Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 45 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 45 Dr. Blocb’s MocbenscbrM. Seite 757 hat man ja den Ekel des Hilsnerprozesses ausgebreitet, der Prozeß der dtzts llumains in Oesterreich hat die krummen, gesetzwidrigen Wege gezeigt, auf welchen das Urteil des „Deutschen Volksblattes" zum Urteil eines Gerichtes gemacht wurde. Sie wissen das alles, ja selbst ganz genau, Herr Dr. Klein. Ein moderner Mensch wie Sie ist mit dem Gang der Tagesgeschichte vertraut genug. Und wenn Sie weitere Beweise und Informationen wünschen, so wird man sie Ihnen auf Wagen ins Palais bringen. Nur eines vermag niemand zu durchbrechen. Die Mauer des Formalismus, die Hilsncr ebenso sicher umschließt, wie die Mauern von Pankraz. Wir sind aber überzeugt, daß der Minister selbst von der Unschuld des jüdischen Schustergesellen überzeugt ist. Und gerade von ihm, der so gebildet, sc modern, so durch innere Tüchtigkeit beliebt und sicher ist, verlangen wir das Opfer Schneiders und Schwers dringender als von jedem anderen zurück. Dr. Klein hat hundertmal gezeigt, daß ihm der leblose Formelkram des Rechtes geradezu verhaßt ist; gezeigt, welch hervorragender klarer Jurist er ist; gezeigt, daß er die Justiz zur Einfachheit und Natürlichkeit zurückführen will. Er braucht nur den ganzen Mut seiner Ueberzeugung, für den er hundert Gründe hat nach dem anfeueruden, gleichen und lehrreichen Beispiel desFalles Heusler, um eine chronisch gewordene Schmach unserer Rechtspflege auszumerzeu. J. Uprimny. Dom Jahrmarkt des Lebens. Das Hans Rothschild unv die Jto. Aus Kiew wird berichtet: Lord Rothschild in London ist bekanntlich Mitglied der geographischen (Landauswahl-) Kommission der Jto. Die folgende Nachricht wird in Verbindung mit dieser Tatsache großes Aufsehen machen. Sie zeigt die Stellung des Gesamthauses Rothschild zur Jto. Vor einigen Tagen besuchte ein Bevollmächtigter des Hauses Rothschild. Herr Auguste Vaugard, unter anderen Städten auch Kiew. Der Redakteur der „Kiew. Torg. Gazetta" hatte bei dieser Gelegenheit eine Unterredung mit Herrn Vaugard. Der Zweck dieser Reise ist, die Lage der Juden in Rußland zu studieren. „Sie werden hier sicherlich keine sehr einladenden Bilder zu sehen bekommen," machte der Journalist Herrn Vaugard „schonend" aufmerksam. „Ich bin darauf vorbereitet!" antwortete Vaugard. „Es ist unmöglich, die Augen zu verschließen und die bittere Wahrheit betreffs der künftigen „Gleichberechtigung" nicht zu sehen . . Ich muß sagen, ich sehe keine Hoffnungsberechtigung für die Juden, sogar für den Fall, daß man ihnen erlauben wird, in ganz Rußland zu wohnen. Mich interessieren hauptsächlich die Arbeiten der Kolonisationskomitees der nordwestlichen Gouvernements und ich habe den Auftrag, diese Arbeiten eingehend zu studieren. Die südwestlichen Gouvernements werden zu demselben Zweck im nächsten Monate von einem anderen Spezialbevollmächtigten bereist werden. Das ganze gesammelte Material wird dann dem Hause Rothschild übermittelt werden; das Haupt des Hauses Rothschild befaßt sich jetzt eingehend mit der Frage einer großangelegten systematischen, jüdischen Kolonisation. Wie das Warschauer „Jüdische Tageblatt" meldet, hat Herr Vaugard bei dieser Gelegenheit auch die Gerüchte, als ob Rothschild in Angelegenheit einer russischen Anleihe mit Pariser Bankiers ernste Unterhandlungen gepflogen hätte, aufs entschiedenste dementiert. Jto in Oesterreich. Israel Zangwill, Präsident der Jto, hat Herrn Direktor S. Krenberger zum Mitglied des Jnternationalrates der Jto für Oesterreich ernannt. Handel nnd Wandel in Altbabylonien. Die Vortragsreihe des Vereins für Geographie für das Winterhalbjahr in Frankfurt a. M. wurde im Saale der