Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 46 Vr. JSlccb s MlocvenscvrM. Lette 771 konnte, so muß doch das jüdische Volk schon im Altertum jene Eigenschaften besessen haben, die seine Vitalität und Ausdauer, seine Elastizität und Rejuvenescenz erklären, und es ist ein Beweis der Kontinuität mit den Altvorderen, wenn auch die Juden des Mittelalters die gleichen Vorzüge ausweisen. Diese waren aber mehr geistige als leibliche. Mäßigkeit, Nüchternheit, Keuschheit, Barmherzigkeit, Familiensinn find den Juden immer zuerkannt worden, diese Tugenden wogen selbst die Mängel der körperlichen Konstitution auf, welche die unausbleiblichen Folgen des jahrhundertelangen Druckes und Elends waren. Wodurch sollten sich aber diese Tugenden vererbt haben, wenn nicht durch die Selbstzucht, die den Juden infolge ihrer strengen Lebenshaltung zur zweiten Natur geworden war? W u n d t sagt : ..Ein in seiner gesamten Kultur christlicher Staat, der zugleich den verschiedenen Formen christlicher Glaubensbekenntnisse in sich Raum gibt, kann also nur ein undogmatisches, den christlichen Konfessionen gemeinsames Christentum zur Basis des religiösen Teils seiner öffentlichen Erziehung machen." Ein „undogmatisches Christentum" — das heißt doch wohl ein Christentum ohne Menschwerdung Gottes, ohne Mutter Gottes, ohne Trinität, ohne Gottes Sohn und dessen stellvertretenden Tod und Auferstehung — was ist daran, den Namen cingeschlossen, noch christlich, und nicht vielmehr als der jüdische Monotheismus und die, von W u n d t u. a. freilich nicht gekannte, und darum verkannte jüdische Sittenlehre rechtmäßig zu bezeichnen? Diesem höchsten Gut diente das „Gesetz" als „Panzer", dieser Festung gereichten die Normen der Lebens' Haltung zur Schutzwehr, an deren Ausbau die Schriftgelehrten ihren unverdrossenen Eifer wendeten. . Der Verfasser zitiert zum Schluffe dieses Kapitels ein merkwürdiges und unbefangenes Urteil eines christlichen Theologen. Travers Herford, über das biblisch-rabbinische Gesetz. Seine Worte lauten: „Was gewöhnlich ,leerer Formalismus' oder , ernst hast behandelter Tand' gena nnt wird, verdient einen besseren Namen, denn es ist — irrtümlich oder nicht — eine ehrenwerte Bemühung, das Prinzip des Gottesdienstes auf die gering st en Einzelheiten und Handlungen des Lebens anzuwenden . . . Die großenRabbinen, derenWerk im Talmud aufbewahrt ist, waren keine Heuchler, noch bloße Formalisten, sondern Männer, welche die religiöse Absicht dessen, was in der Form gesetzlicher Vorschrift ausgedrückt war und triviale Regulierung zu sein schien, voll zur Geltung brachten.... Paulus sprach ohne Zweifel aus derTiefe seiner eigenen Ueberzeugung, aber er repräsentiert nicht den Geist der großen Führer des Rabbinismus. Und das System von Gedanken und Handlungen, das diesen Namen führt, wird unbillig beurteilt, wenn es auf das Zeugnis seiner entschieden st en Feinde hin verdammt wird." Bacher bemerkt hierzu: „Solche Worte sind selten von Christen über den Rabbinit mus gesagt worden." Das Einbekenntnis des christlichen Theologen bestätigt der große Historiker Gregorovius. Ferdinand Gregorovius sagt an einer Stelle: „Das tragische Schicksal der Juden, in der Zerstreuung unter allen Völkern der Erde ewig fortzudauern, ist so beispiellos, daß es der christlichen Sage als die Wirkung des göttlichen Fluches erschien. Die Anhänger des Moses überlebten, leidend aber nicht handelnd, die Wandlungen der Geschichte, die furchtbaren Katastrophen der Jahrhunderte. Sie vermochten das nicht aus der Kraft der Raffe, sondern aus der Energie ihres keine Assimilierung duldenden Glaubens. Dieser machte den Verlust des Vaterlandes erträglich, wenn er dasselbe auch nicht ersetzen konnte, und niemals auf Erden ist ein stärkeres Zeugnis von der Echtheit religiöser Urkunden gegeben worden." (Fortsetzung folgt) U«chrm Schapira und lUgtne Rieht. Vor