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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-11-09 · 45 (9.11.1906) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
45 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 46 Dr. Mocb's MocbenscbrtN. Sette 755 Gottes die richtige und würdige Stellung im Religionsgebäude anweist, Eines ist, dem das Judentum seine ungebrochene, geistige Kraft und seine höhere Anschauung und Würdigung des Menschen und des ihm zukommenden Rechts schuldet. Eines, das das Judentum als Quelle der Wahrheit erkannt und wofür es stets verkannt wurde: die Gerechtigkeit Gottes. Das Judentum kann nicht göttliche Liebe ohne göttliche Gerechtigkeit erfassen. Uebrigens sagt neuerdings D e i s s m a n n von Jesus (was allerdings bei keinem anderen christlichen Theologen gelesen wird) : „Vor dem Vater steht er als der Sohn mit Liebe, Vertrauen, Jubel; vor dem Herrn beugt er sich als der demütige Sklave: Ja, Furcht hat Jesus verlangt, Furcht vor dem, der imstande ist, Seele und Leib zu verderben in der Hölle." Das Judentum hat das Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen aus der Familie abgeleitet. Die Familie war ursprünglich die Kultgemeinschaft, an deren Spitze der Hausvater als Priester stand. Von Abraham wird gesagt: „Denn ich habe ihn ersehen, daß er es hinterlasse seinen Söhnen und seinem Hause nach ihm, daß sie wahren den Weg des Ewigen, zu tun Gebühr und Recht." Daran schließen sich dann die Erzählungen von Jsak und Jakob, lauter Familiengeschichten mit dem Einschlag der verschiedenen Spiegelungen des Gottesbewußtseins. Sie zeigen ebenso die Veredlung der ältesten Form des Gemeinschaftslebens, der Familie, durch die Religion, wie der Religion durch die Familie. Ein ganz entgegengesetztes Bild bietet die Entstehungsgeschichte des Christentums. Die Familie tritt darin völlig in den Hintergrund. Jesus selbst sagt sich von seiner Familie los, ohne selbst eine zu gründen. Es werden ihm die Worte in den Mund gelegt: „Wer ist meine Mutter und wer find meine Brüder?" „Und wer verläßt Häuser oder Brüder, oder Schwestern, oder Vater oder Mutter, oder Weib, oder Kinder oder Acker um meines Namens willen, der wird es hundertfältig nehmen und das ewige Leben ererben." „Wenn jemand zu mirkommt und hasset nicht seinen Vater und seine Mutter und sein Weib und seine Kinder und seine Brüder und seine Schwestern, noch aber auch seine eigene Seele, so kann er mein Jünger nicht sein." „Denn ich bin gekommen, den Menschen zu erregen wider seinen Vater und die Tochter wider ihre Mutter, und die Schnur wider ihre Schwieger. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein." Man darf wohl behaupten, daß das israelitsche Schrifttum kein Analogon enthält für diese die Lossagung von der Familie förmlich empfehlenden Aussprüche. Denn obwohl in dem letztangeführten Satz Micha 7, 6 fast wörtlich benutzt ist, so enthält dieser Vers den gerade entgegengesetzten Sinn, er drückt das Bedauern über derartige Familienzustände aus. in welchem Sinne er denn auch, was für die Originalität spricht, im jüdischen Messianismus (M. Sota 9, 15) angewendet wird. Die jüdische Tradition besagt, daß Abraham aus seinem Vaterhause schied, erst als Terach verstorben war, damit man Abraham nicht den Vorwurf übermache, seinen alten Vater verlassen zu haben. Also selbst die göttliche Mission Abrahams kann seinen Bruch mit der Familie, obwohl diese noch dazu heidnisch ist, nicht entschuldigen. (I. B. M. 11, 32, vgl. Midrasch Agada, ed. Buber, u. Raschi z. St.) Recht scharf kontrastiert mit der in dieser Hagada niedergelegten und auch sonst bezeugten jüdischen Auffassung die Stelle Mt. 8, 22 (Luk. 9, 60), wo Jesus dem Schüler, der um Urlaub bittet, um seinen Vater zu begraben, antwortet: „Laß die Toten ihre Toten begraben". In der Entstehungsgeschichte des Christentums aber bildet die Absage von der Familie sozusagen einen Programmpunkt. Jesus selbst legt verblümt Ehelosigkeit nahe. Paulus sagt nachdrücklich, auf sein eigenes Beispiel hinweisend: „Es steht einem Manne gut an, kein Weib zu berühren." Zweifellos sind es diese Ansichten gewesen, welche die ungeheure