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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-11-16 · 46 (16.11.1906) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
46 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 772 Dr. JSlocb ö Mocdenscbrm. Nr. 46 im Schuldenbuche eines Wiener Stadtschneiders stehen. Sie kannten keinen Talmud, aber die Papierform eines De^bypferdes kannten sie ausgezeichnet, sie sprachen nicht Jargon, sondern ff Hochdeutsch mit einem Schuß ins Hernalserische. Trotzdem ist es niemanden eingefallen, ihr Bild wie einen Spiegel den Inden westlich von Oderberg vorzuhalteu Viele, die bei der ersten Ermahnung die Scham noch nicht gefunden haben, werden jetzt unwillig sagen, sie fänden bei diesen Vergleichen nicht den richtigen Reim. Was hier ein Ausnahmsfall sei, wäre auf der anderen Seite etwas ganz gewöhnliches. Die Affären Riehl und Liebl seien nur die Ausnahmen von der Regel gewesen, welche das moralisch einwandfreie Leben der Westjuden bestätigt; der Prozeß Schapira aber hätte das Maß der Entrüstung wegen der Übervielen Kriminalfälle im galizischen Judentum zum Ueberfließen gebracht. Damit sind wir an den faulen Kern der Sache gelangt, welche den ersten Paragraphen des politischen Urteils vieler Kreise bilden: Die galizischeu Juden seien minderwertig. Die Untersuchung der Begründung muß sich heute zuerst bei der kriminellen Frage aufhalten und feststellen, ob tatsächlich von jüdisch-polnischer Seite der Zorn des Staatsanwalts so oft erregt wird. Ganz selbstverständlich ist die absolute Zahl der Verurteilungen polnischer Juden ein bischen größer als bei ihren westlichen Brüdern; ebenso selbstverständlich begehen die Iren mehr Verbrechen als die Engländer, weil sie arm und gedrückt sind. Die Schranken des Gesetzes werden eben überall vom Hunger am schnellsten durchgenagt und jeder Prediger ist geschlagen, wenn ihm ein knurrender Magen antwortet. Aber bedenken wir, welche Massen von ehrlich arbeltenden, ehrlich kämpfenden Juden vou Krakau bis Brody wohnen. Liefern sie wirklich so auffallend viele Verbrecher, daß sie eine allgemeine Schande auf sich nehmen müßten? Oder ist es nicht vielmehr wahr, daß die Juden vergleichsweise der ehrlichste Volksftamm Galiziens sind, schon aus Klugheit, weil sie die barbarische Strenge der Gerichte fürchten müssen, und daß nur eine infame Lüge die Verbrechen einiger weniger zu einem Vorwurf für die erdrückende Masse jüdischer Ehrenmänner in Galizien vergrößern kann? Einen ganzen Leierkasten füllen schon die statistischen Beweise, daß die Juden, auch die polnischen, kriminalistisch weit besser stehen, als ihre arischen Nachbarn. Gerade der Umstand, daß der Schapira-Prozeß so auffallend war, spricht dafür. Was wäre daran auffallend gewesen, wenn derartige Verhandlungen öfter stattfinden würden? In keiner Beziehung, weder an Zahl und Art der Verbrechen, kann also ein Vorwurf für die galizischeu Juden aus dem Gerichtssaale bewiesen werden. Damit ist der Fall Schapira für den Gebrauch einer scheeläugigen Feindseligkeit erledigt. Wir mußten widerwillig gegen eine gewisse Methode einschreiten und . mit Gegenstücken zeigen, daß es den Prozeß des galizischen Juden gab und nicht der galizischeu Juden. Wer aber sein Haus auskehren will, darf den Schmutz nicht scheuen. Wir hoffen aber, daß wenigstens ein dummes Vorurteil auf den Mist geworfen wurde. Nun noch zu einigen der übrigen, soweit sie noch in verdrehten Köpfen spuken. Juden selbst sagen, die polnischen Juden heirateten zu früh, sie ergäben sich zu stark dem Gelehrtenberuf und Kaufmannsstand statt dem Handwerk. Wenn das Vorwürfe sein sollen, so fallen sie beim ersten Hieb der Kritik zusammen. Denn die frühen Heiraten sind die Garantie für die Lebenszähigkeit und Sittlichkeit der Rasse, die wir zur Existenz und zum Stolzieren unter unseren Nachbarn wohl brauchen. Darüber sollten wir ja geradezu jubelu, wenn wir den Grundsatz: „Das wichtigste Kapital des Staates ist der Mensch" mit richtiger Anwendung auch auf die Völker beziehen. Und daß die Juden nicht Handwerker werden wollten, ist vor allem unwahr. Wir haben schon