Frankfurt-Loge (U.O.B.B.) mit einem kulturgeschichtlichen Thema eröffnet. Professor Delitzsch-Berlin, der bekannte „Bebel und Bibel"-Mann, sprach über das Babylonien der vorchristlichen Zeit, namentlich während der Hammurabischen Regierungs- Periode im dritten Jahrtausend vor Christi Geburt. Diesmal berührte der Berliner Gelehrte weniger das religiöse Gebiet; er schilderte Land und Leute, Handel und Wandel des Landes um Euphrat und Tigris. Trotz des harten Kampfes um das äußere Leben ward bei den Babyloniern der Sinn für Schönheit und Form schon früh geweckt. Der Handel blühte, die Töpferei und Steinschmiedekunst standen in hohem Ansehen. Einzelne Gewerbe vererbten sich als Familienbefitz von Geschlecht zu Geschlecht. Die Skulptur, anfangs unbeholfen und naiv in ihrer Formgebung, war gegen den Ausgang des vierten Jahrhunderts schon sehr fortgeschritten zu immer freierer Linienführung. Der Handel mit Lebensmitteln und Manufakturwaren, der sich, wie Tausende von aufgefundenen Briefen dartun, analog wie bei uns abspielte, beschränkte sich auf die Großstädte. Als Börse diente das Tor, vor dem man zusammenkam und die Preise fixierte. Im Geldverkehr galt die Bestimmung, daß bei der Rückzahlung keine beschädigten Stücke angenommen wurden. Neben dem Handel war zur Zeit Hammurabis der Post- und Briefverkehr schon hoch entwickelt. Von Wissenschaften wurden namentlich die Astronomie und die Sprachen gepflegt. Das Gesetz des Hammurabi erwähnt ferner schon Aerzte, denen für jede gelungene Operation ein gesetzliches Honorar zugestanden, für jeden Mißfall aber Strafe angedroht war. Das Spezialistentum scheint bereits in Blüte gestanden zu haben, denn die gleiche Gesetzesschrift nennt besondere Doktoren für Ochsen und besondere für Esel. Eine „Dienstbotenfrage" kannten die alten Babylonier nicht. Die Versorgung der Kinder war der Frau zugeteilt, deren höchste Tugend im Zuhausebleiben bestand. Der Vortrag, der viel Beifall fand, wurde durch ein interessantes und wertvolles Lichtbildermaterial belebt. Urchristentum nnd Altes Testament. Ueber dieses Thema sprach am 18. Oktober bei der feierlichen Ueberuahme des Rektorats der Universität Bonn der Professor der evangelischen Theologie, Dr. Eduard Grafe. Er zeigte, wie die Kirche die schwierige Aufgabe, fich die heiligen Bücher und die Schriften des Volkes Israels anzueignen, gelöst habe. Es war' nur möglich mittelst einer allegorischtypologischen Erklärung der alttestamentischen Texte, die auf ein geschichtliches Verständnis verzichtete und hinter dem Buchstaben einen Liefern Sinn suchte und fand. So wurde das Alte Testament zum Weissagungsbuch, das überall Vorausweisungen auf Christentum und die christliche Kirche enthielt. Zu gleicher Zeit verwertete man es als Erbauungsbuch und Fundgrube für sittliche Ermahnungen. Je länger je mehr betrachteten sich die Christen als das wahre Gottesvolk, das sich mit allen Prädikaten des alten Israel, deffen Geschichte seine Vorgeschichte war, schmückte. Trotzdem die Christen durch diese Beschlagnahme des Alten Testaments in einen heißen Kampf mit dem Judentum verwickelt wurden, haben sie allmählich immer mehr vom jüdischen Wesen angenommen. Das Alte Testament wurde förmlich eine auch für die Christen gültige Verfaffungsurkunde. Nur der Gnostizismus hat gegen dieses ganze Verfahren Einspruch erhoben, die Kirche hat ihn aber zurückgewiesen. Und mit Recht. Denn die unverkennbaren Mängel des kirchlichen Verfahrens werden überwogen durch den bedeutsamen Gewinn, daß auf diese Weife die reichen Schätze des Alten Testaments dem Christentum erhalten geblieben find. Und nur so konnte der junge Glaube als alte ehrwürdige Religion in den Kampf mit den übrigen Religionen eintreten und seinen schnellen Sieg gewinnen.