Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 47 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Ülr. 47 Dr. Blocb 3 Mocbenscbrm, Seite 801 Feuilleton. Das Talent der Talrntiostgkeit. Es ist eine von der Naturgeschichte erwiesene Tatsache, daß nur jene Wesen ihre Existenz im Kampfe des Daseins behaupten, die die Eigenschaft besitzen, den klimatischen, örtlichen und anderen Lebensbedingungen sich anzupassen: mit einem Worte, die von Natur aus eine Art von Anpassungsvermögen sich mitgebracht haben. Das gilt sowohl vom animalischen, als auch vom geistigen und gesellschaftlichen Leben. Diese Assimilationskraft muß aber nicht immer von positiver Beschaffenheit sein, sie kann auch einen passiven, ja sogcr einen negativen Charakter haben, Hauptsache dabei ist nur die Nutzanwendung. Mein Freund „Was schadet er mir" behauptet, seine Existenz in dem gesellschaftlichen Mitbewerb nicht durch positive Eigenschaften, von denen er keine einzige besaß, sondern nur durch negative.... Schon sein Anblick wird Dir sagen, daß er Dir gar nichts zu sagen hat; seine leblosen, wasserfeuchten Augen, die gar nichts ausdrücken, sein fades, nichtssagendes Gesicht, sein halbblödes Lächeln, das, wenn man es länger studiert, man als einen Zug von schmachtendem Verlangen entdeckt. Und ein Schmachten war es auch, das sein ganzes Innenleben beherrschte, ein Schmachten nach Ehre und nach gesellschaftlicher Stellung. Um aber in dem Kampfe gegen die Mitbewerber sich zu behaupten, gehören Fähigkeiten, Talente und Kräfte, oder zum mindesten konventionelle Mittel, die diese, ersetzen, lauter Dinge, die bei ihm ganz und gar ausgeblieben sind. Da erkannte er mit dem Instinkte eincs jeden Tieres, das die Fähigkeit besitzt, sein Dasein zu behaupten, in sich etwas, das ihn tatsächlich vorwärts brachte, und dieses Etwas ist die Kraft, die in der Ohnmacht liegt, das Talent, das in der Talentlosigkeit vorhanden ist. Er erkannte nämlich, daß jede repräsentative Körperschaft sich wie alle * anderen Organismen auS einem Kopfe und Gliedern zusammensetzt und daß unter diesen Gliedern höher und niedrig funktionierende vorhanden sind, ja, daß unter diesen ein Organ sich findet, dessen Funktion von Niemanden gekannt ist und das nur dazu bestimmt zu sein scheint, einen leeren Raum auszufüllen, wie beispielsweise der Blinddarm. Diese Erkenntnis verhalf ihm zum Siege. Er bot sich an und fand auch in allen vertretenden Körperschaften willkommene Ausnahme in der Eigenschaft als Lückenbüßer, als Platzhalter, als funktionsloser Blinddarm. . . Alle führenden Elemente sehen gerne Nullen an ihrer Seite, da diese sie zu Zehner und Hunderter hinaufbesördern, während andere, die gleichsam Zahlen für sich bilden, sie durchaus nicht zur vollen Geltung kommen lassen. Sie förderten daher nach Möglichkeit seine Wahl, damit ja nur die Lücke ausgefüllt werde, die sonst' eine ihren Wert vermindernde Zahl einnehmen könnte. Und so findest Du unfern ..Was schadet mir der" überall in allen Vertretungen, in allen Ehrenämtern, in allen Stadtverwaltungen, ja, Du findest ihn überall in der Eigenschaft als Lückenbüßer, als eine Art gut zu verwendende, wertvolle Nulle. Besonders zustatten kam ihm bei jeder Wahl der Jndifferentismus der Wähler. Parteiinteresse unterscheidet sich bei jeder Wahl vom Jndifferentismus nur in der Stellung der Frage. Parteiinteresse nämlich fragt sich immer bei der Wahl eines Kandidaten: „Was nützt mir der?" Jndifferentismus hingegen: „Was schadet mir der?" — Ersteres sucht in dem Vertreter die Nutzbringlichkeit und letzteres gibt sich zufrieden mit dessen Unschädlichkeit. Die Männer daher, die dank seiner Nichtigkeit, ganz besonderes Interesse au' seiner Wahl hatten, wußten auch die indolenten Wähler mit der Phrase zu ködern: „Der Mann hat ja in seinem ganzen Leben noch niemand geschadet". Und das verfing auch, denn in der Regel vereinigte er bei jeder