kurzer Zeit fanden in Wien mehrere Prozesse statt, welche die Spalten der Blätter mit Sensationen und den Busen aller Spaziergänger auf dem Pfade der Tugend mit flammender Entrüstung füllten Zuerst die zwölstägige Verhandlung, welcher Nuckem Schapira den Stempel seiner „zaubergewaltigen Erscheinung" aufprägte, um uns eines Ausdrucks zu bedienen, der einst von Vergani über sich gebraucht wurde. Ein paar lumpige Burschen hatten es versucht, ein Konkurrenzunternehmen gegen die Ocsterreichisch ungarische Bank zu unternehmen und hatten die Erzen nng jener kleinen Bildchen begann«, um deren Besitz sich die ganze Menschheit arbeitend, denkend, ringend plagt. Man hat gehört, wie t.uer sie den Mangel einer Konzession bezahlen mußten, und jeder sah sie im Interesse seines zukünftigen Besitzes an Fünfzigkroueu-Scheinen gerne in der Gegend verschwinden, wo man an Stelle des Banknoteuspalteus das Säckepicken betreibt. Als aber das Gericht sein letztes Wort gesprochen hatte, war das Summen im großen Bienenkorb der Oeffenllichkeit noch lange nicht zu Ende. Mau vertrieb sich die Zeit mit gehörigem Ansschroten des Falles. Die Witzbolde hatten Feiertag, man schimpfte, polterte und folgerte und sogar die Damen lasen die Zeitung. Gegen wen aber richteten sich die zugespitzten Pfeile des Geistes, die Kraftausdrücke der Männer, das bedauernde Schütteln der schön frisierten Köpfe? Man sollte es nicht glauben, aber man hat es staunend miterlebt: Bei einem großen Teil der jüdischen Gesellschaft saß durch den Fall Schapira der „polnische Jude" auf der Anklagebank. Das war nur möglich, indem mau die Logik der Tatsachen aus dem Gedankenkreis verbannte und antisemitische Muster der Beweisführung mit dem Eifer des Unverstandes nachahmte. Die Luegerpartei hat gezeigt, wie einfach, nett und erfolgreich die Methode ist, mit der man eine Gruppe der Bevölkerung gründlich verleumdet. Man braucht nur dem Verbrechen eines Einzelnen aus dieser Gruppe systematisch den Satz anzufügen: so sind sie alle! und man hat das erreicht, wogegen wir Juden uns seit zwanzig Jahren in Wort und Schrift so energisch wehren: Das Generalisieren. Wie, ist etwa das Verbrechen in der Art Schapiras eines, das dem Judentum und besonders dem galizischen Judentum erb- und eigentümlich wäre? Selbst die Antisemitenblätter haben die Verhandlungen mit der schwächsten jener giftigen Farben behandelt, mit der sie sonst alles Jüdische besudeln. Wer sollte denn auch in einer Zeit, tu welcher die Gendarmerie Falschmünzer und Banknotenfälscher an allen Ecken und Enden zusammenfängt, von einem besonderen Talent der Juden für diese Art von Verbrechen sprechen? Es blieb gerade gewissen Juden Vorbehalten, Antisemitismus durch Fälschungen des Tatbestandes zu treiben und mit blutiger Selbstverhöhnung das Verbrechen des Schapira für das Judentum zu reklamieren, um es den galizischen Juden auzuhängen. Nur schade für diese Lieblinge der Weisheit, daß sie auf ihre Methode kein ausschließliches Patent haben, daß andere denselben Weg benützen können, um an das gleiche Ziel zu kommen. Nach Schapira hat ja noch ein Prozeß stattgefunden, in welchem des Judentums traurige Erwähnung geschah. Die Modistin Riehl, die ihrer ekelhaften Profitgier auf die schändlichste Weise nachjagte, mit . Meuscheufleisch wucherte, sie ist eine getaufte Jüdin und stammt nicht aus Galizien; ihre Helfershelferin Antonie Pollak hat uns leider noch nicht verlassen und auch sie weiß nichts von Kosziusko und Kasimir dem Großen. Ist auch anläßlich ihres Prozesses ein vielstimmiges Volksurteil erflossen, haben die Galiziankr dem Schapira gegenüber die schmutzige Bordellwirtin auf ein Postament gestellt und haben ausgerufen: Seht her, so sind die westlichen Juden? Und um eine Erinnerung aufzuwärmen: Genau so wie Schapira hatten doch auch die Brüder Liebl gearbeitet. Das warm wieder getaufte Juden und Westler, ^ie sie