Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-11-23 · 47 (23.11.1906) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
47 (23.11.1906)
Date
1906-11-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021704--15909-3040701
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 47 k/c. JBiocb’s WocbensctxuL Teile 791 Helden vor dir wie ein Nichts, und die Männer von Namen, als waren sie nie gewesen, und die Weisen wie Un vissende und die Verständigen wie Unverständige? Denn ihrer Werke Fülle ist nichtig, ihre Lebenstage sind eitel vor dir, und der Mensch hat keinen Vorzug vor dem Tier, denn alles ist eitel." Aehnlich lautet der Eingang zu den Bußgebeten (Selichoth): „Dein, o Gott, ist die Gerechtigkeit, unser ist die Scham. Was klagen und reden wir, was könnenwir zu unserer Rechtfertigung Vorbringen? Wir wollen unseren Wandel untersuchen und erforschen und zu dir zurückkehren, denn deine Rechte ist ausgestreckt, die Bußfertigen aufzunehmen. Nicht mit Liebestaten und guten Werken kommen wir zu dir, sondern gleich Armen und Dürftigen klopfen wir an deine Pforten. An deine Pforten cklopfen wir. Barmherziger und Gnädiger, weise uns nicht leer von dir weg." (Fortsetzung folgt.) Der Koisl vom Luchsen. Allen Trost, den die Juden unter der christlichsozialen Herrschaft brauchen, schöpfen sie aus dem einen, gutgläubigen Worte: „Wir können warten!" Sie glauben beim Anblick der Komödie im Wiener Rathaus, das sei nur ein Zwischenspiel, eine Burleske des zwanzigsten Jahrhunderts und der Vorhang müsse in jedem Moment fallen, um sich erst wieder zu einer Szene zu erheben, in welcher die Gerechtigkeit siegt und das Laster bestraft wird. Sie hoffen noch Zeugen zu sein, wie man auch das Luegertum auf den politischen Friedhof hinausträgt, damit es dort neben dem ebenso selig entschlafenen Liberalismus beigesetzt werde. Denn das Volk von Wien ist wandelbar und modesüchtig, es werde gewiß die eire6U868, die Hetz' beim „Luchsen" und beim „Wilden Mann" satt bekommen, umso eher, als mau ihm das panem, das versprochene Huhn im großen Topf des kleinen Mannes nicht gebe. Und so freuen sich viele, wenn wieder einmal, was so häufig geschieht, ein stützender Barrierestock des Lueger'schen Thrones vor den Augen von ganz Wien in den schmutzigen Sumpf der Korruption stürzt, wenn der Gemeindcrat mit schwatzhafter Ohnmacht der wilden Teuerung gegeuübersteht oder ein Sozialdemokrat der herrschenden Majorität die Wahrheit frisch vom Zapfen kredenzt. Denn all das betrachtet man als Symptome eines Verwesungsprozesses und glaubt schon den Tag berechnen zu können, an welchem die Werkelmänner die Walze mit dem Lueger-Marsch aus dem Leierkasten entfernen, um die öffentliche Stimmung nicht zu reizen. Was aber ist diesem Optimismus gegenüber die traurige Wahrheit? Die christlichsoziale Partei gibt fortlaufend Beweise einer robusten Gesundheit. Sie erstickt weder an dem Fett ihrer Aemter, Pfründen und Würden, noch wird sie vom Atem ihres eigenen Sumpfes vergiftet. Man hat geglaubt, ein Kartell von Emporkömmlingen vor sich zu haben, das Not haben wird, seinen Wiener Besitzstand zu verteidigen. Siehe da — die Leute machen einen Ausfall nach Mähren und machen dort große Eroberungen, trotz den schwierigen Verhältnissen, die sie dort vorfinden. Hat man je von einer christlichsozialen Agitation in Mähren etwas gehört? Und doch fielen im ersten Ansturm dort mehrere Mandate in die Hände der klerikalen Antisemiten. Aus Zufall kamen uns Beweise in die Hand, daß die ganze Waylmache von Wien aus geleitet wurde. In jeden einzelnen Wahlbezirk ging eine Million Exemplare eines Flugblattes, ausgezeichnet auf die ländliche Bevölkerung berechnet, voll wütender Ausfälle gegen die Juden. Man bedenke, wieviel Kosten das allein schon verursacht. Wer zahlte, wer dirigierte? Von einer Schläfrigkeit oder Saumseligkeit der Partei ist keine Rede; ihre Versammlungstätigkeit ist vielleicht etwas ruhiger als früher, aber immer noch enorm; ihre Agitatoren geschickt, zahlreich und lebendig. Was das alles beweisen soll? Daß