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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-11-23 · 47 (23.11.1906) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
47 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 796 Dr. Mocb's MocbenscbrlN. Nr. 47 Auf Antrag des Herrn Neufeld wurden die Herren Heinrich Neufeld, Siegfried Stein und Anton Pick von der Versammlung designiert, mit dem Zentralwahlkomitee sich in Verbindung zu setzen und die nominierten Kandidaten als offizielle zu empfehlen. Auf Antrag des Herrn Stein wird dem Vorsitzenden, Herrn Beer, der Dank der Versammlung ausgesprochen. Zu den mährischen Landtagswahlen. Schon vor langem wiesen wir in unserem Blatte darauf hin, was für Elemente die neue Wahlordnung in das Parlament entsenden werde, Radikale aller Parteien, die meisten von radikal-antisemitischer Färbung. Mähren, wo die neue Ordnung schon ein Muster schuf, hat den Beweis erbracht. Es wurden dort die gemäßigten bürgerlichen Parteien zugunsten der Extremen fast aufgerieben, als die breiten Massen zu Worte gelangten. Die allgemeine Kurie des Landtages wurde vorwiegend zur Kurie der deutschen und tschechischen Antisemiten. Namentlich die Deutschen laben ein schönes Bild ihres Charakters dabei geliefert. Vergessen war im Augenblick, was für riesige Opfer die Juden ihnen durch Jahrzehnte gebracht hatten, als man die Satelliten nicht mehr brauchte, und fast überall wurden Kandidaten von bekannt antisemitischer Gesinnung dankerfüllt aufgestellt, meist Frei-Alldeutsche, Anhänger des verzuckerten Nationalheros K. H. Wolf. Aber siehe da — die Sozialdemokraten schienen gefährliche Rivalen werden zn wollen, und um diesen zu begegnen, war vielen deutschen Kandidaten Paris eine Messe wert und sie hängten sich in der kritischen Zeit ein mehr oder minder dickes liberales Mäntelchen um. Daher kommt es auch, daß die Gewählten von der Wiener liberalen Presse für den Freisinn reklamiert werden, während sie fast ausnahmslos stramme Antisemiten sind. Das wußten die jüdischen Wähler auch und wehrten sich, jedoch standen sie leider im Gegensatz zu ihren Führern, die mit trauriger Besorguis um ihre Ehrenstellen in den Gemeinden nicht überall den nötigen gewappneten Widerstand gegen die Aufstellung antisemitischer Kandidaten entwickelten. Wir haben den Fall von Ostrau, wo der Frei-Alldeutsche Freister mit Zustimmung der führenden Juden ausgestellt wurde, bereits beleuchtet und erhalten wir aus Jglau Nachrichten, welche auch von hier einen ähnlichen Stand der Dinge berichten. In Jglau wurde der Frei Alldeutsche Rudolf Müller, dessen antisemitische Gesinnung bekannt ist, vom sogenannten deutsch-freisinnigen Wahlkomitee ausgestellt und aus Furcht vor den Sozialdemokraten ein bischen liberal aufgeputzt. Selbstverständlich hätte ig genug wirklich freisinnige Würdenträger gegeben, welche gewählt worden wären. Doch der Edelmut und die Geradheit beweisen nach H. St. Chamberlaiu die Vornehmheit der germanischen Nasse. Selbstverständlich hätten auch in diesem Falle die maßgebenden jüdischen Führer den schärfsten Protest erheben und die Folgen ziehen müssen. Statt dessen empfahlen die Spitzen der Kultusgemeinde den Antisemiten Müller den Juden ohne Widerspruch zur Wahl, obwohl als freisinniger Gegenkandidat der Sozialdemokrat Freundlich sich bewarb! Wenn etwa die Herren nicht um ihre Stadtverordneten- Mandate besorgt waren, sondern glaubten, mit den Wölfin heulen zu müssen, dar it die Juden Ruhe haben, so ist denn das wohl ein sehr lächerliches Prinzip. Denn wenn man sich um den Antisemiten reißt, so will man auch den Antisemitismus. Wegen der judenfeiudlichen Deutschen, von denen man in keiner Beziehung etwas hat, die freisinnigen Sozialdemokraten gegen sich aufzuhetzen und dann zwischen zwei Feuern zu stehen, ist ein Schildbürgerstreich. Welchen Ton man übrigens gegenüber den Trabanten einschlägt, darüber folgende Stelle aus einem Wahlaufruf der Deutschen im Jglauer „Grenzboten": „Die israelitische Währschaft warnen wir in ihrem eigenen Interesse, sich von der übrigen Bevölkerung zu separieren; es könnte