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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-11-16 · 46 (16.11.1906) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
46 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 46 Dr. Dlocb's MocbenscdrM. Sette 777 mit den Ureinwohnern gewährten die Möglichkeit einer kräftigen Vorwärtsentwicklung. Es ist natürlich, daß die räumlich und zeitlich größere Entwicklungsbasis auch eine mannigfaltigere Fülle günstiger Variationen Hervorbringen mußte, als die beschränkteren Verhältnisse. Niemand wird Wohl Sachsen-Weimar vorwerfen, daß es nicht dieselbe Menge großer Männer hervorgebracht hat. wie ganz Deutschland. Eigentlich müßte die Vergleichung also ein größeres Objekt wählen, als den jüdischen Stamm, was aber unüberwindlichen Schwierigkeiten begegnet. Mehr noch als die Ausdehnung, fällt die Verschiedenheit der äußeren Natur beider Länder ins Gewicht. In Indien ein unbeschreiblich üppiges Sprossen und Wachsen, eine überquellende Zeugungskraft der Natur, die dem Lebensbedürfnis mit freigiebiger Milde leichte Befriedigung gewährt und die Sinne zum lebhaften Spiel der Phantasie anregt. Freilich wirkte das Klima auch erschlaffend auf die von Nordwesten her vordringenden arischen Krieger. In den Veden spüren wir noch oft den frischen Hauch des Lebens im Siebenstromland, in den späteren brahmanischen und buddhistischen W-rken, die im Kulturgebiet des Ganges entstanden, haben wir eine Wiederspiegelung der veränderten psycho-physiologischen Bedingungen. Erst in diesen Sitzen stellte sich die weltabgewand'e grüblerische Stimmung der indischen Spekulation, bie glühende Erotik und maßlose Phantasie der weltlichen Dichtung ein, die alle den ältesten Denkmälern des indischen Geistes noch ganz ferne liegen. Nirgends lebte der Mensch voller in der Natur, die ihm in zauberischen Bildern ihre tiefsten Geheimnisse ahnen ließ. Bartrihari singt: „Früchte hängen an den Bäumen in jedem Wald, die jedermann ohne Mühe pflücken kann. Süßes und kühles Wasser rinnt in den reinen Strömen da und dort. Ein weiches Bett aus den Zweigen schöner Schlingpflanzen steht bereitet. Und doch gibt es elende Menschen, die an den Türen des Reichen leiden". „Die Stille und Frische des dichten Waldes, die milde Kühle am Wasserrand sind verlockend gegen die erschlaffende Hitze der Häuser und Felder". Die soziale Organisation Indiens war, wie wir sehen werden, der vollen Ausnützung dieser günstigen Bedingungen überaus günstig. Die Natur Palästinas bildet in allen Punkten den schärfsten Gegensatz zu der Indiens. Auf kleinem Raum drängen sich die Gegensätze der Natur, wie die in der Seele seiner Bewohner. Neben alpinen Gegenden, die an die Region des ewigen Schnees heranreichen, finden sich Gegenden mit tropischem Klima, neben Steppe und Wüste von grauenhafter Eintönigkeit und Unfruchtbarkeit Oasen von üppigster Ergiebigkeit. Freilich: ein Ganges, ein Nil existiert nicht, der Jordan ist ein reißender Bergstrom, gewöhnlich unschrffbar und unpaffierbar. „Von freiwilliger Fruchtbarkeit war das Land nicht, die Wüste fraß um sich, wo ihr nicht entgegengearbeitet wurde. Man begreift, wie hier das Wort entstehen konnte: „Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot essen!" und dieses Wort tat hier auch Wunder. „Die terassierten Berge waren mit Wein und Oliven bedeckt, die Täler und Ebenen trugen Weizen und Gerste die Fülle." (Wellhausen a. a. O.) „Landschaftliche Reize bietet Palästina wenig. Die Berge zeigen keine malerischen Linien; Wald und Wiese gibt es nicht, außer am Karmel, in Galiläa und namentlich auf den rauhen und wafferreichen Höhen Gileads." (Derselbe, S. 5) Doch können wir nicht behaupten, daß Israel die Phantasie fehlte; die großartigen Visionen eines Hesekiel und Jesaia, die lieblichen Bilder der Psalmen, die erhabenen Naturschilderungen des Buches Hiob belehren uns eines besseren. Aber die Phantasie schlug hier