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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-11-09 · 45 (9.11.1906) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
45 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 766 H)c- Mocv s Mocvenscvrm. Nr. 45 Walt seines Gebetes den Himmel bezwinge, ihren Wünschen Gnade und Erfüllung zu gewähren, dafür ihm aber eine Gabe reichen, damit er, der um ihretwillen stets mit dem Geiste über der Erde schwebt, sein und seines Hauses täglich Bedürfen auf ihr bestreiten könne, so gab der Baalschem sich jetzt den An- , schein, er vermeine, auch hier sei es um solch ein Lösegeld zu tun, und sprach: „Nun, Freund, müßt Ihr mir aber auch sagen, was Euch fehlt und wofür ich den Mittler machen muß?" Darauf sprach der Reiche, und er legte in seine Worte eine gar stolze Zufriedenheit: „Mir mangelt — der Name Gottes sei gesegnet — nichts! Mein Haus hat seinen Wohlstand, die Kinder sind mir ausgewachsen zur Freude meiner Seele, meine Töchter haben mir angesehene Eidame zugebracht, Enkelkinder werden mir im Hause groß. . . . Nein, Meister, nichts fehlt mir!" Nun, meinte der Baalschem, solch ein Lösegeld sei ein rares Ding und nicht übel anzunehmen. Ihm sei es noch nie widerfahren, daß ein Jude vor ihn getreten sei und ihm ein Opfer gereicht habe, ohne ihm zugleich das Herz zu zerreißen und die bittere Lauge seiner Leiden wie eine ätzende Flut darüber auszugießen. Der eine bot ihm den Anblick einer qualvollen Wunde, für die .er Heilung suchte, ein anderer weinte, daß sein unfruchtbares Weib ihm Kinder gebären möge, dem dritten drohte das Gefängnis und er wollte ihm entrinnen. Hier aber war einer gekonunen, der gab, und begehrte nichts. „Weshalb bist Lu denn zu mir gekommen?" fragte der Baalschem. Nur sehen wollte ich Euch, gab der Mann zurück, denn Euere Wunder 'leben im Volke, und man nennet Euch einen göttlichen Mann. Ich aber habe zu meiner Seele gesprochen: Ich will hingehen und ihn -von Angesicht und Stimme kennen! Darauf der Baalschem: „Nun, Freund, ist dem so, daß du den weiten Weg getan hast, allein um vor mir zu stehen mit Aug und Ohr, so sieh mich auch gut an und hör mir zu — ich will dir eine Geschichte erzählen und hingeben zur Spende aus deinen Weg. Aber, Freund, gut hör mir zu, und alle Kraft der Seele leg in dein Lauschen! Meine Geschichte ist so geschehen; Es haben einmal in einer Stadt zwei reiche Juden gewohnt, Nachbarsleute, die hatten ein jeder einen Sohn. Die Jungen waren bei gleichen Jahren, begnadete Seelchen und beide von fruchtbarem Verstand. Sie ersannen ihre Spiele füreinander und lernten zusammen und liebten einander mit einer tiefen, unbeirrbaren Liebe, daß einer gleichsam des anderen Leben war. Aber wie lange ist Judenkindern die Jugend gegönnt? Werden ln nicht gleichsam zu früh aus dem Schlummer gerissen, der die Kraft des Tages bergen sollte? So die beiden. Sie wurden dreizehn, vierzehn Jahre alt, dann vermählte man sie. Der eine zog viele Meilen weit gegen Mittag, der andere noch , weiter nach der anderen Seite fort. Nun aber, Freund, hör mir gut zu. Die beiden jungen Leute waren bloß in ihrer Liebe zueinander heimisch, die Welt war ihnen noch fremd, und so schrieben sie sich allwöchentlich lange Briefe, und darin war ihr Leben. Allmählich jedoch haftete ihr Blick an dem, was sie zunächst umgab und anging, und das zog ihre Gedanken an sich und sog sich fest in ihrem Geiste; aber jeden Monat schrieben sie einander und verschwiegen sich mit nichten, was ihnen begegnet war. Dann aber schloß die Welt sie in ihre Arme und Preßte ihren Seelen den freien Atem aus, und sie hatten Scham, einander in Briefen zu gestehen, daß ihrem Herzen die Stille mangelte, daraus das lebendige Wort der Liebe kommt, und waren sich zutiefst zu teuer, einander die hohlen Scholen leerer Worte zu bieten, und so schwiegen sie endlich gar, und nur das Gerücht aus fremdem Munde spann zwischen ihnen feine Fäden hin und wieder, und sie hörten voneinander, daß beide in Wohlstand hausten und groß und gesegnet in ihrer Welt waren. Nach vielen Jahren aber fügte es sich, daß einer von ihnen alles dessen verlustig ging, was ihn