Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 47 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 790 Dr. Llocv's W»ocDenöcDntt, Nr. 47 Wellhausen schlechtweg sagt, vor den Werken der Moral „bevorzugt" wurden. Wellhausen in der ersten Ausgabe S. 250 schrieb noch: „Die saure Arbeit gab Anspruch auf Lohn. Das Rechnen mit Gott trat ganz anders und viel unangenehmer hervor, wie früher. Nicht die Gesinnung entschied, sondern die einzelnen Handlungen wurden addiert. „Die kleinsten guten Werke werden gezahlt, und so entsteht schließlich ein Rock der Gerechtigkeit aus lauter Fäden, oder ein Panzer aus lauter Ringeln." Wer aber zu kurz kam, für den war auch Rat da. Einige Heilige häuften ein viel größeres Verdienst (Zakuth) an, als sie für sich gebrauchen konnten; der Ueberschuß konnte auf die Bedürftigeren übertragen werden. Die Lehre vom Thesaurus und vom stellvertretenden Verdienst ist bei den Juden entstanden, sie bildete sich in den Grundzügen schon in dieser Zeit aus." Diese Sätze sind in der vierten und fünften Auflage (S. 303) — die zweite und dritte war uns nicht zugänglich — weggelaffen. Die Selbstkritik verdient alle Anerkennung, aber es wäre richtiger gewesen, die Weglassung ausdrücklich hervorzuheben. Wenn man solche Anschuldigungen einmal verbreitet hat, und zur Erkenntnis gekommen ist, daß sie unbegründet waren, so muß man sie auch ausdrücklich zurücknehmen, was mit der stillen Unterlassung des Wiederabdruckes nicht geschehen ist. Wer sagt denn, daß die Besitzer der ersten Ausgabe sich auch die späteren anschaffen, um danach ihre aus jener geschöpfte Ansicht zu korrigieren? Sonderbar! Was in dem Christentum gut ist, das erklärt man für original, was man daraus weghaben möchte, stellt man dem Judentum, besonders dem Talmud, auf Rechnung. Auch den Probabilismus wollte H a r n a ck ihm in die Schuhe schieben, wir haben dagegen nicht ohne Erfolg remonstriert. Was den Thesaurus betrifft, so bemerken wir zur Orientierung für den Leser, daß damit die Lehre vom Thesaurus meritorum oder von den Opera supererogationis, d. h. von dem Schatz überschüssiger Verdienste oder überpflichtiger Werke Christi und der Heiligen gemeint ist, den die Kirche zugunsten Verdienstloser verwaltet. Diese Lehre, für die man sich auf eine urchristliche Quelle, nämlich Ev. Lukas 10, 35 beruft, und die späterhin zur Lehre vom Ablaß sich ausbildete, wurde von Clemens VI. 1343 zum Dogma erhoben. Es gab und gibt nun im Judentum keine Heiligen in dem Sinne, daß man zu ihnen beten dürfte, oder daß ihr Verdienst, wie groß es immer sein mag, einen Rechtstitel für Verdienstlose abgäbe. Nicht einmal zu Engeln darf man beten. Das ist zu allen Zeiten von den maßgebendsten Lehrern des Judentums betont worden. Es gibt im Judentum keinen Mittler zwischen Gott und dem Menschen und keinen Nothelfer, sein Fundamentalsatz lautet: „Es gibt keinen außer Ihm." Dadurch allein wird die Behauptung, daß die Lehre vom Thesaurus und vom stellvertretenden Verdienst im Judentum entstanden sei, entkräftet. Das „Zakuth", eigentlich und ursprünglich „Zakuth Aboth", das Verdienst der Väter, nämlich der Erzväter, hat sich aus rein menschlichem Empfinden als ein Begriff der Pietät entwickelt, und er ist im Judentum um so tiefer eingewurzelt, als der Familie nzug in ihm, wie wir bereits hervorgehoben haben, einen so bedeutenden Einschlag bildet. Im Grunde entspricht er den schönen Worten ^Goethes (Iphigenie auf Tauris): „Wohl dem, der seiner Väter gern gedenkt, Der froh von ihren Taten, ihrer Größe Den Hörer unterhält und, still sich freuend, Ans Ende dieser schönen Reihe sich Geschloffen sieht!" Immer hat man auf die Erzväter zurückgeblickt. Jesaja ruft seinen Zeitgenoffen zu: „Schauet auf Abraham, euren Vater, und auf Sarah, die euch geboren" u. dgl. m. Daraus hat sich dann weiterhin die pietätvolle Vorstellung vom Verdienste der eigenen verstorbenen Eltern oder verehrter Frommer herausgebildet. Man schreibt ihnen und ihrer Fürsprache Einfluß bei Gott zu, wobei — wohlgemerkt! — das demutsvolle Bewußtsein der eigenen Verdienstlosigkeit als Hintergrund dient. Der Sohn oder Schüler 'sagt wohl, wenn ihm ein Glück zuteil wird: „Das hat mir mein Vater, mein