Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 45 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 760 Dr. Dlocb's Mlocvenscbrm. Nr. 45 Oft sind nur minimale Summen nötig, um diese Leute zu retten, das Armenbudget zu entlasten. Die Erkrankung eines Familienmitgliedes, irgend ein anderer Zufall bringt viele des Interesses Würdige zum Schiffbruch, der zu verhindern ist, wenn rasch Hilfe zur Hand ist. In vielen Fällen würde ein kleines Darlehen die Verelendung hintanhalten, wenn es prompt gewährt wird. Dies zu ermöglichen, ist der Zweck des Projektierten Vereines „Prompte Hilfe". Derselbe soll Darlehen von 20—100 Kronen, in Ausnahmsfällen bis 200 Kronen, zinsenfrei geben; als wichtigste Bestimmung führen wir an, daß Darlehensgesuche innerhalb 3 Tagen erledigt werden müssen. Durch das rasche Eingreifen des Vereines sollen Existenzen erhalten werden, soll unsere Gemeinde gestärkt -werden, unsere Armenpflege erleichtert und Manchem Gelegenheit geboten werden, sich durch eigene Tüchtigkeit durchzuringen zum Wohlstände. Wer für die Leiden unserer Mitbrüder Sinn hat, wem das Wohl der Gemeinde am Herzen liegt, wird sich unserem Vereine anschließen. Beitrittserklärungen erbeten an Rudolf Fuchs Produktenhändler, II., Praterstraße 50. Wien, November 1906. Wien. Trotz all der zahlreichen Wohltatigkeitsvereine, welche die Not der Armen und Aermsten in Wien zu lindern bestrebt sind, geschieht aus diesem Gebiete noch immer zu wenig und erschreckend ist für jeden Menschenfreund namentlich die Lage jener unglücklichen Glaubensgenoffen, die, durch die brutalen Verfolgungen in dem Nachbarreiche vertrieben, nach Wien gekommen sind, ohne irgend etwas anderes gerettet zu haben, als das nackte Leben. Diese Armen ringen ja nicht nur mit der bitteren Sorge um das tägliche Brot, nein! Was auf ihrem schwerbeladenen Herzen mehr lastet, sind die Sorgen der Frömmigkeit. Alle Mühen und Sorgen, alle Entbehrungen der sechs Werktage ertragen sie leicht, wenn sie nur am Sabbath vor jedem Mangel geschützt sind und denselben zu feiern vermögen. Diesem so dringlichen Bedürfniffe entgegenzukommen und diesen Unglücklichen, sowie jedem glaubenstreuen und bedürftigen Inden eine Art von Heim zu bieten, wo sie auch ihren religiösen Pflichten in gewissenhafter Weise obliegen können, hat sich ein Verein zum Ziele gesetzt, der seit etwa zwei Jahren besteht und den Namen »Naeksike haddath» führt. Ein Besuch, den Schreiber dieser Zeilen am jüngsten Sukkothfeste, sowie an einem Freitagabend diesem Vereine machte, verschaffte ein höchst erfreuliches, ja überraschendes Bild von der Rührigkeit und Fürsorge, womit der ohne jeglichen eigenen Vorteil arbeitende Vorstand dieses Vereines seine Ziele zu erreichen strebt. Ungefähr 50 hochanständige, durchwegs bedürftige Glaubensgenoffen, von denen mancher wohl einst bessere Zeiten gesehen hat, saßen da in dem anheimelnden Saale an einem weißgedeckten Tische, auf dem die Lichter brannten und wurden, nachdem sie „Kiddusch" gemacht, vollkommen unentgeltlich in reichlicher Weise bespeist, und als sie dann die „Semiroth" sangen und den guten Gott priesen, der „Seine ganze Welt ernähret in Güte und Erbarmen", da sah man ruhige und zufriedene, ja fröhliche Menschen, die an diesem Tage wenigstens all die Sorgen und Entehrungen vergaßen, die ihrer in der Woche wieder harrten. Denn die leider (!) noch sehr bescheidenen Mittel des Vereines »Machsike haddath« erlauben es demselben noch nicht, sich auch in den Wochentagen der Armen anzunehmen, wie er es sich zum Ziele gesetzt hat; nur an den Sabbathen und an sämtlichen Festtagen erschließen sich vorläufig die Pforten seiner Wohltätigkeit, um alle bedürftigen Glaubensgenossen vollkommen unentgeltlich mit den üblichen drei Mahlzeiten zu versorgen und ihnen streng koschere Speisen — unter der Aufsicht Sr. Ehrwürden des Herrn Rabbiners Maiersohn — zu liefern; während der Woche muß sich der strebsame Verein bisher noch darauf beschränken, durch Verabreichung von Tee und Semmeln früh und abends die Not wenigstens teilweise zu lindern. Die vollkommene unentgeltliche Verpflegung auch während der Werktage, die einen wesentlichen Teil im Programme des Vereines bildet, hofftder Vorstand in nicht zu ferner Zukunft durchführen zu können; immerhin hat er einen guten Anfang gemacht, der zu schönen Hoffnungen berechtigt, denn es darf nicht verschwiegen werden, daß die Zahl der am letztvergangenen Pessachfeste verabreichten Mahlzeiten 600 betrug, während an den domiw neroim und am Sukkothfeste sogar 1600 Mahlzeiten ausgeteilt worden sind. Es wäre im Interesse der guten