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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-11-09 · 45 (9.11.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
45 (9.11.1906)
Date
1906-11-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 764 Vr. Bloch's Wochrnsttzrifl. Nr. 45 lehrt: „Wenn die Israeliten nur dessen gewürdigt wären, ihren Vater im Himmel allmonatlich (bei dem Segcnsspruch über den Neumond) zu begrüßen, so wäre es der Auszeichnung genug für sie." Ein Ausspruch des R. Eleasar b. Asarja lautet: „Der Mensch sage nicht, ich besitze nicht die Lust nach dem Verbotenen, deshalb halte ich mich davon zurück, sondern: ich habe Verlangen danach, aber ich halte mich davon zurück, weil, mein Vater im Himmel es so will." In den Gebeten ist die Anrufung Gottes „Unser Vater, unser König", oder „Unser erbarmungsvoller Vater" sehr häufig. Wem kann es nach allem diesen noch einen Augenblick zweifelhaft sein, daß das „Vater unser (der Du bist) im Himmel" des üblichen jüdischen Sprachgebrauchs sich bedient? llcberdies hat E l b o g e n sehr richtig hervorgehoben, daß Gott als Vater im N. T. zunächst von Jesus für sich und sein besonderes Sohnesverhältnis in Anspruch genommen wird, sowie, daß Gott in seiner väterlichen Eigenschaft erst durch ihn als Sohn zugänglich ist. „Niemand kennt den Vater, denn nur der Sohn und wem cs der Sohn will offenbaren." „Niemand kommt zum Vater, denn durch mich." Auch die freieste Auffaffung kommt nicht um die Vermittlung herum. „Die Erlösung" — sagt Hermann Cohen richtig;— „bleibt in jedem Falle durch die Vermittlung bedingt." Durch diese unumgängliche Mittterschast zwischen Gott und dem Menschen wird in Wahrheit nicht eine Gemeinschaft beider, sondern ihre Trennung herbeigeführt und wiederum wird hier die wissenschaftliche Erkenntnis ausgeschaltet unl> die Mystik muß die Aufgabe über sich nehmen, diesen Widerspruch auszugleicheu. Dem entgegen ist im Judentum das Ve hältnis zu Gott durch das natürlichste und heiligste menschliche Verhältnis, die Familie, geschichtlich hindurchgegangen und vermittelt worden. Indem hier das Verhältnis zwischen Gott und Mensch unter der Erscheinungsform der Familie vorgestellt wurde, ward demselben jene individuelle Beziehung gegeben und jene natürliche Wärme eingeflößt, deren Reservoir die Familie ist. und die ihm aus keine andere Weise beigebracht werden kann. Mit anderen Worten: nicht der „Gottvater" des Evangeliums, sondern der „Gott der Väter", den das Evangelium nicht kennt, ist die Bezeichnung, wodurch die Beziehung zwischen Gott und Mensch b stimmt wird. So heißt es in dem Gesang am Me re: „Dies ist mein Gott, ich will ihn schmücken, der Gott meines Vaters, ich will ihn erheben." Der Parallelismus zeigt, wie das individuelle Kindschaftsoerhälinis, das in dem Ausruf „mein Gott" ausgedrückt ist, mit der natürlichsten und heiligsten Fam lienbeziehung begründet wird. Gott schmilzt in der Vorstellung des Dichters mit seinem Vater zusammen, er erkennt, verehrt und liebt Gott durch seinen Vater und in seinem Vater und stellt sich auch die Beziehung Gottes zu ihm als Vaterliebe vor. Jakob findet in seiner Bedrängnis Trost in der Gewißheit: „Der Gott meines Vaters steht mir bei", während er ein andermal sagt: „Der Gott meines Vaters Abraham und der Gott meines Vaters Jsak", als wollte er durch die Hinaufrückung der väterlichen Beziehung dieselbe noch verstärken. Dem Moses stellt sich Gott mit den Worten vor: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Jsaks und der Gott Jakobs", und ebenso wird er beauftragt, dem Volke Israelin Aegypten zu verkünden: „Der Ewige, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams usw. hat mich zu euch gesendet." Es ist nun nach dem, was wir von dem Einfluß der Familie auf die Vorstellung von Gott gesagt Hai en. nur natürlich, daß bei den Propheten Gott und Israel gleichsam als Ehegatten geschildert werden. Jirmeja redet davon, daß Gott „die abtrünnige Israel verstoßen und ihr die Scheidung gegeben habe", während Jesaja hinwiederum die Frage aufwirst: „Wo ist der Scheidebrief eurer Mutter, die ich verstoßen?" Weiter erklärt sich aus der von dem Begriff der Familie beherrschten Anschauung, daß in dem biblischen Sch'isttum auch das Verhältnis von Braut und Bräutigam, Bruder und Schwester, Mutter und Kind auf das Verhältnis