Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-11-16 · 46 (16.11.1906) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
46 (16.11.1906)
Date
1906-11-16
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021703--15887-3040678
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 770 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 46 deihen lassen. Gegen die Beschneidung opponieren die Propheten nicht, wie gegen die Opfer, im Gegenteil das Nichtbeschnittensein ist bei ihnen ein Merkmal des Heidentums. Als ein Zeichen der Abstammung von Abraham und der Zugehörigkeit zu den Bekennern des Monotheismus erklärt und begründet die Beschncidung Maimonides. Sie hat sich aus diesem Grunde und durch die Weihe des Alters geheiligt, fast unangetastet erhalten. Als um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ein Verein von Juden in Frankfurt a. M. die Beschneidung abschaffen wollte, schrieb Z u n z : „Die hohe Bedeutung, welche das Gebot der Beschneidung im Judentum von jeher gehabt, ist durch die heilige Schrift, die Tradition und die Geschichte bestätigt; seine Heiligkeit ist so alt wie Israels Stamm, vier Jahrtausende." Er sagt weiter: „Eine mit der Verleugnung des Talmud und des Messias, d i. mit dem Aufgeben von Vergangenheit und Zukunft verbundene Abschaffung der Beschneidung schneidet das Leben des Judentums mitten entzwei; ein Selbstmord ist keine Reform." So starke Akzente fand ein Mann für die Beschneidung, der einer der gelehrtesten Kenner des Judentums aller Zeiten, und nichts weniger als ein Orthodox war. Es bedarf auch keiner Exaltation, um die verächtliche Art, mit der Paulsen in seinem „System der Ethik" von der Beschneidung als von einer „Verstümmelung des Leibes" redet, zurückzuweisen. Der Verfasser hat dies bereits gegen Ende des dritten Kapitels erwähnt, kommt aber hier noch einmal darauf zurück, weil er im Zusammenhänge damit einer ihr scheinbar fernliegenden Institution die Aufmerksamkeit widmen will — dem Duell. Was kommt bei dem Duell heraus? Wenn es blutig verläuft, im glücklichsten Falle eine „Verstümmelung des Leibes". Und um was handelt es sich dabei? Um die Ehre! Aber welche geringfügigen Vorkommnisse sind es häufig, die den Waffengang herbeiführen, dennoch nennt man ihn einen Ehrenhandel und die davongetragene „Verstümmelung" ehrt ihren Träger und macht ihn stolz. Wenn sie jedoch durch die Beschneidung bewirkt wird, da sollte sie nicht aus dem Motive der Ehre, die einem viertausendjährigen Zeichen der reinsten Gotteserkenntnis schon von selbst anhaftet, zu rechtfertigen sein? Von der Beschneidung gilt noch immer Zunzens treffendes Wort: „Als Zeichen der Einheit und ewigen Dauer Israels, ein sichtbarer Akt der llebertragung und Vererbung des göttlichen Gesetzes — entscheidet. die Unterlassung derselben für das kommende Geschlecht: der aus Prinzip unbeschnitten gebliebene Sohn wird schwerlich aus Prinzip im Judentume bleiben." Die erst in unseren Tagen ausgebildete Wissenschaft der Hygiene hat aber auch in dem Komplex der auf die Lebenshaltung bezüglichen Vorschriften der Tora vielleicht ihre älteste Vorgängerin. Descartes sagt: „Wenn die menschliche Gattung vervollkommnet werden kann, so muß man die Mittel dafür in der Heilkunde suchen." An dieses von einem modernen Hygieniker angeführte Wort knüpft derselbe die Bemerkung: „Dazu muß aber der Arzt Hygieniker sein oder werden, und aus der hygienischen Rüstkammer der Medizin müssen die Waffen genommen werden, um diesen Kampf gegen die Entartung und für den Fortschritt der Menschheit mit Erfolg zu führen." Rudolf V i r ch o w hat in einem Vortrage über „Akklimatisation in der 58. Versammlung der Naturforscher und Aerzte in Straßburg folgenden Ausspruch getan: „Einzig und allein gedeihen von den Weißen in den subtropischen Gebieten wie überall (über die eigentlichen Tropen fehlt die Erfahrung) die Juden. Sie sind befähigt, sich dort anzusiedeln und jahrhundertelang hindurch sich zu erhalten. Die Tatsache steht fest, daß alles, was deutscher Abstammung ist, im höchsten Grade gefährdet ist, dann kommen die Nordftanzosen, dann die Provenzalen, dann die Spanier, dann die Portugiesen und Malteser und endlich die Juden. Dies ist die Reihenfolge. Eine Hauptsache ist die, inwieweit die sonderbare Immunität, welche die Juden unter den verschiedensten Umständen bei der neuesten Kolonisation gezeigt haben, basiert auf der Besonderheit ihres Lebens, auf der strengeren hygienischen Haltung des