Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 48 (30.11.1906)
- Date
- 1906-11-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 806 Vr. BLoch's Wochenschrift. Nr. 48 aber im ersten Anfang des nächsten eröffnet werde. Jedermann könne bei sich die Bedeutung des Umstandes ermessen, daß der jüdische Kranke in jeder Lage die Pflege einer jüdischen Schwester findet. (Beifall.) Weiters seien die Bestrebungen des Redners ans die Errichtung eines neuen großen Stadttempets als eines Repräsentation Stempels der Judenheit in der Zentrale des Reiches gerichtet. Die Politische Gemeinde hat chr Rathaus und ihre Amtshäuser und der Bestand eines sichtbaren Mittelpunktes in der jüdischen Gemeinde wäre sicher auch ein Mittel zu deren moralischer Stärkung. Weiters habe schon Dr. S t e i u e r davon gesprochen, wie notwendig die Vereinigung aller Juden Oesterreichs wäre durch ein gemeinsames Baud. In dieser Beziehung habe Redner schon vor Jahren den Oesterreichisch-Jsraelitischen Gemein debuud geschaffen, in der Absicht, eine Korporation zu gründen, wie sie in einzelnen Staaten des Auslandes bereits existiert. Diesem Bunde haben sich mehrere hundert Gemeinden bereits augeschlossen und er hat auch schon in wichtigen Angelegenheiten, wie in der Schechitasrage, ausgezeichnet funktioniert. Ziele und Wirkungen der Einigkeit können aber nur erreicht werden, wenn wir Juden alle wirklich Zusammenhalten wollen, Disharmonien nicht aufkommen lassen. Ziehen wir über viele Dinge den Schleier der Vergessenheit, treten wir aufrichtig zusammen ohne Kastengeist und Lokalpatriotismus und schreiten wir vereint der Zukunft entgegen, niemandem zu Trutz, uns zu Nutz, hilfsbereite Brüder der bedrängten Juden des Ostens und starke Kämpfer für das Wahl der Gemeinde! (Stürmischer Applaus, Redner wird beglückwünscht.) Nun erteilt der Vorsitzende das Wort dem Wähler Herrn Josef K o h n, der, von einem kleinen Anhang unterstützt, die Ansichten einer Gruppe von Brigittenauer Wählern über die Kandidateufrage zum Ausdruck brachte uud das Zentral-W.chlkomitee stürmisch angriff: Er habe aus vollem Herzen den Ausführungen des Herrn Präsidenten zugestimmt, welche die Einigkeit so stark betonieu. Diese Einigkeit sei aber sehr in Frage, wenn die Brigittenau so vernachlässigt werde. Es handle sich um einen großen uud volkreichen Bezirk, wo nach der Volkszählung von 1000 die Juden 15% der Gesamtbevölkerung ausmacheu, wo echtes jüdisches Leben herrscht, Gemeiusinu uud Opfermut. Trotzdem sei der Bezirk von der Kultusgemeinde sich selbst überlassen (Widerspruch) und nun sei gar der Vertreter des Bezirkes, Herr E l t b o g e n, vom Zentral-Wahlkomitee nicht zur Wiederwahl ausgestellt worden. Als Grund dafür sei angegeben worden, daß Herr Ellbogen einen Punkt des offiziellen Programmes nicht hätte unterschreiben wollen. Das hat genügt, um an seine Stelle Männer aufzustellen, welche den Bezirk uud seine Verhältnisse nicht kennen. Es sind Träger von klangvollen Namen gewonnen worden. Aber stille Arbeit sei mehr wert als klingende Titel, und die hätte Eltbogen geleistet, der für seine Person das General- Programm des Judentums befolgt: „lwri onauchi — ich bin eiu Jude." Für die 30.000 Juden der Brigittenau hätte dieser Kandidat noch besondere Bedeutung. Denn von den 80 Armenräten des Bezirkes sei keiner Jude und von ihnen sei die Bestätigung für ein Armutszeugnis, für Schulgeld, Pfründe oder Spital für Juden nicht zu bekommen. Da genüge nun bei dem Ansehen des Herrn Ellbogen seine Unterschrift für die Behörden zur Bestätigung. Trotzdem habe ihn das Zentralwahlkomitee geworfen, nachdem man ihm vorerst bedeutet hatte, es mache nichts, daß er den einen Punkt nicht unterschreibt. Einige Brigittenauer hatten umsonst versucht, die Sache wieder gutzumacheu. Trotzdem möge die