eine ganz andere Richtung ein als in Indien. Sie wuchert nicht üppig wie der Urwald und spielt nicht mit den Dingen, wie die heitere Tochter des Zeus, ein strenger und feierlicher Zug zeichnet sie au», die unendliche Oede der Wüste erzeugt die Gefühle der Unendlichkeit und die Romantik der Monotonie. Vor allem aber befördert die Strenge der Natur den engeren Zusammenschluß der Menschen, das Familienleben und die Richtung auf das soziale Glück. Die äußeren Schicksale und die gesellschaftliche Entwicklung haben dazu geführt, daß alle geistigen Aeußerungen des Volkes Israel eine ausgesprochene ethische Färbung angenommen haben, hier liegt die Größe und die Einseitigkeit dieses Stammes. Seit den ältesten Zeiten tritt uns Israel als ein Volk harter und schwer arbeitender Bauern entgegen, dem die Erinnerung an die Nomadenzeit freilich noch lebhaft im Gedächtnis haftet und zu bunter Sagenbildung Anlaß gibt. Diese Tatsache bildet mit der anderen, daß die arischen Stamme überall länger Nomaden geblieben sind, viele der wichtigsten Gegensätze in der Volkspsychologie beider Völkergruppen heraus. Ehering hat diese in geistvoller Weise zu entwickeln begonnen. Der die Flachländer Vorderasiens besiedelnde Semite tritt als Ackerbauer in die Geschichte, der Höhen bewohnende Jndoarier als Hirte. „Der Arier hat viele Jahrtausende hindurch mühelos als Hirte seinen Unterhalt gefunden, der Semite im Schweiße seines Angesichtes den Acker bestellen müssen, dort ein Leben ohne Arbeit, hier schwere Arbeit." (Jhering, S. 107.) Die Muße zum Sprel der Phantasie fehlt dem harten Bauer, der seinen Verstand anstrengen muß, um mit dem Boden zu kämpfen, das unnütze Spekulieren verwirft sein praktischer Sinn. Die leidenschaftliche Spielsucht der alten Juden hält dieser für höchst unmoralisch, dort heißt es „Leicht gewonnen, leicht zerronnen", hier aber, das mühsam Errungene beisammen zu halten. Mrt scharfem Blick führt Jhering die Folgen der natürlichen Laae an dem Beispiel Babylons und Indiens aus. Die weittragendste Konsequenz rst die verschiedenartige Siedlung: der ackerbauende Semite, in der flachen waldlosen Ebene jedem Ueberfall ausgesetzt, gründet Städte und baut Steinhäuser, beides zum Schutz. Aber das, was „zum Leben" ersonnen wurde, erzeugte bald das „gut leben", nach dem genialen Ausdruck des Aristoteles. Die befestigte Stadt, die Erzeugerin höherer Kultur, entsteht zuerst auf semitischem Boden, sie ist „der entscheidende Wendepunkt im Leben der Völker der alten Welt", um sie bildet sich erst der Staat. Der durch das Gebirge geschützte Arier dagegen bleibt lange beim Holzhaus und der Einzelsiedlung, hier liegt ein Hauptgrund seiner erstaunlich geringen staatendildenden Kraft, wie auch jener sozialen Entwicklung, die seine eigenartige Geistesentwicklung beförderte. Das Steinhaus und die Stadt binden aber an den Boden, erzwingen die Seßhaftigkeit, was weder das leichte Holzhaus noch der Pflug vermag — Der Einfluß der Bauarbeit, der Schiffahrt und Wasserwirtschaft auf den Nordiemiten wird von Jhering so vorzüglich dargestellt, daß seine Ausführungen sehr beachtenswert sind. In den letztgenannten Punkten fand Israel andere Entwicklungsbedingungen vor als die Euphratsemiten. Der Ackerbau blieb Jahrhunderte die Grundlage und einzige Lebensquelle Israels, noch die Propheten zeichnen kein anderes Ideal als das volkstümliche: „Jeder bei seinem Weinstock und im Schatten seines Oelbaumes." (1. Kön. 4. 