Sache dringend zu wünschen, daß auch weitere Kreise unserer stets warm fühlenden Glaubensgenossen diesem Vereine ihre Aufmerksamkeit zuwenlen und durch ihren Beitritt die echt jüdischen .liele des Vereines fördern möchten. Ein Besuch der Vereinslokalitäten, die sich im 2. Bezirk, Obere Augartenstraße 40, befinden, während der Ausspeisung am Freitag abends oder am Sabbath dürfte gewiß genügen, um dem schätzbaren Unternehmen neue Gönner zu gewinnen und ihm jene Popularität zu verschaffen, die es nötig hat, wenn es seine edlen Ziele voll und ganz erreichen soll. Jahresbeiträge — 6 Kronen — sowie Spenden wolle man gütigst senden an den Vereinskassier Herrn Jakob März, I., Augustengasse I. Paläftinareise und Palästina-Abend des Zionistischen Zentralvereines in Wien. Zu Ehren der in Wien weilenden Teilnehmer an der vom Zionistischen Zentralvereine veranstalteten Palästinareise fand am Montag den 29. Oktober im Saale des „Hotel Guth" ein Palästina-Abend statt, welche in großartiger Weise verlief. Der Vereinspräsident Dr. Isidor Margulies begrüßte die anwesenden Reiseteilnehmer und hob in seiner Ansprache hervor, es werde dafür Sorge getragen sein, daß die Reisenden Palästina weder durch eine rosige, noch durch eine schwarze Brille, sondern so sehen würden, wie es in Wirklichkeit sei. Die wirtschaftlichen, kulturellen und rechtlichen Mißstände werden nicht verschleiert werden; denn auf der Erkenntnis dieser Zustände und ihrer Ursachen beruhe ja gerade die zionistische Politik. Anderseits würden die Palästinabesucher doch auch vieles Erfreuliche zu sehen bekommen; denn seit einigen Jahren sei Palästinr nicht mehr allein das Land unserer Sehnsucht, sondern auch das Land unserer Arbeit, nicht mehr allein das Land unserer Väter, sondern auch schon das Land unserer Brüder, welche es mit dem Fleiß ihrer Hände für das jüdische Volk wieder gewinnen und regenerieren. Dieses Thema führte Herr Adolf Böhm in seinem Referate „Unsere Ziele in Palästina" näher aus und wußte, wie immer, durch die Verbindung wissenschaftlicher Gründlichkeit mit Eleganz der Darstellung und Wärme des Vortrages die Zuhörer zu fesseln. Redner entwickelte in den Hauptzügen die Politik, welche bei der praktischen Palästinaarbeit in wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Beziehung befolgt werden müßte, wenn diese Arbeit fruchtbar und für das jüdische Volk segensreich werden sollte; er wies nach, daß die von der zionistischen Organisation in den letzten Jahren betriebene Palästinaarbeit sich im Allgemeinen in den richtigen Bahnen bewege, sich durchaus bewährt habe und energisch fortgesetzt werden müsse. Der nächste Redner, Herr Grajewski aus Jerusalem, welcher die technische Leitung der Palästinareise übernommen hat, sprach sodann über das Thema „Der neue Kurs in Palästina". Nachdem er zuerst in äußerst drastischer Weise geschildert hatte, wie bis vor Kurzem die jüdische Bevölkerung Palästinas von Kindheit an direkt zum Schnorrertum erzogen worden war, erzählte er und belegte mit einer Fülle von Beispielen, wie sehr sich die Dinge seit einigen Jahren, seit Beginn der zionistischen Bewegung und insbesondere seit der Anwesenheit Herzls in Palästina, welcher dort einen unauslöschlichen Eindruck gemacht, geändert hätten. Ohne daß im Einzelnen ein Einfluß der zionistischen Organisation und Bewegung stets direkt nachweisbar sei, mache sich doch überall der neue Geist des nationalen Selbstbewußtseins in der erfreulichsten Weise bemerkbar. Die jungen Leute ziehen jetzt aus den Städten auf das Land, um mit ihrer Hände Arbeit das jüdische Land zu bestellen, die schwere Arbeit den Arabern zu überlassen, das höre jetzt auf. Zum „Bezalel", der von den Zionisten ins Leben gerufenen Anstalt für kunstgewerblichen Unterricht und Hausindustrie, herrsche ein ungeheurer Zulauf. In den Kolonien werde hebräisch ganz als lebendige Sprache gesprochen, auch die Geschäftsbücher werden in hebräischer Sprache geführt. Charakteristisch für den neuen Kurs in Palästina sei auch, daß der neu gewählte Chacham Baschi (die höchste jüdische Obrigkeit) ein tatkräftiger, gebildeter ganz moderner Mann sei, von dem viel Gutes zu erwarten sei. Alle Reden wurden von dem außerordentlich zahlreichen Publikum mit lebhaftem Beifall ausgenommen, und die Veranstaltung, welche mit Absingung des od le owdo schloß, übte auf die anwesenden Reiseteilnehmer und anderen Gäste sichtlich einen tiefen Eindruck aus. Aus Konstantinopel trifft die Nachricht ein, daß die Teilnehmer der ersten zionistischen Palästinareise an Bord des „Jmperatul Trajan" wohlbehalten in Konstantinopel einge-