von Gott und Israel übertragen wird. Allen diesen Verhältnissen liegt die Liebe zugrunde, und je nach der Schattierung derselben wird bald auf das eine, bald auf das andere Verhältnis Bezug genommen. Die stärkste Liebe schien aber der jüdischen Vorstellung gerade die Vaterliebe zu sein, wie die bereits augeführte Pfalmenstelle zeigt: „Wie ein Vater sich der Kinder erbarmt, so erbarmt sich Gott seiner Frommen." Auch der Ausruf in den Klageliedern: „Waisen sind wir, vaterlos" beruht auf dieser Anschauung. Dieselbe wird in einer sinnigen Hagada behandelt, in der erzählt wird, daß Joab, der Feldherr Davids, verwundert darüber, daß dieser in dem erwähnten Psalmvers die Liebe Gottes mit der Vaterliebe, und nicht mit der gewöhnlich für stärker gehaltenen Mutterliebe vergleiche, beschlossen habe, durch Umschau unter den Menschen die Ansicht Davids zu erproben und von der Richtigkeit derselben überzeugt worden sei. D«w Herausgeber Adolf I e l l i n e k bemerkt zu dieser Hagada: „Es liegt auf der Hand, daß Joab, d. h. Gott ist Vater, hier nicht zufällig gewählt wurde zum Vertreter der Ansicht, daß die väterliche Liebe mächtiger und preiswürdiger als die mütterliche ist." Richtig bemerkt Hermann Cohen: „Und über alle diese tiefsinnigen Bewegungen des für das Selbstbewußtsein seiner Würde kämpfenden Menschenherzens ragt das naive Wort von der Vaterliebe des jüdischen Gottes hinaus. Er ist unser Vater, selbst wenn lvir ihn nicht suchen, g es ch w e i g e finden. N cht von der Kraft unseres Bewußtseins, noch von der Tiefe unserer Liebe hängt fein Verhältnis zu uns ab." Bei der im Wesen der Familie begründeten Natur dieses Verhältnisses hat nun aber das Haus, als der Sitz der Familie, im Judentume eine Bedeutung erlangt. Das religiöse Leben ist ini Judentume in erster Linie kein kirchliches, wie man unter Anwendung christlicher Anschauungen auf dasselbe vielfach behauptet, sondern ein häusliches, und wenn man ihm schon das Bedürfnis nach einem Ersatz für das jerusalemische Heiligtum imputiert. so hat es selber ihn in dem Hause, dem Sitz der Familie, erblickt, wie ein sinniges, einverständliches Wort der beiden großen Amoräer R. Jochanan und R. Simon ben Lakisch besagt: „Solange das Heiligtum bestand, sühnte der Altar den Menschen, jetzt sühnt ihn sein Tisch." In weiterer Ausbildung und höchster Vervollkommnung der Bedeutung der Familie ist es schließlich das Produkt ihrer erzieherischen Wirksamkeit, der Mensch, der, ohne an eine Vermittlung oder Mitwirkung gebunden zu sein, allein in seinem Herzen den wahren Tempel besitzt, in dem die Verbindung mit Gott und die Versöhnung mit ihm sich vollzieht, wie der Talmud lehrt: „Gott verlangt das H.'rz, denn so heißt es: Gott sieht auf das Herz." Dadurch wird das Verhältnis zwischen Gott und Mensch in einer Weise individualisiert und verinnerlicht wie sonst nirgends, „denn sehr nahe ist dir das Wort, in deinem Monde und in deinem Herzen, es zu tun." Allein der konstruierte Gegensatz zwischen „Furcht" und „Liebe" ist nicht einmal ein natürlicher, vielmehr ein künstlicher, wenn man bedenkt, daß das Verhältnis des Menschen zu Gott als als das eines Kindes zu seinem Vater gedacht war. Warum sollte sich denn die kindliche Liebe zu Gott nicht mit der kindlichen Ehrfurcht vor ihm vereinigen lassen? Bekannt ist das Wort Bismarcks: „Wir Deutsche fürchten Gott und sonst Niemand." Und wenn im Alten Testamente die Furcht vor Gott gelehrt wird, so ist diese Furcht verklärt und geläutert durch das andere Gebot der Tora, das auch nach dem Neuen Testament das „vornehmste und größte" ist: „Du sollst lieben den Ewigen deinen Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzem Vermögen." „Kinder seid ihr dem Ewigen, euerm Gott" (das. 14, 1). Also ein gegenseitiges Verhältnis der Liebe; Gott kündigt sich als liebender Vater an, und der Mensch soll sich ihm in Liebe hingeben. Wird Liebe zu Gott geheischt, so muß als Grundgedanke vorausgehen: Gott liebt den Menschen, da sonst nur das Verhältnis einer aus dem Gefühle der Abhängigkeit entspringenden Furcht, nicht aber innige Hingebung, Liebe, wie sie im zuerst gedachten Verse verlangt wird, eintreten kann. Aber Eines ist, das das Judentum neben der Liebe als Hauptfaktor aufstellt und wodurch es dem Begriffe von der Liebe

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