25 und öfters.) Saul pflügt selbst als König noch eigenhändig mit einem Rindergespann (1. Sam. II, 5) und Fürstensöhne weiden die Herden ihrer Väter. Die soziale Organisation besteht in der Gentilverfassung, der einzelne lebt nur in seinem Stamm, inmitten seiner Angehörigen und eng mit dem Boden verwachsen. Eine gesellschaftliche Arbeitsteilung existiert nicht, weder Handel noch Handwerk lassen sich Nachweisen. Dagegen spielt der Krieg, der freilich nicht um hohe Ziele, sondern aus den gewöhnlichen Motiven aller Naturvölker — Raub und Blutrache — geführt wird, eine Hauptrolle in dem Leben jener Zeit. Der Name „Israel" schon ist ein Feldgeschrei, seine wörtliche Bedeutung ist „Gott streitet". Das älteste literarische Denkmal Israels, das Deboralied (Richter 5), ein Kriegsgesang von gewaltiger Kraft, schildert, wie Jahwe selbst vom Himmel her für sein Volk kämpft. Die Ueberreste der Heldensagen, die die Bibel noch enthält, eizählen uns von Samgar, dem So hne Anatbs, der 6<j0 Philister mit einem Ochsenstecken schlug (Richter 3, 31), von Jephta, „einen streitbaren Helden", von Gideon, besonders oft auch von Kämpfen mit Riesen (vergl. das Heldenbuch 2. Sam. 23, wo 37 Heroen aufgezählt werden, 1. Ebro. -I. 4—8, die Goliathsage 1. Sam. 17). Vor allem aber ist es die reizend erzählte Sage von Simson. einem ganz weltlichen Heiden voll Kraft und Humor, deren charakteristische Züge in den „biblischen Geschichten" freilich nicht getreu berichtet werden können, die den Geist jener Zeit wiederspiegelt. In keiner Weise unterscheidet sich in all diesem das Vol Israel von den übrigen Völkern auf derselben Entwicklungsstufe. Zwei Ereignisse aber auf politischem Gebiet hoben es aus dem Verborgenen heraus und entzündeten das Licht in Juda, das die Welt überstrahlen sollte. Mit dem Königtum beginnt eigentlich erst für Israel die Geschichte, durch das Exil erhält sie ihren wesentlichsten Inhalt. Die Notwendigkeit einer stärkeren Verteidigung, die mit der steigenden Zivilisation eintrat, erzeugte das Königtum als erbliche» Heerführeramt. — Das Unterscheidende des israelitisch?it Königtum» aber liegt in seiner von Anfang an demokratischen Art. Der königliche Absolutismus ist überall erst das Ergebnis einer langen politischen Entwicklung, für die dem Volk Israel nicht Zeit genug gelassen wurde. Die häufigen Dynastiewechsel und das Selbstbewußtsein der wohlhabenen Grundbesitzer, die den König als ihresgleichen betrachten, verhinderten das Anwachsen der königlichen Hausmacht. -- Wellhausen charakterisiert dies Königtum gut: „Die hergebrachten Begriffe von orientalischem Despotismus finden auf das israelitische Königtum nur beschränkte Anwendung. Wollte Naboth seinen Acker nicht gutwillig verkaufen, so sah Achab keine Möglichkeit, in den Besitz desselben zu gelangen; man begreift die verwunderte Aeußerung seiner lyrischen Gemahlin: Du willst den König spielen in Israel! Um die Mittel anzuwenden, durch die es dann doch gelang, ihm den Weinberg zu verschaffen, dazu brauchte man nicht König zu sein; daß sie aber der König anwendete, kostete seinem Hause den Thron. Auch persönlich machen die Könige, wenn wir sie näher kennen lernen, im allgemeinen nicht den Eindruck von Despoten; ihre sprichwörtliche Menschlichkeit scheint mehr als Redensart gewesen zu sein". Das Exil, der Mittelpunkt der israelitischen Geschichte, ist eine der folgenschwersten Tatsachen der Weltgeschichte; die Lage Palästina» erklärt dieses Ereignis. Palästina bildet die große Heerstraße zwischen Vorderasien und Egypten. Auf der einen Seite die Wüste, auf der anderen das Meer, führt dieses Ländchen wie eine Brücke vom Kulturgebiet des Euphrat zu dem des Nil. Auch war es die einzige Position am Mittelmeer, die die mesopotamiichen Herrscher erobern konnten, ohne mit den kleinafiatischen Griechen gefährlichen Streit zu beginnen. DaS r-iche Phönizien. das Palästina vorgelagert war, reizte den Appetit. Andererseits war der Besitz Palästinas eine fortwährende Drohung gegen Egypten. So entbrannte denn der Jahrhunderte lange Kampf um den Besitz des Brückenkopfes zwischen diesem Reich und den Weltmächten Vorverafiens. Das kleine Israel, das in diesen Kampf hineingeriet, büßte seine nationale Unabhängigkeit ein, gewann aber reiche geistige Schätze. Wir müffen jedoch vorerst einen Blick auf die vor diesen Ereignissen erreichte Stufe werfen.

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