Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 46 Dr. Llocb's Mocbenscvrirr. Seite 773 siegt. Ob wir wehrlos, schutzlos, rechtlos dem Parlament gegenüberstehen werden wie einer Burg leidenschaftlicher Feinde. Jetzt dürfen Führer, Autoritäten und Parteien nicht mehr hervorsuchen, was uns trennt, sondern was uns vereint. Wir brauchen jüdische Wahlkreise und jüdische Volksvertreter. Das ist unsere Sorge und die Flammen schlagen schon znm Dache heraus. An die Arbeit, meine Herren! Dir Wahlkreise schützen! Das Volk aufklären! Die Leute suchen! Vorwärts, vorwärts! Das sind die Dinge, die uns jetzt aufregen müssen. Die müssen schnell und gut besorgt werden.. Dann sollen meinetwegen zum Vergnügen der kleinen Geister Schapira und die Riehl auf zwei feindlichen Eseln ein häusliches Turnier auf Ehrenpreise ausfechten. I. Uprimny. Wirtschaftliche Hilfe für die galizischen Juden. Von Oskar Keßler. Der österreichische Finanzminister Korytowski konnte mit stolzer Genugtuung seinen diesjährigen Rechnungsabschluß mit einem Ueberschuß von 52 Millionen beschließen. Aus seinen Ausführungen tönte uns in allen möglichen Variationen sein denkwürdig gewordenes „Es geht uns nicht schlecht" entgegen. Auch wir Juden haben Ursache, uns mit diesem Ergebnis zufrieden zu geben. Denn unsere wirtschaftliche Stellung bringt es mit sich, daß wir nur da prosperieren können, wo es der autochthonen Bevölkerung gut geht. Also, trotz der erbitterten Nationalitätenkämpse, die seit Jahrzehnten nicht von der Bildfläche des Parlaments und der Landtage verschwinden, trotz der hochgehenden nationalen Leidenschaften, die von sehr vielen als der Anfang von der Auflösung des österreichischen Staates gedeutet wurden, befindet sich der allgemeine Wohlstand auf einer zunehmenden, stets aufsteigenden Linie. Diese Anschauung ergibt sich logischerweise aus dem Vergleiche der Steuerlisten, die einen unvergleichlich hohen Zuwachs, sowohl an Personaleinkommen-, wie auch Erwerbsteuer ergeben. Aber auch aus dem Konsum der verschiedensten Gebrauchs-, wie auch Verzehrungsartikel kann mit mathematischer Genauigkeit festgestellt werden, um wieviel der allgemeine Wohlstand der Produzenten sowohl, wie auch der Konsumenten gestiegen ist. Die Bahnerträgnisse, und zwar auch solcher Bahnen, deren Bilanzen, wie die der Südbahn, passiv waren, haben sich um ein Bedeutendes gesteigert und die Aktien auch der passiven Bahnen sind hoch in die Höhe gesprungen. Die Bilanzen der meisten großindustriellen Unternehmungen konstatieren eine Zunahme ihrer Produktion und der Export nach den fernen Ländern hat nach den Berichten der Exporteure, wie auch der Konsulate großen Zuwachs erhalten. Mit einem Worte: Oesterreich hat hinter sich ein Jahr einer wirtschaftlichen Hochkonjunktur, wie es noch nie gehabt hat und es geht, wie die beteiligten Kreise es wissen wollen, noch für viele Jahre derselben, wenn nicht gar einer noch höheren Konjunktur entgegen. Es ist selbstverständlich, daß die Arbeiter die günstige Konstellation, in der sich Handel und Industrie befinden, auch für die Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage ausnützen. Die vielen Streiks, die fast täglich bald hier, bald dort ausbrechen, enden zum großen Teil, wenn nicht mit einem ganzen, so doch mit einem partiellen Sieg der Arbeiter. Die Folge hievon ist, daß die Löhne der Arbeiter relativ stark gestiegen sind und wahrscheinlich noch höher steigen werden. Doch wir sprechen von Oesterreich und es könnte jemand meinen, daß Galizien wirtschaftlich zu Oesterreich gehört. Dem ist nicht so. Galizien ist leider auf derselben wirtschaftlichen Tiefe geblieben und die Versuche, die zur Jndustrialifierung Galiziens unternommen wurden, haben entweder mit einem Fiasko geendet oder sie haben noch keine greifbaren Resultate gezeitigt. Für uns Juden ist eine Frage von enormer Bedeutung: Was könnte man tun, um auch Galizien, wenn schon nicht direkt so doch indirekt an diesem wirtschaftlichen Aufschwung teilnehmen zu lassen? Die