Neuwahl auf sich die meisten Stimmen. Und so behauptet sich unser „Was schadet mir der" seit vielen, vielen Jahren in allen repräsentativen Körperschaften, ohne daß jemand wissen kann, was er eigentlich dort vorstellt und worin seine eigentliche Stärke zu suchen ist. Ja, seine Stärke besteht eben in der Ohnmacht, s e i n T a l e n t in d e r T a l e n tlosigkeit. NathanSamuely. Indische Ausstellung in London. Am 6. November l. I. ist in London eine Ausstellung für jüdische Kunst und Altertümer in der Whitechapel Art- Gallery eröffnet worden. Indem ich die diesbezüglichen Berichte in den Wochenblättern „Jewish Chrvnicle" und „Jewish World" und den Katalog dieser Ausstellung lese, sehe ich mich nahezu veranlaßt, einige abfällige Aeußerungen, die ich in meiner kurzen Beschreibung des Londoner jüdischen Lebens*) getan, zu widerrufen. Es zeigt entschieden von pulsierendem jüdischen Leben, daß eine solche Ausstellung überhaupt zustande kommen konnte. Freilich, wenn wir tiefer schauen, bemerken wir gar bald, daß e» eigentlich nur eine Ausstellung oder besser gesagt Schaustellung jüdischer Gefühle sei — für äußerlichen Prunk ist der Londoner Jude überhaupt sehr empfänglich. (Ein kleiner Beweis: In beiden obgenannten Blättern findet sich auf der ersten Seite stets eine ganze Familien-Chronik. Wer es sich nur irgendwie leisten kann, der stellt nicht nur Gebnrts-, Todes¬ oder Verlvbuugs- und Vermählungs-Anzeigen, sondern auch jeden Geburtstag, jeden Jahrzeitstag in die Zeitung: bei Verlobungen oder Heiraten, mögen es die einfachsten, unbedeutendsten kleinen Leute sein, sehen wir oft die Bilder des Brautpaares, gleichwie bei Herrschern, in den Zeitungen abgebildet.) Doch zuweilen ist auch dieser Hang nach Aeußerlichkeiten ein Vorzug und oft kommt durch das kleinlichste und egoistischeste Mittel ein schöner Erfolg zustande. So auch in diesem Falle. Denn diese Ausstellung ist unstreitig sehr gelungen und das Veranstaltungskomitee, in dessen Reihen wir wohlklingende Namen wie: Oberrabiner Dr. Adler, Sassovn, Solomon I. Solomon, Jos. Abrahams, Chacham Dr. Gaffer, Banquier Japhet u. v. a. finden, kann stolz auf das wohlgelungene Werk sein. Als Einleitung zur Beschreibung der Ausstellung bringt „I. W." eine Reflexion über jüdische Kunst überhaupt und sagt u. a.: „Als man sich mit dem Plane befaßte, diese Ausstellung zu arrangieren, hörte man zwei diesbezügliche Ansichten: die einen leugneten überhaupt die Existenz einer jüdischen Knust, andere wieder sagten, es gebe wohl keine reiche jüdische Kunst, aber es gebe doch eine und daher werde die Ausstellu.tg auch zustande kommen." Wenn wir den Katalog durchlesen, müssen wir zugeben, daß beide Ansichten Unrecht gehabt. Tie Reichhaltigkeit des Gebotenen übcrtrifft weit die Grenzen aller Erwartung. Kunstwerke der Malerei aus alter Zeit finden wir allerdings sehr wenige, doch dies hängt mit dem Wesen der jüdischen Religion zusammen. Das zweite Gebot „Du sollst Dir keine Abbildung machen von allem, was oben am Himmel und unten aus der Erde ist" wurde ja bekanntlich fteis so strenge beobachtet, daß selbst Möbel- oder Gebäude-Ornamente, so sie eine lebende Figur darstellten, verstümmelt werden mußten. Alle plastische Kunst hat dem Juden unmoralisch geschienen. Vielleicht eben deshalb, weil die alten Völker ihre Gottheiten plastisch dargestellt, hat das Judentum mit seinem unerschütterlichen Glauben an den unsichtbaren, körperlosen Gott alle Formengebilde als Götzen verabscheut: wo Vielgötterei geherrscht, da mußte jeder Gott eine andere Form haben, die Juden aber hatten stets nur einen Gott und der lebte in ihrem Herzen, der bedurfte keiner äußerlichen Gestalt, der durste keine haben. Doch daß den Juden trotzdem nicht jeder künstlerische Sinn abgesprochen werden kann, das beweist nicht nur die große Zahl ihrer jetzt lebenden Künstler aus den letzten Jahrzehnten, *) Siehe Nr. 35 d. Bl.