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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-11-09 · 45 (9.11.1906) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
45 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 45 Dr. Dlocv's MocbenscdrLkt. Seite 7b7 Indessen saß sein Freund oben im letzten Stockwerk des hohen Hauses in seinem Gemach zwischen Büchern und Rechnungstafeln. Er hatte den Kopf in seine Hände vergraben. Seit Tagen stritt seine Seele einen ungeheuren Kampf. Als er den Brief seines Jugendfreundes erhalten hatte, stand jene Stunde vor ihm, da der andere all sein Hab und Gut mit ihm geteilt hatte, um der Liebe aus den Kindertagen willen, da ihre Seelen Geschwister gewesen waren. Und er verstand, daß nun an ihm die Reihe war, ein Gleiches zu tun. Nun aber hatte sein Wesen, einst rein und gütig den Händen des Ewigen entsprungen als eine klare, singende Quelle, sich in jenen Zeiten, da er aus plötzlicher Armut rasch wieder zu unvermutetem Reichtum gelangt war, getrübt. In ihm war zuerst eine erschreckliche Angst vor einem erneuten Verarmen gewesen, später eine übertriebene Liebe zum Besitz. Darüber war er von innen leer geworden. Dies alles hatte sich endlich zu einem kalten Geiz gesteigert. Und nun bäumte es sich in ihm auf vor dem Gedanken, sich auch nur von einem kleinen Teil des Seinen zu trennen. Er beschloß endlich jede Gabe zu verweigern. Da er aber bedachte, daß beim Anblick des Freundes alle Härte in ihm schmelzen könnte, daß seine Seele auftauen würde, wenn sie aus dem Blütengarten ihrer Jugend das Silberläuten vernähme, überkam ihn eine würgende Angst. Er rief seine Diener und befahl, daß sie den Mann aus dem Hause zu weisen hätten, und er legte ihnen schreckliche Worte, scharfe und seelenlose, in den Mund. Als nun einer aus der Schar der Knechte eintrat, der Wartende seinen Namen nannte und den Herrn begehrte, tat der Diener nach seinem Befehl und wies ihn fort, wie es ihm geboten war. Der arme Gefährte ging von hinnen aus der Stadt an einen Ort, da er mit seiner Seele allein war. Da weinte er sich gut ans vor Gott und sprach: Herr, der Freund, der mein einziger Hort auf Erden war, meiner Seele Bruder, dem ich von meinem Gut einst soviel gegönnt habe wie mir selbst, er hat mich nicht vor sein Angesicht gelassen. In seinem bitteren Weinen, in der Auflösung seiner Seele, erschöpft am Leibe von der weiten Reise ohne Rast und Labung ist der Arme gestorben in jener Stunde. Wenige Tage später ist auch der Reiche dahingegangen. Zusammen haben sie vor dem hohen Richter der Welt gestanden. Dem Armen hatten Leid und Güte ein Sein im hohen Lichte errungen, der Reiche aber sollte versinken in Verwirrung und Trostlosigkeit in den Raum, wo Eis wie Feuer brennt und die harten Herzen ihren Ort haben. Als sein Gefährte den Richtspruch vernommen hatte, schrie er unter Tränen: Herr, selbst die Helle, die von dir ausgeht, kann den dunklen Kummer nicht erleuchten, den ich alle Ewigkeit fühlen werde, wenn dieser in das Reich der Qualen versinken soll, der meine ganze Welt war, als ich, ein Kind, mit ihm zu deinen Füßen spielte. Es redete die hohe Stimme der Himmel und sprach zu ihm: Dein und sein Richter sollst du sein. Was begehrst du für euch beide? Da antwortete jener: Gewähre uns, o Herr, noch einmal auf die Welt niederzusteigen, laß unsere Seelen mit einem neuen Körper, mit einer reinen Hülle der irdischen Wirklichkeit geboren werden. Noch einmal laß ihn selbst über den Weg seiner Seele entscheiden. Ihn laß in Reichtum, mich in Armut geboren werden. In Bettlergestalt will ich bei ihm erscheinen und zurückerlangen, was er mir schuldet und verweigert hat in jenem vergangenen Leben. Ist sein Sinn aber karg wie einst, glühende Tränen wie flüssiges Silber will ich über sein Herz gießen, Worte, die wie Flügel die Luft um ihn bewegen sollen, will ich ersinnen, auf den Knien will ich mit seiner starren Seele ringen, um das Gut von ihm zu erreichen, sei es Heller um Heller! Da beschied die hohe Stimme den beiden eine neue Wiederkehr. Der harte