen geehrten Wähler, geschweige denn für die Majorität der Wählerschaft irgendwie bindend; jeder von Ihnen hat seinen eigenen Stimmzettel, er gehe hin und tue seine Pflicht nach seiner Ueberzeugung, gleichwie das Komitee lediglich der eigenen Ueberzeugung gefolgt ist. (Lebhafter Beifall.) In diesem Sinne empfehlen wir Ihnen unsere Kandidatenliste, welche allerdings nicht zunächst unter dem Gesichtspunkte der sogenannten Bezirkskandidaturen entstanden ist, vielmehr von dem höheren Standpunkte aus gebildet wurde, wonach wir unsere Gemeinde als ein großes einheitliches Ganze betrachten, dessen Vorstandsmitglieder auch nicht aus Bezirkssondern aus Gesamtwahlen hervorgehen, und welche alle, ob neu ob alt, wie wir hoffen, ebenso wie wir ihre Funktion unter der unantastbaren Devise erfüllen werden: Das Wohl der Gemeinde sei das oberste Gesetz! (Allseitiger, lebhaftester Beifall.) Kaiser!. Rat Wilhelm Pollak. Hierauf wurde mit großem Interesse der ausscheidende Kultusvorstand kaiserl. Rat Wilhelm Pollak angehört, dessen liebenswürdige und leichte Art der Rede diesmal einen scharfen Grundton aufwies. Redner legte die Umstände seines Verzichtes folgendermaßen dar: Er sei gekommen, um Abschied zu nehmen und einen Rechenschaftsbericht zu geben. Er hatte schon in seinem Bezirk Fünfhaus in der Wühlerversammlung vom 11. November die Absicht zum Scheiden geäußert, da er sich für die Bürde eines Kultusvorstandes nicht jung genug fühle. (Heiterkeit.) Tatsächlich hätte er im Vorstand arge Enttäuschungen erlebt. Seit all den 15 Jahren, da der Bezirk Fünfhaus von der Zentralgemeinde übernommen worden war, hätte Redner, früher Vizepräsident im XV. Bezirk, nichts mehr von seinen Plänen und Wünschen durchgesetzt. Das sei sein Grund zum Abschied gewesen. Trotzdem habe ihm das Wahlkomitee das offizielle Programm zur Unterschrift vorgelegt, in der Absicht, ihn zu kandidieren. Demgegenüber habe Redner in einem ausführlichen Antwortschreiben sein eigenes Programm entwickelt, für das er bisher mit zwei oder drei Gleichgesinnten, darunter dem tüchtigen Ellbogen, leider fruchtlos eingetreten sei. Vor allem hätte er stets eine Verbreiterung und Erweiterung des Steuerzensus, aber nicht nach der bisherigen Weise, angestrebt. Es sei eine Kategorie von 5 fl.-Männern zu schaffen, um die weitesten Kreise zur Mitwirkung herauzuziehen, doch dürfe nicht auf die freiwillige Meldung gerechnet werden, da es eine Utopie ist, beim Steuerzahler: auf derartige Betätigung von Gemeinsinn zu bauen. Mehr aber als diese 10 Kronen — 2.0 Kronen seien als Minimum zu viel — sei der Jude selbst wert, der sich auf diese Weise mit der großen Gemeinde organisch verbindet und lernt, was er mit dem Stimmzettel zu tun hat, so daß er bei politischen Wahlen nicht erst zur Ausfüllung des Stimmzettels erzogen werden muß. Redner denke sich in Zukunft drei Kategorien von Kultusvorständen: In erster Linie die der Höchstbesteuerteu, in zweiter Linie die aus den allgemeinen Wahlen hervorgehenden, der geistigen Aristokratie des Judentums angehörigen Mitglieder, welchen gemeinsam die ideelle Vertretung des Judentums nach Außen hin zufällt, und in dritter Linie die von ihm in Vorschlag gebrachten Obmänner der Bezirkskommissionen, welche — die Bedürfnisse der Bezirke kennend — die Kleinarbeit im Haushalte der Kultusgemeinde zu besorgen hätten. Es ist Tatsache, daß die von der Kultusgemeiude verwalteten Bezirke weit schlechter administriert sind als seinerzeit, wo sie mit Not kämpfende eigene Gemeinden waren und auch jetzt von den unter eigener Regie arbeitenden Bethausvereinen angrenzender Bezirksteile, wie VI., VIII., IX., X. Bezirk rc., übertroffen werden. Für die Bezirke seien weiters genügend viele Andachtsstätten zu errichten. Redner halte es vor allem für wichtig, an den Bau billiger Tempel zu schreiten, um dem Skandal eiu Ende zn machen, daß heute Gottesdienst in einem Lokal abgehalten wird, in welchem bei einer Versammlung gestern vielleicht die Juden „erschlagen" wurden. Er sei weiters vor einiger Zeit aus der Sektion für Unterrichtswesen im Vorstande, wo er sich wegen zweckdienlicher Ausgestaltung des Religionsunterrichtes unter Berücksichtigung der starken Inanspruchnahme der Kinder, speziell in den Mittelschulen, lebhaft bemüht hatte, ausgeschieden, weil er an keinen Fortschritt mehr glauben konnte und mit Ausnahme der Friedhofssektion, wo noch ein Wirken möglich war, mit seinen Anträgen stets in der Minorität blieb.

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