Ausbreitung des Mönchtums veranlaßt haben und die dazu führten, nicht bloß die Ehelosigkeit und die Kasteiung des Fleisches, sondern auch die Abtötung aller Familienliebe als Bedingung der Vervollkommnung zu betrachten. Es wird christlicherseits gern die Frage aufgeworfen: „Warum ist das Judentum nicht Weltreligion geworden wie das Christentum?" Der Aufforderung, welche die Evangelien den auferstandenen Jesus an die Apostel richten lassen : „Gehet hin und lehret alle Völker!" konnten diejenigen leicht Folge leisten, denen die Gründung einer Familie als ein Hindernis der Vervollkommnung erschien, die aber dadurch, da das Gemeinschaftsleben ein Bedürfnis des Menschen ist, zur Bildung einer geistigen Familie mittels Heranziehung Bekehrter umso stärker angetrieben waren. Die Bemerkung Gibbons: „Die Fortschritte der Mönche waren nicht minder reißend und allgemein, als die des Christentums selbst", ist dahin zu verstehen, daß letztere die Folge der ersteren waren, wie denn noch heute die Missionstätigkeit zumeist von denjenigen ausgeübt wird, denen Ehelosigkeit und Unterdrückung des Familientriebes Berufspflicht ist. So ist bei aller Anerkennung des inneren Wertes des Christentums seine Ausbreitung doch ursprünglich und zunächst in dem äußeren Umstande der Lossagung von der Familie begründet. Dieses Moment wird bei der von der christlichen Theologie gern aufgeworfenen Frage, warum das Judentum nicht Weltreligion geworden sei, gänzlich übersehen. Wenn nun nach außen hin die Stellung zur Familie die jüdische Religion beeinflußte, so geschah es noch vielmehr nach innen. Sie verleiht ihr das charakteristische Gepräge und bildet den Schlüssel für ihre Erkenntnis. Wir haben gesehen, daß das jüdische Gottesbewußtsein ursprünglich mit der hohen Bewertung der Familie zusammenhängt, sowie daß das Verhältnis zwischen Gott und Mensch die individuelle Beziehung des letzteren zu Gott von diesem Gesichtspunkte beherrscht ist. Und wie das Wesen und der Zweck der Familie in der Erziehung beruht, so verhält es sich auch mit der Religion. Sie ist ihrem innersten Wesen nach Erziehung zu Gott. (Fortsetzung folgt) Kayern, du hast es btfftvl Vor drei Jahren war es, in München. Man spielte wieder auf der düsteren Bühne, für die das Leben nun schon seit Jahrtausenden unermüdlich, unablässig Königsdramen des Unglücks mit brutalster Phantasie und unerbittlich strenger Moral liefert. Im kalten Grau des Gerichtssaales, in welchem dem Menschenfreund das Grauen durch die Nerven bis ins unruhige Herz hineinschleicht, in welchem die hellen Worte des Staatsanwalts wie tätliche Kugeln durch den Saal schwirren, der Wahrspruch der Geschwornen klingt wie ein Totengebet und die Bitten des Angeklagten wie die Klagen an einem Grabe, stand eine bleiche Frau vor ihren Richtern und wehrte sich mit Tränen und Leidenschaft um ihre Ehre und Freiheit. Es war das die Stiftsoberin Elise von Heusler, die an ihrem Dienstmädchen Minna Wagner einen Vergiftungsversuch gemacht haben sollte. Aus dunkeln Motiven, wie sie etwa Clara Viebig in ihrem „Weiberdorf" andeutet. War das ein Futter für die öffentliche Meinung, dieses echte Weib, das je nach seiner Laune königlich mutig und edel, dann wieder gehässig und hinterlistig, in jedem Fall aber oberflächlich und stürmisch ist! In allen Leitartikeln wurde geblasen, auf allen Bierbänken wurde getrommelt zum Hurraangriff auf das boshafte alte Weib, das ein junges blühendes Leben aus Haß und Neid vernichten wollte. Triumph begleitete alle die wutberauschten Zeugen, die Anklage auf Anklage gegen die Oberin schleuderten, Bravorufe den schnüdigen Staatsanwalt und die Sachverständigen, die mit kühlen medizinischen Gutachten juristische Klarheit schafften, das tiefste Bedauern wurde dem armen Engel von Opfer zuteil, dieser braven Minna Wagner, die an den Folgen des Vergiftungsversuches lange dahinsiechte und glücklich gerettet wurde, um gegen ihre Todfeindin die Rache des Rechtes ausüben zu können. Ein paar verschüchterte Zeugen, die eine schwache Entlastung der Heusler versuchten, riefen flammende Entrüstung hervor, der Verteidiger mochte zu-

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