Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 774 Dr. Blocb’s Mocbens<Drttt. Nr. 46 Vom Jahrmarkt des Lebens. Abgeordneter Dr Straucher übe: die Wahlreform. In der Spezialberatung der Wahlreform ergriff Abgeordneter Dr. Straucher die Gelegenheit, über die ungerechte Behandlung der Juden durch das Reformwerk Beschwerde zu führen. Er sagte: „In Oesterreich existieren 1'/« Millionen Juden und die Regierung hat teilweise den berechtigten Anspruch dieses Volkes auf eine entsprechende Vertretung anertannt, indem in Galizien Wahlbezirke mit jüdischer Majorität geschaffen wurden. Es ist nicht richtig, zu sagen, die Juden seien lediglich eine Konfession; sie assimilieren sich wohl hier und dort, allein dort, wo sie zu Hunderttausenden wohnen, müffen sie gewiß eine selbständige Vertretung erhalten. Die neun Millionen Deutschen in Oesterreich erhalten 233 Abgeordnete. Abg. Dr. G ö tz : Da sind aber viele Juden dabei! Abg. Dr. Straucher': Gewiß, 450.000 Juden, die sich nach ihrer Umgangssprache zur deutschen Nation bekennen. Abg. Dr. G ö tz: Die Juden können ja auch gewählt werden! Abg. Dr. Straucher: Sie können, aber sie werden nicht! Zeigen Sie mir, ausgenommen den Abg. Dr. Ofner, einen einzigen jüdischen Abgeordneten aus Westösterreich. Abg. Dr. G ö tz: Mein Vorgänger war der Abg. Auspitz. Abg. Dr. Straucher: Das war vor Jahrzehnten, und was die deutschliberale Partei damals getan hat, ist mit dem nicht zu vergleichen, was jetzt geschieht. Wenn auf zirka 39.000 Deutsche je ein Mandat entfällt, dann müßten den Juden mindestens 11 bis 12 Mandate zugewiesen werden. Allein si: erhalten nicht nur kein Mandat, sondern sie werden noch beschimpft, und ich erachte mich infolgedeffen als der einzige, der sich in diesem Hause zu seinem Volke bekennt, für verpflichtet, für die Vertretung der Juden im Parlament einzutreten. Hätte der Abg. Dr. Groß nicht im W.chlreformausschuffe das G.'rechtigkeitsgefühl besessen und verlangt, daß zum ersten Wahlkreis Czernowitz der Vorort Sadagora zugeschlagen werde, wodurch die dortigen Juden einigermaßen Aussicht haben, ihrem Kandidaten zum Siege zu verhelfen, dann stünde man heute vor der Tatsache, daß die Bukowina mit 96.000 Juden von insgesamt 736.000 Einwohnern überhaupt keinen jüdischen Vertreter im Reichsrate erhalte. Jeder ohne Unterschied der Parteistellung wird zugeben müssen, daß eine derartige Situation ein schweres Unrecht gegenüber der Judenschaft bedeuten würde, insbesondere wenn man bedenkt, daß die Juden in allen Lagen für das deutsche Volk eingetreten sind und die verpönte Judenpresse den Grundpfeiler der Verteidigung und Wahrnehmung deutscher Interessen bildet. Wenn irgend jemand Ursache hätte, gegen die Judenpresse aufzutreten, so wäre es in erster Linie das Judentum selbst. In Galizien, wo sich über 900.000 Juden befinden, hat man diesem Volke sechs bis sieben Mandate konzediert, das heißt: es kommt auf fast je 200.000 Juden ein Abgeordneter. Trotzdem muß anerkennend hervorgehoben werden, das; die Polen das einzige Volk sind, welches sich im Wahlreformausschusse für eine Vertretung der Juden eingesetzt hatte. Abg. Dr. Le misch: Die Herren werden schon wissen, warum sie es getan haben! Abg. Dr. Straucher: Weil fie sich vom Gefühl der Gerechtigkeit haben leiten laffen! Abg. Dr. Le misch: Aus Gerechtigkeit macht man nichts! Abg. Dr. Straucher: Es würde den Juden in Galizien entsprechend ihrer Bevölkerungsziffer eine größere Anzahl von Mandaten gebühren, und es ist zu erwarten, daß d.r Polenklub dies bei den Wahlen auch einsehen werde. Man kann den Juden nicht vorwerfen, daß sie kultur- oder bildungsfeindlich wären, daß fie sich nicht freien Berufen zuwenden oder doch nur träge die Hände in den Schoß legen. Sie sind ein