Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 46 S)u JSlocb’ö IWocbenscbtttt. ftratsbehörden teilnahmen, wurde seitens des Presbyteriums auch unserer anwesenden Gemeindevertreter in einem schönen Trinkspruche auf die würdigste Weise gedacht, worauf unser Oberrabbiner Se. Ehrwürden Herr Dr. Moritz Schwarz das Wort ergriff. Anknüpfend an den Text der in der Kirche verklungenen Einweihungsrede: „Es ist dies nichts Anderes, als ein Haus Gottes, eine Himmelspforte" führte er aus, von welcher Wichtigkeit in unserer von Unglauben durchdrungenen Zeit die Errichtung einer neuen Andachtsstätte sei, da eine solche, gleich der auf der Erde fußenden und zu Himmel führenden Leiter Jakobs, die irdischen Bestrebungen auf die harmonischeste Weise mit den idealen Zielen der Menschheit verknüpft, insbesondere, wenn die Engel, die guten Geister des erhabenen Strebens, der Begeisterung, der Selbstlosigkeit und des zweckbewußten Wirkens so augenscheinlich, so sichtbarlich walten, wie dies anläßlich der Bewerkstelligung des herrlichen Baues im Kreise der ehrbaren reformierten Kirchengemeinde bemerkbar war. Ueber diese Andachtsstätte muß die göttliche Vorsehung wachen, der Segen des Himmels ruhen. Der Applaus und die „Eljen"rufe, welche diesen Worten folgten, steigerten sich zu begeisterten Ovationen für den Redner, als derselbe, das Thema fortsetzend, auf eine andere Begebenheit im Leben unseres Stammvaters Jakob hinwies, als er nämlich, an dem Ziele seiner Wanderung anlangend, einen Brunnen erblickte, den drei Herden umlagerten, dessen Oeffnung von einem großen Steine bedeckt war, welcher nur durch die vereinte Kraftentfaltung der Hirten von der Stelle gerückt werden konnte. Dies sei nichts anderes, als ein Symbol der Wirksamkeit der S e e l e n h i r t e n, die ihren Gläubigen aus den Quellen des Heiles nur in dem Falle labenden, Herz und Seele erquickenden Trunk zu bieten vermögen, wenn sie Schulter an Schulter, viribus unitis, die Hindernisse zu beseitigen trachten, welche der Beglückung der Gesamtheit hemmend im Wege sicher. Denn wenn uns auch die verschiedenen Glaubensbekenntnisse, Formen und Gebräuche von einander unterscheiden, wenn wir Gott auch in verschiedenen Gotteshäusern anbeten, aber dort, wo es sich um ideale Güter handelt, um den Triumph der Menschenliebe, der Sittlichkeit, des Altruismus, der Aufklärung, der jeden Fanatismus und Unduldsamkeit baren Kultur und in vorzüglichem Maße um den Sieg der Vaterlandsliebe, da müssen wir alle uns zum Werke rüsten ohne Unterschied der Konfession, im freundlichen Zusammenwirken, im edlen Wettbewerb der Kräfte mit flammender Begeisterung und stählerner Tatkraft. — Und als nun unser Oberrabbiner auf eine herzliche Weise die Mitglieder der reformierten Gemeinde beglückwünschte und sein Glas auf seinen Freund und Kollegen, den reformierten Seelsorger leerte, da erscholl brausender Applaus und die „Eljen"rufe wollten. kein Ende nehmen, und während sich von zarten Damenhänden ein förmlicher Blumeuregen über ihn ergoß, eilte alles zum Redner hin, um die Gläser an seinem Gla^e erklirren zu lassen und ihm Dank zu spenden für die vom Herzen kommenden und zu Herzen dringenden herrlichen Worte der Toleranz. Auf diese Weise gestaltete sich das Fest der reformierten Gemeinde durch unseren ehrwürdigen Oberrabbiner zu einem wahren Kiddusch- Haschem, welche Tatsache in unserer durch die Gegensätze des konfessionellen Lebens beherrschten Zeit nicht genug hoch anzuschlagen ist. Feuilleton. Minister Ktrarrst. (Aus einem amerikanischen Briefe.) Seit einigen Tagen spricht man davon, daß O?kar Strauß Handelsminister werden sollte. (Die Ernennung ist inzwischen erfolgt.) Strauß ist somit der erste Juoe in den Vereinigten Staaten, der ein so hohes Amt erhielt Es ist sowohl anläßlich seiner Ernennung, als auch wegen seiner für einen Juden interessanten Laufbahn der Mühe wert, etwas über ihn und seine Ansichten mitruteilen. Die Familie Strauß' stammt aus Bayern, wo seine Vorfahren Landwirte waren Seite und noch sein Vater ein Gut besaß. Dieser Lazarus Strauß nahm an der Revolution im Jahre 1848 teil, wurde mit Karl Schurz bekannt und stand zu diesem in freundschaftlichen Beziehungen bis zu dessen Tode. Lazarus Strauß mußte aus Deutschland flüchten und ging nach Philadelphia. Es wurde ihm aber geraten, nach dem Süden zu gehen und im Jahre 1854 eröffnete er in Talboton im Staate Georgia einen Laden. Er hatte damals drei Söhne: Isidor, der 9, Nathan, der 6, und Oskar, der noch nicht 4 Jahre alt war. Die Familie war arm, so daß die Matter beispielsweise die Kleider für die Kinder anfertigen und ihre Strümpfe stricken mußte. Vater Strauß nahm entschieden Stellung gegen die Sklaverei und zum Teil aus diesem Grunde zog er nach dem viel größeren Columbus