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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-11-23 · 47 (23.11.1906) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
47 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 802 Vt. Bimii'ö Worlrenfrlrrtfr. Ar. 47 sondern das beweisen auch die in dieser Ausstellung zu sehenden Kunstwerke der verschiedensten Art aus früheren Jahrhunderten. In erster Reihe ist hier die Gold- und Silberschmiedekunst zu nennen. Der Jude früherer Zeiten mußte nach außen hin den Schein der Armut tragen, um den Neid der Feinde nicht zu wecken, und wenn wir noch dazu nehmen, daß der Jude oft Kopfsteuer zahlen mußte, die nach ihrem Vermögen oft willkürlich von den Steuereinnehmern geschätzt oder vielmehr überschätzt wurde, so ist es leicht zu verstehen, daß er Interesse daran hatte, arm zu scheinen. Zuhause aber und in der Synagoge, da entfaltete er seinen Reichtum und tat dies, in schöner Weise, zumeist durch Anschaffung wertvoller, zu religiösen Zeremonien verwendeter Gegenstände. Aus jener Zeit (16.—18. Jahrhundert) stammen denn auch die vielen Thorarollen mit echten Gold- und Silberhandhaben, Kronen, Glockenaufsätze, Schilder, Mäntelchen und Binden in kostbarster Ausführung, oft mit echten Edelsteinen verziert, ferner Vorhänge für die Bundeslade, ewige Lampen, Sederschüsieln, Hawdolohbüchsen, Chanukkah- und Sabbathlampen, von deren wahrhaft künstlerischen Ausführung man sich schon durch die Bilder, die in den genannten Zeitungen gebracht wurden, einen Begriff machen kann. Die meisten dieser Kunstwerke gehören Frau Salomon Saffoon und ihrem Sohne David. So auch eine ganz winzige auf hochfeinem dünnen Pergament wundervoll geschriebene Thorarolle mit Silberhandhaben, vollem Schmucke aus kunstvoller Filigran - Silberarbeit, das ganze ist nur 3 Vr Zoll hoch. Eine andere ähnliche Thorarolle ist im ganzen 4 Zoll lang, eine überaus alte deutsche Arbeit. Ferner gibt es in dieser Kollektion auch durch besondere Größe auffallende Stücke, so die für ein Zimmer bestimmte Bundeslade (Thorabehälter) aus massivem Silber, 2'/- Fuß hock, deutsche Handarbeit aus dem Jahre 1749. Hervorgehoben werden unter anderem auch eine Silberhand zum Zeigen beim Vorlesen aus der Thora, mit echten Edelsteinen besetzt, im Besitze des Chief-Rabbi Dr. Adler, eine Chanukkahlampe mit eingravierter Inschrift, italienische Arbeit aus dem 16. Jahrhundert, Eigentum des Chacham Dr. Gaster, verschiedene der kostbarsten und kunstvollsten Gegenstände, die aufzuzählen natürlich zu langwierig wäre. Besonders erwähnt muß aber die Manuskripten- und Bücherausstellung werden. In Bezug auf hebräische Manuskripte steht natürlich in erster Reihe der gelehrte Sohn des verstorbenen und Bruder des jetzigen Chief-Rabbi, Herr Rechtsanwalt Elkan . Adler in London, deffen Sammlung die drittgrößte der Welt sein soll (größer ist nur die der Bibliothek in Parma und der Bvdlejana in Oxford). In der Reihe der aufgezählten Manuskripte fallen einige besonders auf. So zum Beispiel eine Talmud-Handschrift aus dem 13. Jahrhundert. Das älteste bekannte Manuskript in seiner Art ist eine egyptische Handschrift eines Gebetbuches aus der Cairo-Genizah, ein Kommentar ‘ des Toßafisten, zum Pentateuch vor 1290 geschrieben; Originalbriefe von und an Maimonides; ein Machsormanuskript aus dem 12. Jahrhundert, ein Dokument aus dem Jahre 832, das älteste auf Papier geschriebene Schriftwerk; aber auch gedruckte, wertvolle Werke in großer Zahl finden sich in dieser Sammlung, so ein Türexemplar aus dem Jahre 1475, dies soll das erste gedruckte hebräische Buch sein; Responsen des Rashba von Jahre 1480, . Nofet Zttfim“, gleichfalls 1480, ferner viele der ältesten Druckwerke auf Pergament mit Illustrationen. An zweiter Stelle steht die Bibliothek des Mr. I. Solomons, dann folgen noch der Chacham Dr. Gaster und der zweite Rev. an der Bayswater Synagoge Dr. Gollancz. Es ist überhaupt bewundernswert, welch reichhaltige Bibliotheken und Bildergalerien die zwei letztgenannten Herren und der Oberrabbiner besitzen. — Zum großen Teile ist diese Ausstellung den Zionisten zu danken. Dr. Gaster, der»selbst eifriger Zionist ist, (er hat z. B. seinen im Sommer geborenen Sohn den Namen «Theodor Herzl Gaster" gegeben) hat sich in aufopferungsvoller Weise um das Zustandekommen desselben bemüht, aber