Antwort ist recht schwierig; vielleicht wird die folgende Anregung eine Möglichkeit eröffnen. Es ist eine Tatsache, daß Handel und Industrie zu einem beträchtlichen Teil in jüdischen Händen liegen, es ist weiterhin erfreulich, daß unsere westlichen Brüder, sowohl in Westösterreich, als auch in Deutschland ihre Aufmerksamkeit auf Galizien zu lenken beginnen. Erst vor einiger Zeit faßte der so rührige deutsche Hilfsverein, mit seinem energischen und weitausschauenden Präsidenten Dr. Paul Nathan an der Spitze, den Beschluß, einen oder zwei Herren zum Studium der galizischen Judenfrage nach Galizien zu entsenden. Wir wissen auch, daß der galizische Hilfsverein in Wien schon seit Jahren sich Mühe gibt, Hausindustrie bei den galizischen Juden einzuführen. Der Erfolg ist leider ein geringer und zwar, wie es uns scheint, weil die ganze Aktion mit unzulänglichen Mitteln eingeleitet und weil ihr, wenn auch in geringerem Maße, wie bei den bisherigen ähnlichen Aktionen noch immer der Nachteil der sogenannten Wohltätigkeit anhaftet. Doch gehört diese Frage in ein anderes Gebiet. Tatsache ist, daß die Juden Westeuropas sich für Galizien interessieren und daß sie sich überzeugt haben, daß die Juden Galiziens gerne arbeiten wollten, wenn sich nur Arbeitsgelegenheit darböte. Hier liegt der Kernpunkt des ganzen galizischen Judenelends : Im Mangel an Arbeitsgelegenheit. Wir hörten es neulich aus beglaubigtem Munde und die Arbeitsstatistik bestätigt es gleichfalls, daß das westösterreichische Proletariat schon in derBetätigungfür den inneren Markt genügend beschäftigt ist, ja daß die Nachfrage nach einem nüchternen und fleißigen Arbeiter schon heute recht bedeutend ist. Hier wäre also einzusetzen. Bei vielen Industrien, die namentlich für den Export berechnet find, muß der Unternehmer, um wirksam die Konkurrenz mit anderen Industriezentren aushalten zu können, eine billigere Arbeitskraft haben. Bei vielen dieser Industrien braucht nicht einmal, wegen der fabrikmäßigen Herstellung der erzeugten Artikel, der Arbeiter eine besondere Ausschulung aufzuweisen. Denken wir uns einmal die fabriksmäßig betriebene Schneiderindustrie, die, was Oesterreich anbelangt, einen so bedeutenden Export nach dem Orient aufzuweisen hat. Oder die Schuhfabrikation, die Holzindustrie u. v. a. Fast jedes große Wiener Möbelfabriksetablissement besitzt in Galizien seine Zweigniederlassung, aber nur zur Beschaffung des Rohmaterials. Und doch wäre es keineswegs schwer, allerdings nach Ueberwindung der ersten, einem jeden neuen Unternehmen anhaftenden Kinderkrankheiten, die technische Ausübung dieser Industrien in Galizien selbst zu betreiben. Für die Unternehmer wäre es einerseits der ungeheure Vorteil, daß sie verhältnismäßig billigere Arbeitskräfte bekämen und daß der Erzeugungspreis somit ein vielniedrigerer wäre; das galizische Luftwie auch gelernte Proletariat hätte aber den nicht minderen Vorteil, daß es leichter wie bisjetzt Arbeitsgelegenheit fände. Hier läuft somit der Vorteil des Unternehmers parallel mit dem des Proletariers und beiden wäre gedient. Für die Fabrikanten Westösterreichs kommt aber noch ein zweiter, nicht minder zu unterschätzender Faktor hinzu: Es ist der Kampf der Polen gegen die vom Westen importierten Jndustrieartikel nach Galizien, der bereits Gegenstand eifrigster Beratung in den westlichen Handelskammern und Jndustrieräten war, und die unaufhaltsam fortschreitenden Jndustrialifierungsbestrebungen in Galizien selbst. Wie viel der österreichische Markt durch diese allerdings stark forcierten Unternehmungen verlieren würde, ist jedermann klar. Und bei der Erweiterung der galizischen Laudesautonomie, die teilweise schon durchgedrungen ist, ist es nur eine Frage der allernächsten Zeit, wann dieser Kampf bis aufs Aeußerste ausbrechen wird. Wir empfehlen deshalb den beteiligten Faktoren, namentlich aber unseren jüdischen Organisationen, die der galizischen Judensrage ihre Aufmerksamkeit schenken, diese Frage in reifliche Erwägung zu ziehen.