in demselben Staate. Infolge der kriegerischen E eignisse kam Lazarus Strauß in Geldverlegenheit. Obwohl ihm ein Chef der Firma, _ der er 3000 Dollars schuldete, riet, sich nicht aller Mittel zu entblößen und mit 10 Prozent zu akkordieren, wie -es die anderen Kaufleute im Süden tüten, erklärte Lazarns Strauß: Ich will meine ganze Schuld bezahlen. Ich erwarte nicht, meinen Kindern viel Vermögen zu hinterlassen, aber ich will ihnen einen ehrlichen Namen vererben. Mit dem geringen Reste seines Barvermögens begründete Strauß ein Porzellan» geschäft. Alle drei Söhne dieses Mannes haben es zu Einfluß und Anseben gebracht. Nathan Strauß, der die armen Kinder New-Aorks mit sterilisierter Milch, ihre Eltern mit Kohlen im Winter und die Obdachlosen mit Asylen versorgt hat, war beispielsweise als Kandidat für den New-Aorker Bürgermeisterposten aufgestellt. Isidor Strauß wurde Kongreßmitglied und war mitbeteiligt an der Herstellung des Wilsoiltarifts. Der bedeutendste aber ist Oskar Strauß, der Kaufmann, Verfasser mehrerer staatsw'.ssenschaftlicher Werke. Mitglied des permanenten Haager Schiedsgerichtshofes nnd zweimal amerikanischer Gesandter in Konstantinopel war. Was waren nun die hauptsächlichsten Taten des jüdischen Gesandten in Konstantinopel? Damals war christlichen Kolporteuren verboten worden. Bibeln und Traktätchen in der Türkei zu verteilen. Es schien unmöglich, da Abhilfe zu schaffen. Aber Strauß, der jüdische Gesandte, fand doch ein Mittel, dem christlichen MissionSw sen zu helfen. Er stellte nämlich auf der Pforte vor, daß die Kolporteure auch Bibeln verkauften und daß eine Verhinderung dieses Geschäftes eine Verletzung des Handelsvertrages bedeute. So setzte er durch, daß die christlichen Schriften wieder verteilt werden dmften und daß auch 50 gewaltsam geschloffene, christliche Schulen wieder eröffnet wurden. Präsident Cleveland dankte dem Gesandten für diesen Erfolg und auch der Evangelische Bund in England ließ ihm durch Vermittlung Lord Salisburys eine Anerkennung zukommen. Das zweite Mal gelang es Strauß, mit dem Sultan in einem ernstern Konflikt fertig zu werden. Armenische Christen waren maffakriert und für 90.000 Dollars Missionsbesitz vernichtet worden. Strauß erklärte dem Sultan, der Konflikt könne durch einen Krieg oder durch friedliche Mittel schnell erledigt werden. Er schlug ein Schiedsgericht vor, bemerkte jedoch, daß dieses dann auch eine Untersuchung wegen der Metzeleien veranstalten würde. Strauß wußte Wohl, daß der Sultan eine solche Untersuchung nie zulassen würde. In der Tat entschloß sich der Sultan schnell, die amerikanischen Ansprüche zu befriedigen. Interessant sind die Ansichten des praktisch und politisch erfahrenen Mannes über die angeblichen, kaufmännischen Erfolge der Juden. Man hat diese Erfolge, ebenso wie den Reichtum der Juden nach seiner Meinung sehr übertrieben. John Rockefeller oder Andrew Carnegie sind beiweitem reicher als alle reichen Juden Amerikas zusammen. Die Juden geben viel für sich und andere aus und darum wird ihr Reichtum überschätzt. Man macht viel Aufhebens von ihrer Begabung für den Handel. Man vergißt nur, daß den Juden Landwirtschaft und Handwerk verboten waren und daß sie gezwungen waren, sich den Verhältnissen zu fügen und die ihnen offengelaffenen, wenigen Gelegenheiten zum Broterwerb auszunützen. Prüfen wir einmal den Handelsinstinkt, den sie angeblich besitzen. Unter Richard 1. suchten 500 Juden Schutz in der Burg von Jork. Da sie nickt stark genug waren, sich zu verteidigen, töteten sie ihre Frauen und Kinder, warfen die Leichen über die Mauern unter den Pöbel, legten Feuer an die Burg und verbrannten so bei lebendigem Leibe. Der Adel, der den Juden Geld schuldete, machte sich schnell über die Schuldverschreibungen her und verbrannte sie vor dem Altar in der Kathedrale. Die Geschichte weiß von sehr vielen solchen barbarischen Vorgängen und Fällen der Selbstaufopferung zu erzählen. In diesen Fällen dürste aber der Handelsgeist eher auf der anderen Seite gewesen sein. Seit undenklichen Zeiten wurden die Juden verfolgt, beraubt und massakriert, aber ihre Traditionen und Ideale haben sie nicht preisgegeben. Wären sie wirklich die materiellen Menschen, für die sie gehalten werden, dann hätten sie sich längst Ruhe und Frieden erkauft. Sie würden zur griechisch-katholischen Kirche übergetreten sein, und sie wären selbst in Rußland gesichert. Aber lieber als das tun, gehen sie bis an die Pforten der Hölle. Nicht praktisch und materiell, sondern idealistisch gesinnt sind die Juden. Die Folge ist, daß die Juden nur umw zäher und langlebiger geworden sind; ihre Feinde haben sie stark gemacht und sie ganz wunderbar für den Kampf umS Dafein gewappnet, gleichviel in welchem Teile der Welt sie ihn zu kämpfen haben.