Wählerschaft für Eltbogen stimmen. Das sei ein Mann, der sich nicht aufzudrängen habe, sondern den man suchen müsse. Die Brigittenau wolle ihn zum Vertreter haben. Bei den Ausführungen des nun folgenden Redners Dr. Herrmann Fialla, der die Programmdebatte großzügig einleitete, gab es heftige Proteste seitens der anwesenden Brigittenauer, denen aber der Redner ruhig standhielt und auf die er schlagfertig replizierte, um schließlich unter großem Beifall zu enden. Vizepräsident des Zerrtral-Wahlkomitees Doktor Herrmann Fialla. Geehrte Versammlung! In fast traditioneller Weise trete ich anläßlich der Wahlen an Euch, werte Glaubensgenossen und Freunde, als Wortführer jenes Wahlkomitees, heran, welches nunmehr seit einem vollen Dezennium, wohl dem Wechsel einzelner Personen unterworfen, doch immer einmütig in dem Bestreben, dem Wohle unserer großen ehrwürdigen Gemeinde zu dienen, deren Schicksale und Entwicklung sorgfältig beobachtet und bei den jeweiligen Wahlen ihres Vorstandes der Wählerschaft seine Anschauungen, Wünsche, Forderungen und Vorschläge unterbreitet hat. W a h l p r o g r a m m und Kandidatenliste sind stets die sichtbaren Formen und Kundgebungen, in denen die Ergebnisse unserer sachlichen und persönlichen Prüfung zum Ausdrucke gelangen, — und auch diesmal bieten wir Euch diese beiderlei Ergebnisse unserer Tätigkeit zu Euerer sorgsamen Prüfung und Genehmigung. Mittels unseres beiliegenden Programmes haben wir uns bemüht, der getreue Dolmetsch jenes überwiegend großen Teiles der Wählerschaft zu sein, dem die friedliche, aber gleichwohl stetige und die höchsten Ziele anstrebende Ausgestaltung unseres jüdischen Gemeinwesens am Herzen liegt, der die Wege des Fortschrittes und die Mittel seiner gesunden Entwicklung einsichtsvoll erforscht und auswählt, der gewagte Experimente ablehnt und insbesondere auch die verlockende Nachahmung und Uebertragung politischer Formen und Errungenschaften^ welche auf staatlichem Gebiete alle Berechtigung und Bedeutung besitzen mögen, mit dem Wesen und den Lebensbedingungen des so ganz anders gearteten Organismus der Kultusgemeinde jedoch unvereinbar erscheinen. (Allgemeiner Beifall.) Der erste Punkt unseres Programmes lautet: „Wir halten daran fest, daß Integrität des Charakters, lebendige Glaubenstreue, reges Stammesbewußtsein, gereifte Erfahrung, umfassende Intelligenz und wahrhaft jüdisches Gemeingefühl diejenigen Männer auszeichnen müsse, welche durch unsere Wahl zu dem ehrenvollen Amte der Leitung und Verwaltung unseres großen Gemeinwesens berufen werden. Wir verlangen und erwarten von diesen Führern und Anwälten der Gemeinde mit Wohlwollen gepaarte und von Engherzigkeit freie Tatkraft innerhalb ihres engeren Pslichtenkreises, doch auch mannhaftes und unerschrockenes Eintreten überall dort, wo Unrecht und Verfolgung im eigenen Lande und zumal die drangsalvollen unmenschlichen Schrecknisse, welche unseren Volksgenossen und Glaubensbrüdern anderwärts bereitet werden, Abwehr und werktätige Hilfe uns als heilige Pflicht empfinden lassen." Halten wir einen Moment inne bei dieser über den Rahmen' der unmittelbaren Aufgaben und Zwecke weit, hinaus reichenden These, welche bestimmt ist, das Bekenntnis der Einheitlichkeit und Zusammengehörigkeit der gesamten Judenheit neuerlich zum Ausdrucke zu bringen. E i n Gott und E i n Volk! (Lebhafter Beifall.) Und damit wollen wir zugleich den giftigen Stachel entfernen, der neuerer Zeit in dem Körper der Wiener Gemeinde zu drücken versucht wird und fälschlich zu einer Unterscheidung zwischen ö st l i ch e n und w e st l i ch e n Juden führen soll. Nimmermehr! Wir umfassen auch unsere g a l i z i s ch e n Glaubensgenossen mit brüderlicher Liebe und stetiger, unablässig bewährter Hilfsbereitschaft (allseitige Zustimmung), denn wir alle sind Eines Stammes.