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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-11-30 · 48 (30.11.1906) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
48 (30.11.1906)
Date
1906-11-30
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 48 Dr. Llocv s MlocvenscvrM. Teile 8V7 Teiles der Tagesordnung werde er eine Diskussion über den Rechenschaftsbericht der Kultusgemeinde eröffnen und eventuelle Anträge und Interpellationen entgegennehmen. Wähler Dr. Zipser beantragt, daß vor allem die Diskussion des Rechenschaftsberichtes vorgenommen werden solle; Wähler P l a s ch k e s wünscht, zunächst an die einzelnen Kandidaten Interpellationen zu richten. Der Vorsitzende verweist auf die Tatsache, daß 12 Kandidaten zum Worte zu gelangen haben und daß es nur billig ist, in erster Linie diesen Herren Gelegenheit zu geben, sich den Wählern vorzustellen. „Wir find eine Wählerversammlung und haben zunächst die Aufgabe, die Kandidaten anzuhören". (Beifall.) Bei der hierauf vorgenommenen Abstimmung entscheidet sich die Versammlung für die vom Vorsitzenden in Vorschlag gebrachte Reihenfolge der Tagesordnung. Von den austretenden Vorstandsmitgliedern richtet zuerst der Vizepräsident Dr. K o h n, mit lebhaftem, demonstrativem Beifall sämtlicher Anwesenden begrüßt, wenige Worte an die Versammlung. Vizepräsident Dr. Gustav Kohn. Geehrte Versammlung! Ich werde den Wünschen der Herren Rechnung tragen, daß der Bericht und die Interpellationen noch zur Sprache kommen können, und mich in meinen Ausführungen sehr kurz halten. Wie den geehrten Herren bekannt ist, gehöre ich dem Kultusvorstande seit dem Jahre 1885, also seit mehr als zwei Dezennien an (Bravo), bin auch seit vielen Jahren Mitglied des Präsidiums. Diejenigen Herren, welche ein Interesse an mir nehmen, dürften mein Wirken und meine Tätigkeit verfolgt haben. Ich bin nicht mehr jung genug, um mich in meinen Anschauungen zu ändern, es kann also das, was ich bisher gewirkt und gearbeitet habe, auch für die Zukunft von mir als Programm bezeichnet werden, ohne daß es der näheren Detaillierung bedürfte. Wenn die Herren mit meiner bisherigen Tätigkeit zufrieden sind und wenn meine Wirksamkeit ihren Intentionen entspricht, werde ich es mir zur Freude und Ehre anrechnen, wenn sie mir das Mandat anvertrauen. (Bravo.) Unter dieser Voraussetzung bin ich auch für die nächste Periode für den Dienst der Gemeinde bereit. (Lebhafter Beifall.) Kultusvertreter Dr. M. Steiner. Beifällig begrüßt nahm dann der ausscheidende, zur Wiederwahl ausgestellte Kultusvorstand Dr. Maximilian Steiner das Wort zu folgenden Ausführungen: Seine bisherige Tätigkeit sei bisher vornehmlich dem Armenwesen und dem Unterrichte gewidmet gewesen. Er sei sich klar darüber, daß seine Pläne auf beiden Gebieten nur schrittweise zur Vollendung gelangen und noch lange Kämpfe Hervorrufen werden. In der Leitung des Armenamtes sei man über eine Unterstützung von Fall zu Fall nicht hinausgekommen. Die Systemisierung, die Zentralisation der Armenpflege, die Kooperation sei an dem Widerstände der Vereine gescheitert, welche fürchten, ihre Autonomie einzubüßen/ und lieber auf eigene Faust Vorgehen. So komme es, daß einige Zweige der Wohltätigkeit überreich versorgt seien, andere fast ganz brach liegen. Unter letzterer sei die Armen-Kinderpflege, für die, abgesehen von einigen Vereinen und wenigen edlen Frauen, gar nichts geschehe, alles sei der Kultusgemeinde überlassen. Diese habe einen Knabenhort für 60 Kinder im 20. Bezirk subventioniert, solche Horte seien aber für wenigstens 1200 Kinder notwendig. Ferner sei die Kultusgemeinde bemüht, die magistratischen Kostkiuder zu übernehmen und sie bei jüdischen Pflegeeltern unterzubringen. Da habe sie manche schlimme Erfahrungen gemacht, weil natürlich nur die Aermsten sich zu dieser Pflege melden. Für kranke Kinder erstrebe Redner einen Annex für das Rothschildspital und eine Kinderambulanz für die Brigittenau. Das seien aber bis jetzt fromme Wünsche geblieben. Auf die Frage des Religionsunterrichtes