Hauses, auf der größeren Sorgfalt der Speisegesetze, auf dem mehr häuslichen Leben und dergleichen. Ich behaupte nicht, daß die Rasse an sich diese große Immunität vollständig erklärt, obwohl es auch möglich wäre, daß das der Fall ist." Nun mache man von diesen neuesten Beobachtungen die Applikation auf frühere Zeiten und die verschiedenen Siedelungen der Juden, in denen sie sich unter den schwierigsten Verhältnissen behaupteten! Sollte da nicht erst recht die Lebenshaltung ausschlaggebend gewesen sein? Die Tora nimmt hinsichtlich der Ernährung einen mittleren Standpunkt ein, sie hat die animalische Kost nicht schlechthin untersagt, sondern nur eingeschränkt, dadurch ergab sich von selbst als Norm die gemischte Kost, und diese gilt ja heute allgemein als dem Menschen am meisten zuträglich. Das Verbot, Aas und gefallenes Vieh zu genießen und auch nur zu berühren, sowie die im Falle der Uebertretung und für ähnliche Fälle der Verunreinigung vorgeschriebenen Waschungen sind schon durch sich selbst als hygienische Maßregeln erkennbar. In der Hauptsache aber verfolgt die Gesamtheit dieser Vorschriften einen positiven Zweck: die Erhaltung und Fortpflanzung gesunder, kräftiger Generationen, wie es deutlich genug in dem Worte der Bibel ausgedrückt ist: „Und er sprach: wenn du hörst auf die Stimme des Ewigen deines Gottes, was recht in seinen Augen ist, tust, seinen Geboten Gehör schenkst und alle seine Satzungen beobachtest, so werde ich alle Krankheit, die ich Ägypten zukommen ließ, dir nicht zukommen lassen, denn ich der Ewige bin dein Arzt." In diesem Betrachte ist auch die Einschränkung des Genusses berauschender Getränke beachtenswert. Der diensthabende Priester sollte sich ihrer enthalten, ebenso der Nasir. Die Tora nimmt auch hier eine vermittelnde Stellung ein: sie untersagt den Genuß berauschender Getränke nicht gänzlich, aber die Erzählung von dem Rausche Noahs und Loths soll ein abschreckendes Beispiel darbieten, und auch sonst enthält die Bibel manche Stellen, die zeigen, wie verpönt die Trunkenheit war. Andererseits werden die Rechabiter, die sich des Weines enthielten, von dem Propheten Jirmeja (Kap. 35) den Israeliten als Muster treuer Anhänglichkeit an. der Väter-, lichen Sitte vorgeführl. Es ist doch nur ein bestechendes Schlagwort, das Jesus zugeschrieben wird, wenn er sagt: „Was zum Munde eingehet, das verunreinigt den Menschen nicht." Vom Alkohol läßt sich das nach der hygienischen Wissenschaft nicht behaupten, und in religiöser Hinsicht verschlägt es nichts, daß auch anderen Genußmitteln eine schädliche Wirkung zugeschrieben wurde. Jesus war es wohl auch nur um die Betonung des Nachsatzes zu tun: „Sondern was zum Munde ausgehet, das verunreinigt den Menschen." Zur Verhütung dieser sittlichen Verunreinigung sollte eben die Verhütung der körperlichen anleiten. Diese, so wichtig sie an sich selbst ist, ging zugleich Hand in Hand mit. einer Diätetik der Seele, wohin die ganze Tendenz des Gesetzes strebt. Daß diese Diätetik der Seele, die Selbstbefreiung, die Unterjochung der Leidenschaft und Unterdrückung roher Naturanlagen der höhere Zweck der die Lebenshaltung ordnenden Vorschriften der Tora sei, erklärt Rab durch den Ausspruch: „Das Psalmwort ,Die Rede Gottes ist geläutert' will sagen, daß die Gebote nur gegeben wurden, um dadurch die Menschen zu läutern." Aber manche von diesen Geboten deuten schon durch sich selbst diesen Zweck an. So sollte durch das nach der Tradition in der Tora enthaltene Verbot, das Glied eines lebenden Tieres zu genießen,' sowie durch das deutlich darin ausgesprochene Verbot, die Mutter und ihr Junges an einem Tag, dieses also vor den Augen der Mutter zu schlachten, die Ausbildung der Grausamkeit verhütet werden. Diesen Zweck verfolgt augenscheinlich auch die Vorschrift, die Vogelmutter von dem Neste wegzuschicken, bevor man sich der Jungen bemächtigt. Nach dem Wortlaute des Verbotes, das Junge in der Milch seiner Mutter zu kochen, liegt demselben ebenfalls die Unterdrückung der Grausamkeit zugrunde. Wenn diese und ähnliche Vorschriften allgemein und ausdrücklich damit begründet werden, daß das Volk „heilig" sein soll, so entspricht der Gebrauch dieses Wortes dem angestrebten Zweck durchaus, denn dieses Prädikat paßt auf eine Sinnes- und Lebensart, aus der alles Rohe und Gemeine ausgeschieden ist. Obgleich nun dieses hohe Ideal, wenn überhaupt, nur in seltenen Fällen erreicht werden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.