eifriges, arbeitsames Volk und haben sich auf jedem Gebiete menschlicher Kultur hervorragend betätigt. Abg. Sturm: Wir brauchen aber ihre Kultur nicht! Abg. Dr. Straucher: Die Juden haben auch dem deutschen Volke selbstlose Dienste geleistet. Abg. Brzeznovsky: Das spüren wir besonders in Böhmen! Abg. Sturm: Wo es ihnen etwas eingetragen hat. Abg. Dr. Straucher (zum Abg. Sturm): Sie sind vielleicht selbstlos? Schauen Sie nur die Pfründen an, die Sie für sich einheimsen. Die Judenschaft ist darauf angewiesen, hier von mir verteidigt zu werden, weil ich der einzige in diesem Hause bin, der sich ihrer Jnteress n annimmt. Man kann streiten über das Maß der Rechte, das man einem Volke zuerkennen will, aber daß man ein Volk vollständig unvertreten lassen will, ist eine schwere Ungerechtigkeit. Die vielfachen Angriffe in der Presse, die Beschimpfungen und Verleumdungen hier im Hause, die zweifellosen Zurücksetzungen laffen es als absolut notwendig erscheinen, daß dieses arme, zerdrückte, zertretene, beschimpfte und bei jeder Gelegenheit an den Pranger gestellte jüdische Volk eine Vertretung im Parlament finde. Abg. Sturm: Die Sache ist nicht so arg. Abg. Dr. Straucher: Auch die Fragen, welche im neuen Hause in Betreff der konfessionellen Gesetzgebung zweifellos auftauchen werden, erheischen es, daß die Juden eine Vertretung in der Gesetzgebung erhalten. Aus allen diesen Gründen werde Redner im Laufe der weiteren Debatte beantragen, daß die Stadt Czernowitz ein drittes Mandat erhalte und daß durch Sicherstellung in der Wahlbezirkseinteilung der Judenschast eine Vertretung in der Bukowina zugesichert werde." Wahl des Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde Lemberg. In der außerordentlichen Sitzung des Kultusrates vom 8. d. M. fand die Wahl des Kultuspräsidenten der israelitische" Gemeinde Lemberg an Stelle des verstorbenen Relchsrats-Abgeordneten Dr. Emil Byk statt. Der bisherige Vizepräsident Dr. Simon Schaff wurde .einstimmig zum Präsidenten und Herr Dr. Josef Czeszor ebenso zum Vizepräsidenten erwählt. Landesadvokat Dr. Simon Schaff, der seit vielen Jahren an der Leitung der Kultusgemeinde regen und heilsamen Anteil genommen hat, erwarb sich das allgemeine Vertrauen besonders durch seine angemessene Wohltätigkeit und das von ihm und feiner würdigen Gemahlin errichtete und ausgestattete Mädchenwaisenhaus gibt rühmliches Zeugnis des in seinem Hause heimischen Edelsinnes. Landesadvokat Dr. Czeszor ist Mitglied des k. k. Bezirksschulrates und referierte mit hervorragender Sachkenntnis über alle Schulangelegenheiten im Kultusvorstande. Nach vollzogener Wahl erklärte der neue Präsident, sein Amt in voller Hingabe an die religiösen und erziehlichen Interessen der Gemeinde mit voller Berücksichtigung der verschiedenen religiösen Anschauungen führen zu wollen. Ebenso erklärte Herr Dr. Czeszor, noch fernerhin seine besten Kräfte in den Dienst seines Ehrenamtes in der Gemeinde stellen zu wollen. Möge nun in der Tat die Wahl so hervorragender und edeldenkender Männer unserer Gemeinde zum Heil und dem Judentum zum Segen gereichen. _ R. Ein jüdisches Gymnasium in Budapest. Aus Budapest, 12. d. M. wird uns berichtet: Der Vorstand der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde hat heute beschlossen, ein jüdisches Gymnasium zu errichten. Die Baukosten werden aus der Freistädtler'schen Stiftung gedeckt werden, während die nach dem Bau noch verbleibenden 300.000 Kronen sowie die Zinsen zweier von, der jüdischen Kultusgemeinde verwalteter ähnlicher Stiftungen zur Erhaltung des Gymnasiums verwendet werden sollen. Die Kultusgemeinde hofft, der Unterrichtsminister werde der Verwirklichung dieses feit langer Zeit gehegten Planes keine Schwierigkeiten in den Weg legen,