auch der Chief-Rabbi hat redlich mitgcholfen, denn wenn auch nicht alle Inden in England Zionisten sind, Antizionisten gibt es sehr wenig. Einen rein zionistischen Zug zeigen die modernen Malerwerke, die durchwegs von zionistisch n Mylern ausgestellt wurden. Hier finden wir eine Menge schon bekannter Namen; so Samuel, Amschewitz, Leowmann, Miß Lion, M. Macinon. Besonders ergreifend ist das Bild des letzteren: „Rückkehr vom Kriege".' Da sehen wir einen alten Mann über seinem Buche gebeugt, die Leichen keiner erschlagenen Frau und Töchter bewachen. Der Sohn kehrt aus dem Kriege als Krüppel, der sich nur mit Hilfe von Krücken fortbewegen kann, heim und findet die eben geschilderte Szene als Belohnung für seine Heldentaten vor. Ein anderes Bild stellt vertriebene russische Juden auf der Suche nach einem neuen Vaterlande vor. Man sieht ihnen den früheren Wohlstand noch an, ihre Kleidung ist Sammt, Seide und Pelzwerk und nun stehen sie auf offenem Felde im Schnee und Sturm obdachlos, hilflos da. Aehnliche Motive zeigen die Bilder „Wanderer" von S. R. Samuel und „Verstoßen" von Miß Hands. Es gibt also, wie schon aus dem Gesagten ersichtlich, eine ganze Menge Sehenswertes in dieser Ausstellung, trotzdem es „nur eine jüdische" ist. Vielleicht wäre es gar kein so unmögliches Unternehmen, auch in Wien eine ähnliche Ausstellung zustande zu bringen.. Der Verein zur „Erhaltung jüdischer Kunst und Altertümer in Wien" würde durch eine derartige Anregung sehr Verdienstliches leisten, denn ein solches Unternehmen kann nur dazu beitragen, den Sinn für jüdische Geschichte und Kunst und dadurch das jüdische Gefühl selbst zu heben. Zur Londoner Ausstellung habe ich nur noch eines zu bemerken. Die Eröffnungsfeierlichkeit hat, wie mir ein Bekannter voll Stolz schrieb, ein christlicher Reverend (Geistlicher) namens Canon Barnett vorgenommen. Es ist gewiß sehr schön von diesem Herrn, daß er dies getan, ihm stellt es nur das Zeugnis wirklicher Toleranz aus (er soll auch wirklich ein warmer Freund der Juden sein), aber hätte es nicht besser dem Chief-Rabbi gepaßt? Wir Juden haben so viel schon dulden müssen, daß wir nun schon aus Gewohnheit, das Rückgrat verloren haben, und glauben uns immer um christlichen Schutz bewerben zu müssen, selbst wo es sich um rein interne Angelegenheiten handelt und selbst — im freien London. Kostet, am 20. November 1906. . Rabbiner Dr. Duschinsky. Nachschrift der Redaktion. Wir sind nicht in der Lage, in diesen Tadel einzustimmen. Im Beisein der Herren Chief-Rabbi Dr. Adler, Chacham Dr. Gaster und anderer hervorragender Glaubensgenossen ist durch den Domherrn B a r n e t t die jüdische Kunstausstellung eröffnet worden. Der Herr Chief-Rabbi leitete die Eröffnungsfeierlichkeit mit einer Ansprache ein, in welcher er cs als überflüssig bezeichnete, Herrn Domherrn Barnett in diesen Räumlichkeiten den Versammelten vorzustellen. Der edle Priester hat sich bei uns Juden rühmlichst bekannt gemacht. Denn, wie Rev. Dr. Gaster in seiner Rede hervorhob, ist seine Teilnahme an der Ausstellung nicht der erste und einzige Akt seiner Sympathie für unsere Nation; sie bildet vielmehr nur ein Glied in einer langen Kette von Diensten, die er uns bereits geleistet hat. Als das Herabdrücken der Arbeitslöhne, wobei es sich um das Wohl und Wehe auch von Tausenden jüdischer Arbeiter, namentlich Schneider, handelte, und noch später, als die Zulassung des Sonntagsmarktes diskutiert wurde, hat Canon Barnett sich sehr nachdrücklich für die Berücksichtigung der jüdischen Interessen und Anschauungen eingesetzt. Nicht weniger lobenswert war seine Stellungnahme gegenüber dem Fremdengesetz. Wenn alle Nichtjuden uns so gut kennen würden, namentlich auch die ärmeren unter uns, wie Canon Barnett, dann gäbe es keine Judenverfolgungen mehr, die ja, wie schon oft bewiesen, im Aberglauben und gänzlicher Unkenntnis des jüdischen Charakters ihre Quelle haben. Und es geschah auch hauptsächlich zu dem Zwecke, um eine bessere Kenntnis und gerechtere Würdigung von Juden und Judentum unter dem Christentum zu vermitteln, daß Canon Barnett an dem Zustandekommen dieser jüdischen Kunstausstellung so unermüdlich mitgewirkt hat. Da kann man es nur billigen, daß einem solchen Manne die Eröffnung der Ausstellung übertragen wurde.

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