ganz unverhältnismäßig viele davon. Und viel mehr noch würden von der Gottesgelahrtheit, deren Hang von einer gütigen Vorsehung diesen Armen als Trost Lu ihrem verzweifelten Dasein geschenkt wurde, und vom Kaufmannsstand, mit dem sie die notwendigen paar Heller herbeikünsteln, zum Handwerk herüberkommen, wenn man sie brauchen könnte. Zu den industriellen Unternehmungen der jüdischen Hilfsorganisationen für Galizien sind weit mehr Handarbeiter zngeströmt, als man verwenden konnte. Bei den jüdischen Arbeitsvermittlungen sind mehr Handwerker vorgemerkt, als man nnterbringen kann. Nicht zu wenig jüdische Arbeiter gibt es, aber zu wenig Arbeit für Juden, die galizischen Juden wollen alles tun und leiden, um ehrlich leben zu können, aber sie kommen ans ihrem Elend nicht heraus und viele westliche Juden, die der Armut gegenüber noch edler und hilfreicher sein sollten, stoßen ihre galizischen Brüder unter Beschimpfungen zurück. Will man den polnischen Juden etwa noch vorwerfen, daß sie stark sind in der Frömmigkeit, was wir gerne als Finsternis bezeichnen? Mag derjenige Freigeist sein, welcher Jude ist aus Gründen des Blcktes und der Ehre. Aber gegenüber den furchtbaren dezimierenden Resultaten westlicher Erziehung im Judentum sind wir froh über die Strenge einer Religion, in der jeder Lehrsatz dem Gläubigen Stolz und Bewußtsein seiner Stammesgemeinschaft einimpft. Uns scheint es, daß das letzte und scheinbar geringfügigste Argument gegen die polnischen Juden das maßgebendste und wichtigste ist. Das Sonderbare in ihrem Aeußern ist es, welches ihre Feinde immer von neuem aufreizt. Wir haben es zwar schon in der Volksschule als kindisch verachten gelernt, einen Menschen nach seinem Aeußern zu beurteilen. Aber wir regen uns über deutliche Äußerlichkeiten des Judentums in Gewand und Sprache immer wieder auf. Die meisten Feinde der polnischen Juden würden sich ohueweiters vergnügt aussöhnen, wenn sie mit einer Scheere gegen alle Pnjes und Kaftans nach Belieben wüten könnten. Dieser Zorn aber ist nur ein Kind der Feigheit. Bei uns wimmelt es noch von Feiglingen mit den Anschauungen der liberalen Zeit, die aus lauter Furcht vor den Christen am liebsten sehen würden, daß jeder Jude das Aussehen und Betragen von Hermann dem Cherusker hätte. Und das sind dann die Fanatiker in der eifrigen Hetze, die jetzt wieder den jüdischen Antisemitismus anfacht. Es ist noch nicht lange her, daß man diese Dinge nicht kannte, daß man die durch das Milieu verschuldeten wenigen und kleinen Eigentümlichkeiten der polnischen Juden nicht sah und dafür die besonders große Ehrlichkeit ihres Judentums und ihren an der Härte ihrer Lebensbedingungen geschärften Verstand hat ungehindert und gerne wirken lassen. Da führten große Männer der Politik und Wissenschaft, wie Lasker und Kosch, Graetz und Lazarus die Judenheit zu Heil und Ruhm, trotzdem sie polnische Juden waren. Vielleicht wären sie untergegangen, wenn die beschämende Beschränktheit kleiner Geister so getobt hätte wie heute. Das soll ein Mahuwort an alle jene sein, welche aus Kurzsichtigkeit jemals Scheidewände im Judentum aufrichten wollen. Nicht nur zwischen westlichen und östlichen Juden, sondern auch zwischen allen andern Gruppen und Parteien. Machen wir es der österreichisch-ungarischen Monarchie nicht nach, welche von ihren vielen inneren Streitigkeiten in Existenz und Entwicklung bedroht ist. Wahrlich, wir verdienen kein besseres Schicksal als das, herumgehudelt zu werden, wenn wir uns jetzt mit Streitigkeit, u zwischen Ost und West und ähnlichen Dummheiten abgeben, statt wie ein Mann mit Feuer an der Arbeit zu sein. Hannibal vor den Toren und in Rom streiten die Parteien. Die Wahlreform ist fertig, meine Herren Juden! Weg mit dem Plunder! Habet ihr es in Mähren nicht blitzen gesehen, wo zum erstenmal nach dem neuen Wahlrecht gewählt wurde und die klerikalen Antisemiten so unerwartete große Erfolge errangen, die sich anderswo noch verdoppeln werden? Jetzt handelt es sich nicht mehr darum, welche Partei im Judentum siegt, sondern ob das Judentum über die Parteien

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