reich, froh und sicher gemacht hatte, ja, daß er so arm wurde, daß kein ehrbares Gewand sein eigen war. Wie er nun dastand und wider das Elend stritt, dachte er des Jugendfreundes und sprach zu sich: Er, der mir einst die ganze Welt und viel schöner war, als sie selbst es später sein mochte, er wird mich wiederbeleben aus dieser Not, die mich starr und lahm macht, wenn ich nur zu ihm kommen werde. Und er ging unter den Leuten umher und erborgte sich das Reisegeld unter vielen Demütigungen und Leiden und fuhr in die Stadt, in der der Freund hauste, und suchte ihn heim. Dort wurde er in glückseliger Herzenswärme empfangen, das ganze Haus einte sich zum Feste. Als sie beim Mahle saßen, Seite an Seite, fragte der Freund: Du Seele meiner Kindheit, sage mir, wie ergeht es dir in der Welt? Sprach der andere: Viel mag ich nicht reden, wisse nur, selbst die Kleider, in denen ich gehe, sind nicht mein! Und wie er redete, fielen ihm die Schmerzenstränen aus den Augen und sickerten in das feine Linnen, das den Speisetisch festlich deckte. Da hat der Gefährte nimmer gefragt, und das Mahl ist weitergegangen mit Scherz, Gesang und Spiel. Als es zu Ende war und Freund bei Freund in der Stille saß, ries der Hausherr seinen Schreiber her und hieß ihn eine Ausstellung seines ganzen Vermögens machen, und als das geschehen war, alles zu zwei gleichen Hälften teilen und die eine seinem Herzbruder übergeben. Der vor Tagen noch Arme fuhr reichgesegnet heim, traf alsbald Arbeit und Gelingen vereint, und in einigen Jahren stand sein Haus reicher und sicherer da, als es je vordem gewesen war. In der nämlichen Zeit aber fügte es sich, daß im Hause des anderen Freundes das Unglück Gast wurde und sich als ein hartnäckiger Geselle erwies, der nimmer von hinnen wich, wie der Mann auch alle Gewalten antrieb, es zu verjagen. Erst mit ihm zugleich zog es aus dem Hause. Da aber war die Dürftigkeit übergroß geworden, und zu alledem traf er kein Herz auf seinem bitteren Wege, das ihm geraten und ihm geholfen hätte. Wie er nun in einer armseligen Stube saß und die Not wie eine große, dürstende Spinne in ihr grauses Gespinst ihn einwob, und er fühlte es atemlos immer enger und dichter werden, da fiel ihm der Freund seiner Kindheit ein, und vor seinem Namen riß das Gewebe, und er fühlte, wie sein Geist beschwingt und frei sich aus der Tiefe hob, bereit, den Kampf mit den feindseligen und unreinen Elementen der Welt aufs neue zu beginnen. Er schrieb sogleich an den Genossen, von brm er vernommen hatte, daß sein Wohlstand weit über seinen ehemaligen Besitz hinausgewachsen war, daß er zu ihm zu kommen gedächte in großer Bedrängnis, um aus seiner geliebten Hand ohne Scham sich die Hilfe zu erbitten. Und er ließ ihn wissen, an welchem Tage und zu welcher Stunde er die Stadt zu verlassen gedachte, um den Weg zu ihm zu nehmen. Dann, zur rechten Zeit, schon völlig wohlgemut, machte er sich zu Fuß auf den weiten Weg. Der großen Müdigkeit, die ihn schließlich befiel, achtete er kaum, denn hinter jeder Biegung der Straße, in jeder fernen Staubwolke hoffte er das Gefährt des Freundes zu erblicken, der ihm entgegenfahren würde, denn er wußte ja den Tag seiner Wanderung. Er näherte sich schon der Stadt, — noch immer allein, zu Tode erschöpft. Vielleicht ist mein guter Freund auf einem anderen Wege mir entgegengefahren, — es gibt wohl deren mehrere, die von seiner zu meiner Stadt führen! dachte der Wanderer. Er wird, da er mich nicht angetroffen hat, umgekehrt fein, und ich werde ihn in seinem Hause finden! Da er die Häuser und Gärten der Stadt in einem Schimmer von Weiß und Grün vor sich sah, schwand ihm die Schwere aus den Gliedern, und er schritt rascher aus. Unschwer vermochte er den Weg zu seines Freundes Haus zu erfragen, es lag stattlich und ernsthaft in einer reichen Straße. Er trat ein und fand den Saal, in den er trat, angefüllt mit wuchtigen, wertstrotzenden Geräten, aber von Menschen leer. Seltsam, dachte er, daß mein Freund auch hier mich nicht erwartet. Sollte mein Brief verloren, sollte der Bote trügerisch gewesen sein? Er ließ sich nieder und wartete.

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