wir in den Christlich-Sozialen nicht eine Partei vor uns sehen in landläufigem ^inne w sie immer verblaßt und ermüdet, sondern daß sie ein perpetuum mobile zum Motor hat, das sie auf lange hinaus mit Kraft und Leben erfüllt. Die katholische Kirche ist es, der Feudalismus ist es, die Schulter an Schulter hinter ihren besten Vorkämpfern, den Christlich-Sozialen, stehen und ihnen alle Mittel zu einer dauernden Herrschaft bieten, während sie sie immer wieder ermuntern. Klerikalismus und Feudalismus aber, dieser Zweibund der Reaktion, haben Zeit ihres Bestandes nicht einmal in der Nacht geschlafen. Aller kleiulicheu Sorgen des Lebens um Arbeit und Existenz ledig, hatten sie stets nur das eine Bestreben, die Herrschaft zu besitzen und sie wurden stets nur für eine kurze Pause geschlagen, nie endgiltig besiegt. Im tiefen Schweigen arbeiten ihre Hebel unausgesetzt, wie sie es schon seit Jahrhunderten tun. wie sie schon dem salischen Heinrich Canossa erpreßten. Die Christlich-Sozialen sind nur die Armee eines Generalstabes, den wir gar nicht kennen. Und deswegen ist ihnen gegenüber der Kleinkrieg der Politik zu schwach und die Hoffnung der Freiheit trostlos. Nirgends sehen wir auch die Macht, die ihnen eine Drohung zuruft. Von der städtischen Arbeiterschaft abgesehen, strömt ihnen die Wählerschaft zu und die Regierung, von der man gedacht hat, weil wieder einmal der Wunsch der Vater des Gedankens war, sie werde gegen die Partei der ungesetzlichen brutalen Demagogie einschreiten. ist ihnen in allen Stücken gern zu Diensten, wie die Ernennung des Prinzen Alois von Liechtenstein zum Landmarfchall beweist. Damit hat der letzte aus der schwarzen Garde seine langerstrebte Gloriole erhalten. Immer bereit, die Dienste von Lakaien oder Ministranten zu versehen, wallfahrteten kürzlich die Wiener christlichiozialeu Größen im Fiaker zum Palais Liechtenstein im Prater. Vor einigen Jahren gingen die mcisteu noch hübsch zu Fuß. nun aber können sie sich dank dem Kampfe gegen die jüdische Korruption schon etwas Nobleres leisten. Sie kamen, um den Prinzen Alois Liechtenstein ihre Gefühle wie Schokolade und ihre Herzen wie Gugelhupf mit Rosinen zu demonstrieren. Teils wegen seiner vergangenen 60 Jahre, teils wegen seiner zukünftigen Würde als Landmarschall. Da mochte wohl das blaublütige Herz des Prinzen schwellen und pochen. Da hatte er sie nun, die Edelsten und Besten von den Edlen und Guten, die er mit seinen Idealen fortgerissen, mit Schönheit erfüllt, mit Männlichkeit gestählt hatte — er, ein Sprosse eines uralten Geschlechtes, in welchem Minnesänger das Reich der Poesie eroberten, stolze Fürsten Weltgeschichte machten und edle Frauen ihrem Geschlecht voranleuchteten. Nun kann er in seinen Ahnensaal treten und ausrufen: Mein Lebenswerk ist wie das Euere! Mich haben die Christlich-Sozialen zum Landmarschall gemacht! Er hat sich diese Ehre teuer genug verdient. Sie hat ihn die ganze Tradition gekostet, die seinen adeligen Stand ziert und ehrt. Ihn hat seine Vornehmheit nicht gehindert, der beste Freund von Ernst Schneider zu werden und dem Pöbel vom „goldenen Luchsen" mit den ärgsten Schimpfereien über die Juden alleruntertänigst aufzuwarten. Ihn hinderte die Gerechtigkeit des Ehrenmannes niemals, die lügenhafte antisemitische Agitation zu unterstützen. Ihn hielt ritterliche Tapferkeit niemals zurück, über die Schwächsten der Schwachen loszuziehen und ihre Existenz zu vernichten. Nein, nie hat er etwa in der Art eines vornehmen Konservativen einer falschen Ueberzeugung Ausdruck gegeben, er hat mit den Wölfen in ihrer Mundart geheult, sein Geist war vom Geiste Schneiders, er war immer antisemitischer als Lueger. Diesen schwarzen Prinzen macht die Reaieruna über Verlangen der Christlich-Sozialen zum niederösterreichijchen Landmarschall. Der Abt Schmolk der sich doch der Majorität mit Haut und Haaren verschrieben hatte, mußte gehen, wert er nicht der herrschenden Partei, sondern nur deren Vettern, den Konservativen, angehörte. In die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.