Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 47 (23.11.1906)
- Date
- 1906-11-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 47 Iahrga»s XXI11 4 Dr Bloch’s Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wien, 23. November 1906. — Lrscbeint jeden ffrettag. Brief-Adresse: Miien, IX/1, ÄSerggasse 39. Teleqramm-Adresie: MocL's Mloebenscdritt. Mlien. »-.-% BejUiJÄpcrta für Vesterrriliz: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Äür's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petuzeile 24 Heller. »-* Ä-O K. ft. Poftspnrftnffrn-Amt CI e a r i n g - ID e r ft e b r Mr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien ix/i, Werggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847. ©-«t Inhalt: Leitartikel: — Jüdische Apologetik. — Der Loisl vom Luchsen. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Aus den B. B Logen in Deutschland. Zum hundertsten Todestage des Baron Eibensckütz. — Korrespondenzen: Ein Wort zur Aufklärung. Jüdischer Kolonlsationsverein in Wien. Wahlbesprechung der Kultusgemeindew.ihleu in de» Bezirken XIL—XV. Zu den mährischen Landtagswahlen. Budapest. New-Aork. — Vermischtes: Wien. Verein rur Hebung der Gewerbe. Aufruf. Spenden zu Gunsten der Opfer der russischen Judenmaffakres. Chewra-Kadischa „Fünfhaus". Erster Wiener jüdischer Turnverein. Zur Warnung. Hofrat von Frydmann. Verein Jehuda Halevy Verein jüdischer jugendlicher Arbeiter. Palästinareise des Zionistischen Zentralvereines Wien. Silberne Hochzeit. K. k. Hofrat Ignaz Lasus. Alliance Israelite Universelle. Leopoldstädter Betbausverein „Montefiore" in Wien. Bekleidungsfest des „Vereines für Bekleidung und Unterstützung armer aller Männer israelitischer Konfession". St. Pölten. M.-Budwitz. Bodenbach. Sissek. Lemberg. Drohobycz. Brünn. Bielitz. Budapest. Szempcz. Ein zweiter jüdischer Literaturverein in Kroatien. — Feuilleton: Das Talent der Talentlosigkeit. Jüdilche Ausstellung in London. Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. „Jüdische Apologetik. Von Dr. Moritz Güdemann, Oberrabbiner in Wien." Das Erfordernis der „Gesinnung". VI. Die Paulinische Stigmatisierung der jüdischen Religion als „Gesetz" hat diese in eine Beleuchtung gerückt, die im Laufe der Zeit der Erkenntnis ihres Wesens immer hinderlicher, der Verkennung um so förderlicher gewesen ist. Selbst Denker von dem Range eines Kant konnten sich dem Einflüsse nicht entziehen und seine Zeichnung der jüdischen Religion erinnert lebhaft an Wippchens Kriegsberichte, der nicht dabei gewesen. Nach Kant ist das Judentum „eigentlich gar keine Religion, sondern bloß Vereinigung einer Menge Menschen, die, da sie zu einem besonderen Stamme gehörten, sich zu einem gemeinen Wesen unter bloß politischen Gesetzen, mithin nicht zu einer . Kirche formten." „Daß diese Staatsverfassung Theokratie zur Grundlage hat, mithin der Name von Gott, der doch hier bloß als weltlicher Regent, der über und an dasGewissen gar keinen Anspruch tut, verehrt wird, macht sie nicht zu einer Religionsverfassung." „Hierbei ist es auch nicht so hoch anz u s ch l a g e n, daß dieses Volk sich einen einzigen, durch kein sichtbares Bild vorzu st eilenden Gott zum allgemeinen Weltherrscher setzte." „Denn ein Gott, der bloß die Befolgung solcher Gebote will, dazu gar keine gebesserte, moralische Gesinnung erfordert wird, ist doch eigentlich nickt dasjenige moralische Wesen, dessen Begriff wir zu einer Religion nötig haben." K u e n e n, der immer sichtlich bemüht ist, der Wahrheit die Ehre zu geben, anerkennt bereits willig, daß „unter den Schriftgelehrten nicht nur Männer von sittlichem Ernst und Gewissen, sondern auch von Herzensfrömmigkeit und warmem Gefühl, Männer auch von Phantasie und Talent, mit einem Worte, Nachkommen der Propheten waren." Es wird nun mit dem Aufgebot geschmeidiger Dialektik in den Pharisäismus ein „innerer Widerspruch", ein „Mißverhältnis zwischen Gesinnungen und Empfindungen" hineindemonstriert, daneben wird auch eine „glückliche Inkonsequenz" konzediert, vermöge deren „dergleichen Disharmonien nicht jedem zum Bewußtsein kommen." Ungleich schärfer gegen das Judentum ist die Darstellung Wellhausens. Hier einige Sätze aus seiner Charakteristik. „Das Gesetz verdarb nicht bloß die Moral, indem der Dienst des Nächsten hinter den Uebungen der Gottseligkeit zurücktreten mußte; es entseelte auch, soviel an ihm lag, die Religion." Dieses „soviel an ihm lag" ist so ein Flicksatz, der als Beweis eines wohlerwogenen Urteils Eindruck machen soll. Aber wenn einmal die Moral durch das Gesetz verdorben ist, so bleibt an der Religion nichts mehr zu entfielen übrig. Was das angebliche „Zurücktreten des Dienstes des Nächsten hinter den Uebungen der Gottseligkeit" betrifft, so erinnern wir nur an den Ausspruch R. Akibas, das Gebot ..Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" sei das größte Prinzip der Tora, und an das Wort, daß, wer eine Menschenseele erhält, eine ganze Welt erhalte. „Uebungen der Gottseligkeit" aber ist gar kein jüdischer Begriff, man muß dabei an die augenverdrehende oder augenniederschlagende Schwärmerei denken, die wohl im Christentum, aber nicht im Judentum zu Hause ist. Gemeint ist die Uebung der Gebote, diese ist keine Selbstbenebelung in der Verzückung der Gottseligkeit, sondern eine Pflichterfüllung, die, wie jede Pflichterfüllung, das Bewußtsein, die Gesinnung stärkt. Schon an einer vorhergehenden Stelle bemüht sich W e l l h a u s e n, die Geringsckätzung der Moral in der Religion der Pharisäer zu betonen. Du mußt es zweimal sagen. „Die Werke der Moral wurden hintangesetzt, die Werke der Heiligkeit, Fasten, Beten, Almosengeben, bevorzugt". Als wenn Almosengeben kein Werk der Moral wäre! Was das Gebet anbetrifft, so zeigt sich gerade hier die Wohltat fester Ordnung, oder, um einen Ausdruck Wellhausens zu gebrauchen, mit dem über den ganzen Pharisäismus der Stab gebrochen werden soll, daß es „reguliert" war. Dadurch wurde dem Zuviel und dem bloßen Lippendienst vorgebeugt. Eine Baraita lehrt: „Die Betschwester richtet die Welt zugrunde." Was das Fasten betrifft, so lehrt der Pharisäer Samuel: Wer viel fastet, versündigt sich, denn schon der Nafir, der sich nur den Wein verschworen, wird ein Sünder genannt, um wieviel mehr, wer sich alle Nahrung zu oft versagt. R. Simon b. Lakisch lehrt: Wer sich des Studiums der Tora befleißigt, oder Kinder unterrichtet, soll nicht viel fasten, denn er verkürzt sein gottgeweihtes TÄn. Dies ist die Meinung ausschlaggebender talmudischer Autoritäten vom Beten und Fasten. Nun urteile man, ob diese „Werke der Heiligkeit" dadurch, wie