Konsequenzen zeitigen, welche die Israeliten selbst am meisten zu bedauern hätten. Wollen sie schon für Müller nicht stimmen, so sollten sie sich wenigstens von der Agitation für Freundlich fernhalten." Weiter läßt sich die Impertinenz, die Diktatur über die staatsbürgerlichen Rechte der Juden nickt treiben. Diese anmaßenden Frechlinge sollen Freunde sein? Man bekommt durch ihre Worte die Gewißheit darüber, daß man in Jglau die jüdische Moral verkauft hat, ohne einen Preis dafür zu bekommen. Auch das zum Guten! Die jetzigen Wahlvorgänge in Mähren sind eine Warnung für die mährischen und alle Juden, geschlossen vorzugehen und überall iwhldurchdachte, kühle und ehrenhafte Politik zu treiben. — y. Leihnik Samstag den 10. November fand im Cafe Lachs eine Wählerversammlung der Wähler der allgemeinen Kurie statt. In dieser Versammlung erschien auch der antisemitische Kandidat Herr Karl Prayon. Die Wählerversammlung war ungemein stark besucht, so daß der Saal bis auf das letzte Plätzchen gefüllt war. Die sonst so friedliche Stimmung zwischen jüdischen und christlichen deutschen Wählern wird über die Aufstellung des antisemitischen Kandidaten Prayon zu einer ziemlich gereizten. Prayon führte in verworrener Weise seine Stellungnahme zum Antisemitismus aus, wollte aber mit seiner persönlichen Ueberzeugung nicht herausrücken. Kultnsvorsteher David Spitzer hat aber schon während seiner Rede durch wiederholte Zwischenrufe ihn derart in die Enge getrieben, daß er fast sprachlos war und schließlich seinen persönlichen Antisemitismus zugestehen mußte. Nach Prayon ergriff Dr. Schmidt das Wort und trat energisch für die Wahl des Prayon ein. Da ergriff Kultusvorsteher Herr David Spitzer das Wort und erklärte, daß er durchaus nicht willens sei, den Kandidaten zu interpellieren, da keine wie immer geartete Erklärung des Kandidaten ihn von der festesten unumstößlichen Ueberzeugung abbringen kann, daß die deutsche Arbeiterpartei eine Tochterpartei der frcialldeutschen Partei sei, was die eifrige Anteilnahme des Abgeordneten Wolf für dieselbe beweise, sowie weil die ganze politische Vergangenheit und Tätigkeit des Kandidaten in der gesamten jüdischen Wählerschaft die Ueberzeugung von seiner antisemitischen Gesinnung erwecken müsse. Niemand kann es daher den Leipniker Juden, die sonst immer mit den deutschen Bürgern der Stadt Schulter an Schulter in den Wahlkampf gezogen, zumuten, daß sie diesmal wieder mittun sollen. Beim ersten Wahlgange hat auch der größte Teil der jüdischen Wähler für den Sozialdemokraten Schloßnikel seine Stimme abgegeben. Kultusvorsteher David Spitzer hat für Donnerstag den 15. November eine Wählerversammlung der jüdischen Wähler einberufen. In der zahlreich besuchten Wählerversammlung, der, nebenbei bemerkt, auch Dr. Schmidt beiwohnte, machte Kultusvertreter Spitzer nachstehende Mitteilung: Nachdem Montag den 12. November amtlich bekannt wurde, daß zwischen den Kandidaten Prayon und Schloßnikel eine Stichwahl stattfindet, wurde ich von der deutschen Parteileitung zu einer Besprechung geladen, selbstredend habe ich dieser Einladung Folge geleistet, und auf die Frage, welche Stellung ich bei der Stichwahl einnehmen werde, die dezidierte Erklärung abgegeben, daß ich von der Samstag in der Wählerversammlung abgegebenen Erklärung auch nicht ein Wort zurücknehme. Nach langer Debatte erklärte die Parteileitung, mir eine Resolution zuzuschicken, und mich zu bitten, die jüdischen Wähler zu einer Besprechung einzuladen; ich sagte dies zu, nachdem ich doch die Resolution nicht im Namen aller Wähler beantworten kann. Nachdem die Resolution verlesen ward, die ziemlich devot war, sagte Spitzer: Meine Herren! Ich erlaube mir, bevor ich die Debatte eröffne, ihnen meine Ansicht mitzuteilen. Vorausschicken muß ich jedoch, daß ich dies nicht in Form eines Antrages tue, da ich durchaus nicht präjudizieren will. Nachdem es meiner Ansicht nach fast gänzlich ausgeschlossen ist, die Wahl des Prayon zu verhindern, nachdem wir weiter durch unfern nur gerechten Vorgang am Samstag zur

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