Lehrer bei Gott ausgebeten." Er wagt es nicht, den Erfolg sich selbst zuzuschreiben, seine Pietät hält ihn auf diese Weise mit dem Verstorbenen in Zusammenhang, wie er denn aus diesem selben kindlichen Gefühl heraus ihr Los im Jenseits durch sein Gebet und seinen frommen Lebenswandel verbessern zu können glaubt. Andererseits mag hier noch auf das bei den deutschen Juden seit alter Zeit umlaufende Sprichwort hingewiesen werden: „Sechus Owaus ist kein Ketowaus", d. h. das Verdienst der Väter (das sie sich um das Wohlergehen ihrer Kinder erworben) ist keine Spielerei und nicht gering zu achten. Man ersieht schon aus der Fassung dieses Sprichwortes, daß es sich nicht um einen nüchternen juristischen Begriff, sondern um individuelle, pietätvolle Vorstellungen handelt. Mit der Lehre vom Thesaurus haben sie auch nicht den entferntesten Zusammenhang. Trotzdem hat schon G f r ö r e r, gemäß der bereits charakterisierten Manier, Schattenseiten und Auswüchse im Christentum den Juden aufs Kerbholz zu schreiben, diesen auch den Thesaurus aufgeladen. „Fast das ganze katholische Dogma: der unendliche Gnadenschatz der Kirche, das überfließende Verdienst der Heiligen, der Begriff guter Werke wiederholt sich hier; oder vielmehr er ist vom levitischen Judentum zu den Papisten übergegangen." Er fügt hinzu: „Das Rabbinentum hat die Lehre vom fremden Verdienst nie so mißbraucht, wie die Päpste in den verdorbensten Zeiten der Kirche, welche das Dogma von der Rechtfertigung des Menschen vor Gott zugunsten ihrer zeitlichen Macht und ihrer Schatzkammer mit unerhörter Anmaßung ausbeuteten." Das „Rabbinentum" findet für diese seltene Anerkennung keine Verwendung, da es mit der ganzen Angelegenheit nichts gemein hat. Das Richtigste über den Begriff des Verdienstes der Väter hat ohne Zweifel Maimonides gesagt : „Es ist in der Tat ein Hauptgedanke der Tora, daß alles Gute, was Gott uns erwiesen hat und erweist, auf dem Verdienste unserer Väter Abraham, Isaak und Jakob beruht, die .bewahrt haben den Weg des Ewigen, zu üben Tugend und Recht"'. Hier ist unzweideutig ausgesprochen, daß es sich nur um das noch auf die spätesten Geschlechter einwirkende Verdienst ihrer Lehre und ihres guten Beispiels handelt, wie es Kindern ihren Eltern und Voreltern, Schüler ihren Meistern zuschreiben. Von einem Schatz überfließeuder Verdienste oder überpflichtiger Werke, der ihren Nachkommen zugute käme, ist gar keine Rede. Auch manches andere Wort gegen die Pharisäer und das Judentum hat W e l l h a u s e n in den späteren Ausgaben stillschweigend ausgelassen, aber das lUbriggebliebene genügt für eine ebenso abfällige wie ungerechte Charakteristik. Der Satz der ersten Ausgabe: „Nicht die Gesinnung entschied, sondern die einzelnen Hindlungen wurden addiert," ist zwar aus den späteren Ausgaben weggelassen, aber von dem Verhältnis Jesu zu den Pharisäern heißt es weiter : „Ihren toten Werken stellt er' die Gesinnung entgegen, ihrer vielgeschäftigen Gesetzlichkeit die höchste sittliche Autorität." Und so sagt (in dem Sammelwerk „Die christliche Religion mit Einschluß der israelitisch jüdischen Religion" 1906, S. 62) Wellhausen noch überbietend I ü l i ch e r von den Pharisäern : „Bei ihnen ist Religion ein Geschäft, das der Mensch mit Gott abschließt; genau wird jeder Posten in Debet oder Kredit verrechnet, was ja zur Voraussetzung hat, daß kompakte Größen, opera operata, diese Posten bilden. Gefühle, Entschlüsse u. dgl. eignen sich nicht dazu. Je raffinierter der Fromme sich seine Spezialleistungen nach dem Buchstaben des Gesetzes heraussucht, wie etwa Zehntenzahlung selbst von Minze, Dill und Kümmel, um so höher darf er sie taxieren. Und würde er das jüdische Gebetbuch aufgeschlagen haben, so wäre ihm in dem täglichen Morgengebete schon auf den ersten Seiten die schöne Stelle aufgestoßen: „Herr aller Welten! Nicht auf unsere gerechten Werke gestützt gießen wir unser Flehen vor dir aus, sondern im Vertrauen auf deine große Barmherzigkeit. Was sind wir, was ist unser Leben, was unsere Güte, was unsere Gerechtigkeit? Was ist unsere Hilfe, was unsere Kraft und unsere Stärke? Was können wir dir Vorbringen, Ewiger unser Gott und Gott unserer Väter? Sind nicht alle