Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 46 (16.11.1906)
- Date
- 1906-11-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 46 Dr. Bloch’s H»hr,a», XXIII Zentralorcjan für die gesamten Ilnteressen des Judentums. Wien, 16. November 1906. — LrslLeLnt jeden Freitag, Brief-Adresse: Mlien, IX[% Werggasse 39. Telegramm-Adresse: JBIocb’s Mtocbenscbrtft. Mten. »-* VeMgaprris für Vrsterrrich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Äür's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Pelitzetle 24 Heller. %-« »---S A. ft. Postsparkassrn-Aml Cseartng-Verkebr Mr. S10.976. Srdsktion und Administration: Wien ix/i, Werggasse Mr. 39. Telefon Nr. 14.847. ©-* Inhalt: Leitartikel: — Jüdische Apologetik. — Nuchem Schapira und Regine Riehl. — Wirtschaftliche Hilfe für die galizischen Juden. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Abgeordneter Dr. Straucher. Wahl des Präsidenten. Ein jüdisches Gymnasium. Die Brünner Brüll-Feier. Aus der Leopoldstädter Bezirksvertretung. Der Verein „Israelitische Kinderbewahranstalt. UasLil sl dol und Voranzeige. Hilfsverein Deutscher Juden Preisausschreibung. Das religiöse Leben bei Ariern und Semiten. — Korrespond e n zen: Aus der Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes. Predigt Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiner Dr. David. — Vermischtes: Wien. Hofrat Ritter v. Frydmann gestorben. Jüdische Kolonisatiousvereine. Handarbeitsausstellung. Jüdische Toynbeehalle. Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis an jüdische Hochschüler. Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Juden. Pohrlitzer in Wien. Wien-Floridsdorf. Israelitische Kultusgemeinde St. Pölten. Saaz. Das Gabelsche System in Prag. Ma^ienbad. Tachau. Budapest. Györ. — Feuilleton: Minister Strauß. Eine schreckliche Entdeckung. — Literatur. — Neue Bücher.— Briefkasten. — Inserate. „Iiidische Apologetik. Von Dr. Moritz Güdemann, Oberrabbiner in Wien." V. DievolkserzieherischeAufgabe des „Gesetzes". Die pädagogische Tendenz der jüdischen Religion zeichnet mit großer Eindringlichkeit das fünfte Kapitel. In der Erziehung darf man keine großen Sprünge machen, man muß mit dem Kleineren den Anfang machen, das eben deswegen, weil es den Anfang bildet, am schwersten fällt. Ist dieses erreicht, dann verkleinert sich das Größere von selbst. In gleicher Weise verhält es sich mit dem Ziele der sittlichen Vervollkommnung, zu welchem der Weg nicht bloß durch den Wall der Abgötterei, sondern durch die Hindernisse der menschlichen Leidenschaften, Sinnlichkeit, Selbstsucht, Eigennutz, Habgier, Haß, Zornmut u. dgl. verlegt ist. Das Gebot: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst", enthält ohne Zweifel alles, was, von allen Menschen beherzigt, den ewigen Frieden gewährleisten und die Welt zu einem Paradiese machen würde. Aber es ist nur die hochragende weiße Fahne, die auf der Festung der Vervollkommnung aufgepflanzt ist. Deswegen mußten doch Mord, Diebstahl, Ehebruch usw., ausdrücklich verboten und mit Strafen belegt werden. Man braucht sich aber nicht dieser schweren Verbrechen schuldig zu machen und bleibt doch weit entfernt vom Ziele der Vollkommenheit. Der Weg dahin muß völlig von Hindernissen und Ablenkungen freigemacht werden. Diesen Zweck verfolgen zahlreiche Vorschriften, die nicht bloß die Ausübung positiver Tugenden zur Pflicht machen, sondern im allgemeinen auf die Unterdrückung der Roheit und die Verfeinerung des Gefühls abzielen, wie z. B. die Verbote, dem Tauben zu fluchen, dem Blinden einen Anstoß vorzulegen usw. Dahin gehören auch die Vorschriften über schonende Behandlung der Tiere. Die Tora enthält zahlreiche Vorschriften über die Opfer, die Priester und den Tempelkultus, dann solche über die sogenannte levitische Reinigkeit, ferner solche, die beim Ackerbau hinsichtlich der Aussaat und Ernte, der Abgaben, des Brachjahres, der Erstlingsfrüchte usw. zu beobachten sind, endlich solche, die man unter dem Gesamttitel der Lebenshaltung vereinigen kann, zu denen die Borschriften über die Beschneidung, die Feier des Sabbats und der Festtage, sowie die Speisegesetze das Hauptkontingent liefern. Es kann nun kein Zweifel darüber obwalten, daß es gerade diese Lebensvorschriften der Tora waren, die Paulus veranlaßten, gegen das Gesetz aufzutreten. Darin lag insofern eine Inkonsequenz, als jene Vorschriften einen integrierenden Bestandteil des auch nach der Meinung des Apostels göttlichen Gesetzes bilden, wovon bei ihm immer als von einem Ganzen die Rede ist. Die Inkonsequenz mag sich auch bald bei ihm fühlbar gemacht haben. Zuerst, um ein rabbinisches Sprichwort zu gebrauchen, drängen wir die Dinge, nachher drängen die Dinge uns. So mag denn, wie Grafe behauptet, Paulus nach und nach zu der Meinung gekommen sein, „daß auch für das sittliche Leben des Christen das Gesetz nicht mehr bestimmende Norm sein könnte." Leicht faßlich ist die Ausbildung dieser Meinung nicht, da doch das sittliche Verbot, dem Tauben zu fluchen, für den Christen sich nicht anders stellen konnte, als es bereits in der Tora gestellt war. Dasselbe gilt natürlich von allen sittlichen Vorschriften der Tora. Man kann sich die Sache nur so erklären, daß Paulus durch seinen eigenen Eifer dazu gedrängt wurde, die neue Lehre gänzlich vom Gesetz, ohne Rücksicht auf seine verschiedenen Bestandteile, loszureißen. Gegenüber dem Verbote der Tora, dem Ochsen beim Dreschen das Maul zu verbinden, wirft Paulus die Frage auf: „Sorget Gott für die Ochsen?" Er betrachtet also, wie L e ck y tadelnd bemerkt, „die Pflicht gegen die Tiere etwas verächtlich als eine müsfige Empfindelei". Aber wir gehen wohl nicht mit der Annahme fehl, daß der Apostel nicht ernstlich die Tiere preisgeben will. Der Opferkultus war auf das Zentralheiligtum beschränkt, er sollte die letzten Spuren des Heidentums auslöschen helfen und den Monotheismus stärken. Diese erzieherische Absicht deutet schon Maimonides an. Hiernach war mit dem Opferkultus eine Art Katharsis beabsichtigt, wie sie Aristoteles dem Drama zuschreibt: wie hier der Zuschauer von den Affekten der Furcht und des Mitleides durch Vorführung von Szenen, die sie zur Entladung bringen. Befreit wird, so sollte der im monotheistischen Geiste geübte Opferkultus das Volk Israel von dem götzendienerischen Banne losmachen. Andererseits ist nach dieser Auffassung in dem Zusammenhang der Opfer mit dem Heidentum und der Gefahr ihres Mißverständniffes die ungünstige Beurteilung begründet, welche die Propheten ihnen ange-