übergehend, bemerkt Redner, in diesem sei eine Reformation an Haupt und Gliedern notwendig. (Beifall.) In dieser Frage sei das Publikum in zwei Lager gespalten. Viele Eltern sagen, daß ihre Kinder zu viel, andere, daß sie zu wenig Religionsunterricht hätten. Besonders heftig geht der Streit ums Hebräische. Das Hebräische aber sei das einzige Band, durch welches das jüdische Volk zuiammengchalteu werde. (Zwischenruf: Also ist es doch kein Plunder?) Die hebräische Sprache ist das köstlichste Erbe, das wir unseren Kindern hinterlassen. Eine Reformation sei nur in der Methode angebracht, welche eine Wirkung auf Herz und Verstand der Kinder finden müsse. Jni Augenblick, wo man sehen wird, daß sich Erfolge in dieser Richtung einstellen, werden sich alle Parteien versöhnen. (Beifall.) Der Kultusvorstand hat aber noch andere große Fragen von größerer Wichtigkeit. Die Lage der Juden in Oesterreich — ganz abgesehen von den Verhältnissen in den östlichen Nachbarreichen, die einer werktätigen Hilfe bedürfen, — macht einen engen Zusammenschluß zum gegenseitigen Schutz dringend notwendig. Es sei höchste Zeit für ein Kartell, für einen Trust der Juden! Ein enger Verband der Gemeinden würde sich namentlich in kultureller Beziehung nutzbar und fühlbar machen. In früheren Zeiten wurde das in Wien verstauende Judentum durch Zufluß aus kleinen Proviuzgememdeu belebt, wo es eine besonders treue Pflege fand. Das hat heute aufgehört. Kleine Gemeinden haben kein Geld, um Funktionäre zu bezahlen, die Kinder erhalten keinen Religionsunterricht, und so kommt es, daß viele Kinder aus sozial ganz gut gestellten jüdischen Häusern in der Provinz, die nach Wiener Schulen übersiedeln, die krasseste Ignoranz aufweiseu, sogar solche aus Galizien. Da würde ein Verband zu gegenseitiger Stütze Segen bringen. Schließlich sei auch in politischer Beziehung ein jüdischer Verband mit Wien als Vorort unaufschiebbar, es sei Zeit, daß in Oesterreich eine Zentralkraft in die Bresche trete, welche noch rette, was zu retten sei. Das seien die Absichten und Ansichten des Redners und auf dieser Basis stelle er sich der Wählerschaft zur Verfügung. (Lebh. Beif.) Präsident Dr. Alfred Stern. Hierauf hält Herr Präsident Dr. Alfred Stern seine Kandtdatenrede, nachdem ihm das Publikum seine Sympathien durch einen herzlichen Empfang gezeigt hatte. Redner erinnert daran, daß er gleich anfangs den Wunsch geäußert habe, die Alten möchten möglichst kurz sein, um den neuen Kandidaten zur Entwicklung ihres Programmes und der Versammlung zur Aeußerung ihrer Ansichten in Debatte und Interpellationen Gelegenheit zu geben. Kollege Dr. Steiner habe ihm diese Absicht erleichtert. In dem, was er vorgebracht habe, sei Redner mit ihm im gleichen Schritt gegangen. Durch 20 Jahre, die er dem Vor stände angehöre, sei sein Augenmerk besonders jenen Wünschen zugewendet gewesen, welche eine Verbesserung des Religionsunterrichtes verlangen. Nun sei man endlich einer gedeihlichen Lösung um eineu großen Schritt näher gekommen durch die Gründung des n e u e n S e m i n a r s f ü r jüdische R e l ig i o n s l e h r e r. Sv sei es endlich gelungen, für einen tüchtigen Nachwuchs befähigter Lehrer zu sorgen. Die Anstalt sei ans eine möglichst breite Basis gestellt worden, um Ersatz dafür zu schaffen, weil die allgemeinen Lehrerbildungsanstalten Juden nicht aufnehmen. Außer den allgemeinen Disziplinen sei auch ein pädagogischer Kurs für die Lehrer der jungen Generation eingeführt. (Beifall.) Redner könne auch über die endliche Erfüllung eines anderen von ihm erstrebten Wunsches berichten. In jüngster Zeit habe in der Gemeindestube eine Sitzung stattgefunden, u elche die Errichtung eines jüdischen P f l e g e r i u n e n h e i m s beschloß. (Bravo.) Dre Bemühungen des Präsidenten haben es dazu gebracht, daß für diesen edlen Zweck ein Betrag von 125.000 K für den ersten Anfang zur Verfügung gestellt wurde und daß Garantien dafür vorhanden sind, daß das Pflegerinnenheim noch im Verlause dieses Jahres, sicher

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