Mann lebte in reichem Hause ein üppiges Leben, der andere kam unter dürftige Leute in einem fernen Lande, ein Armer in Wahrheit. Nun, o Freund, mahnte der Baalschem, spanne deine Seele an und höre mir gut zu! Was vor diesem Leben, auf der Wanderung der Geister mit ihnen beiden sich ereignet hatte, das wußten sie nimmer. Es geschah, daß der Arme in der Not seines Lebens auf die Wanderschaft zog, um zu betteln, und so ist er in die Stadt gekommen, wo der andere in seinem schönen Hause unter Reichtum und gutem Leben in die irdische Seligkeit eingebettet war. An dem Tage, da der Arme jenen Ort betrat, war sein Elend und Entbehren so hoch gestiegen, wie ein schwellend Wasser, das seinen höchsten Stand erreicht hat. Ec irrte durch die Straßen und kam zum Hause des reichen Mannes. Hier hielt er ein und hob die Hand, mit dem Klopfer die Tür zu berühren. In dem Augenblick kam ein Mensch des Weges, erblickte den Bettler an der Pforte und rief ihm zu: Hier pochst du vergebens, aus dem Haus ist noch keiner getröstet weggegangen! Da wußte er, daß man ihm die Gabe weigern würde, und seine Hand fiel herab, aber etwas in seinem Herzen sagte ihm. daß er hier und nirgend anders das Almosen empfangen müsse, wenn seinem Leben sollte geholfen werden. So pochte er und trat vor den Herrn des Hauses und bat um eine geringe Spende, damit er seinen wühlenden Hunger stillen könne. Reicht Ihr mir nichts, so sterbe ich! sagte er. Ihr haltet mein Leben in Eueren Händen! Der Hausherr lachte ein wenig, was bei seinem finstern Gesicht schrecklich aussah. und höhnte dann: Spar deine Zeit und red nicht lang! Jedes Kind auf der Straße weiß, ich gebe kein Almosen. Um dich brech' ich nicht mit meinem Brauch! Da fühlte der Arme eine seltsam zwingende Kraft in sich aussteigen, es war ihm^ als bäte er um mehr als um sein Leben. Fremde, gewaltige Worte stiegen aus seinem Munde, er fand eindringliche Gebärden und rang mit aller Anstrengung um das verschlossene Herz. Als der Reiche eine so große Gewalt auf sich eindringen fühlte, erfaßte ihn die Wut, er schlug ans den Bettler los, und er, der sein letztes Leben in seine Bitten gesammelt hatte, sank unter dem Schlage tot darnieder. Nun, Freund, sagte der Baalschem, hast du mich zu Ende gehört. Fehlt dir wirklich noch immer gar nichts? Da brach der Jude in Tränen vor dem Meister in die Knie: Rabbi, der Böse bin ich. Du hast den Schleier der Zeiten aufgetan, meine Augen haben über die Kette des Geschehens hingeschaut! Was soll ich tun, daß ich die Seele, die verdorben ist, mir behüte und reinige? Es antwortete der Baalschem: Geh und sieh in jedem Armen auf dem Wege ein Kind des Bettlers, den du erschlagen hast, gib von deinem Gut und von deiner Hilfe soviel du vermagst, laß deine Seele die Gabe mit Liebe überströmen!" Dies hat Rabbi Schalom von Kaminka den Zaddikim erzählt, die zum Jahrestag in Ropczyee versammelt waren. (Aus der „Nation".) Martin B u b e r. Krieskaftr». Kultus, emeinde in L. We-.den S>e sich an Wilb. Holpern Kunstschlosser in Wien, II, Grone Schiffgasse 1 a. Die Firma liefert d'e angefragten Geg-'nüäade auch der Wiener Kultnsgemeinde. Amerikanischer Bürger. Wir können unmöglich glauben, daß, wie Sie uns milteilten. Präsident Rooievelt über Geheiß der römisch-katholischen Geistlichkeit sür die russischen Juden nicht intervenieren wolle und daß er überhaupt stark unter dem Einfluß der katholischen Klerikalen stehe. Gesetzt selbst den unwahrscheinlichen und ganz unbekannten Fall, daß letztere Tatsache richtig sei, steht es fest, daß die römischen Katholiken in allen Ländern, wo sie nickt die Majorität haben, Muster von Duldsamkeit sind, weil sie ja dieselbe Duldsamkeit für sich beawpruchen. Nirgends aber hat sich gezeigt, ^as; die katholische Geistlichkeit selbst — wir sprechen nicht von klerikalen Blättern — für die Pogroms verteidigende Worte gesund« u teilte. Vielmehr haben hervorragende Kirchenfürsten, namentlich n Deutschland und Oesterreich, Worte schärfster Verurteilung für die russischen

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