Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 45 (9.11.1906)
- Date
- 1906-11-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Uv. 45 Dl*■ BIOCH’S Jahr,an, UM Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wim, 9. November 1906. — Lrscbeint jeden Freitag, m Brief-Adresse: Mlien, IX/j. Werggasse 39. Teleqramm-Adreffe: 3Blocb's Mocbenscbrtft, Mien. Inhalt: Leitartikel: — Jüdische Apologetik. — Bayern, du hast es besser! — Bom Jahrmarkt des Lebens: Das Haus Rothschild und die Jto. Jto in Oesterreich. Urchristentum und Altes Testament. Juden an der Malabarküste. War Gregor VII. jüdischer Abstammung. Christentum und Judentum. — Korrespondenzen: Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes. Das neue Heim der Bibliothek der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. Bet-ha-Midrasch. Eingesendet. Wien. Palästinareise und Palästinaabend des Zionistischen Zentralvereines in Wien. Bon der christlich-germanischen Edelrasse. Traurig, aber wahr. Brünn. Brody. „Bezalel". — Vermischtes: Wien. Hebräischer Klub. Vorlesungen im Bet-ha-Midrasch. Jüdische Kinderhorte. Konzert Don Fuchs. Allgemeiner Krankenunterstützungs-Verein „Montefiore". Mädchen- und Frauenverein Krankenbesuch (Bikur Chaulim). Meran, Prag, Mährisch-Budwitz, Marienbad. — Feuilleton: Die Wiederkehr. — Briefkasten. — Inserate. *---» Bezugspreis für Vefterreich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Fürs Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petttzetle 24 Heller. *-* O-S N. ft. Pofisparkaffen-Arnl CE I e a r 1 n g - W e r I; e b r IRr. 810.976. Redaktion und Administration: Wien IX/i, JBerggasse IRr. 39. Telefon Nr. 14.847 H-* „Aüdischr Apologetik. Von Dr. Moritz Güdemann, Oberrabbiner in Wien. IV. „Furcht" oder „Liebe". Für den treuen Sohn der Kirche bilden die Lehren der Trinität, der Menschwerdung Gottes, der Sündenlosigkeit und jungfräulichen Geburt Jesu u. s. w. heilige und unantastbare Kardinalsätze im Zentrum des Glaubensinhaltes, auf deren Grund auch die Lehrsätze der kirchlichen Moral aufgebaut sind. Die neuere protestantische Theologie, von des Gedankens Blässe angekränkelt, nimmt Anstand, den Vorrang für das Christentum ausschließlich und allein mit Hinweis auf diese Kardinalsätze zu reklamieren. W e l l h a u s e n sagt in dem Kapitel „Die jüdische Frömmigkeit": „Das Motiv der Moral, wodurch sie religiös wird, ist die Furcht Gottes. Gott ist ein strenger Herr, er gebietet Knechten, die er aus dem Staube ruft und wieder in Staub verwandelt." Allerdings die alten Kirchenväter, deren innerste Seele von dem gesamten Komplex des kirchlichen Lehrinhaltes voll und ganz erfüllt war, verschmähten derlei exegetische Kunststücke. Origenes (Contra Celsum V) sagt noch: „Allein man findet Beispiele von Güte bei dem Gotte des Alten Testaments und Beispiele von Strenge bei dem des Neuen. Natur und Vernunft lehren uns, daß es mit der Würde der göttlichen Natur durchaus nicht verträglich ist, Gott als gütig ohne gerecht, oder als gerecht ohne gütig zu denken. Endlich ist auch das falsch, daß nur Gott, der Vater Christi, gut genannt werde; denn es gibt Stellen im Alten Testament, in welchen der von Moses verkündete Gott in gleicher Weise gut genannt wird." Und im III. Buche der genannten Schrift heißt es: „Dies mögen sich jene merken, die immerfort nur vom guten Gott im Neuen Testament sprechen. Es findet sich hier dieselbe Strenge wie im Alten Testamente." Das Verlangen nach einer sinnfälligen Formel für einen erst mit dem Christentum in die Welt getretenen neuen Gedanken und eine neue Gotteserkenntnis führte neuerdings zu der absonderlichen Aufstellung, daß der Furcht, die die jüdischen Gottesvorstellungen leite, die Lehre Christi das Motiv der L i e b e entgegenstelle, „indem sie das Verhältnis von Gott und Mensch dem des Vaters zum Kinde vergleicht". Wir sagten „absonderliche Aufstellung". Denn eine flüchtige Durchmusterung des jüdischen Schrifttums genügt, um diese Einbildung zu zerstören, was auch unser Verfasser im vierten Kapitel gründlich versorgt. In der letzten Ansprache Moses an Israel heißt es von Gott: „Ist er nicht dein Vater?" Jesaja ruft wiederholt aus: „Du Ewiger, bist unser Vater." Bei Jirmeja sagt Gott: „Ich bin Israel zum Vater geworden, und Ephraim ist mein Erstgeborener." Der Psalmensänger lehrt: „Wie ein Vater sich erbarmt der Kinder, so erbarmt sich der Ewige derer, die ihn ehrfürchten." Hier kommt auch das Kindschaftsverhältnis des Menschen zum Ausdruck, was auch sonst geschieht. „Mein erstgeborener Sohn ist Israel" läßt Gott Pharao sagen. „Kinder seid ihr dem Ewigen, eurem Gotte," lautet der Zuruf Moses an Israel. Die Bezeichnung der Israeliten als Kinder, als verderbte, widerspenstige, törichte Kinder ist bei den Propheten zu häufig, als daß es der Anführung von Beispielen bedürfte, wohl aber verdient die Bemerkung eines Schriftgelehrten hervorgehoben zu werden: „Wenn sie auch voller Fehler find, so heißen sie doch Kinder." Derselbe Sprachgebrauch findet sich auch in dem rabbinischen Schrifttum. Mischnasätze, deren Autoren nicht namhaft gemacht werden, die also alt find, wie sie auch von alten Zeiten berichten, bezeichnen Gott als Vater: „Die Frommen früherer Zeiten sammelten sich eine Stunde lang zum Gebet, um ihre Herzen ihrem Vater im Himmel zuzuwenden." Von dem Kampfe. zwischen Israel und Amalek wird gesagt: „Hingen denn Sieg und Niederlage von den Händen Moses ab? Es ist gemeint: Solange die Israeliten nach oben blickten und ihre Herzen ihrem Vater im Himmel untertänig machten, obsiegten sie usw." Ebenso von der ehernen Schlange: „Gingen etwa Tod und Leben von der Schlange aus? Nein, sondern wenn die Israeliten nach oben blickten und ihre Herzen ihrem Vater im Himmel untertänig machten, genasen sie usw." R. Pinchas b. Jair sagte: „Auf wen sonst können wir uns stützen, als auf unseren Vater im Himmel?" Da es Sitte ist, beim Gebete sich nach einer bestimmten Himmelsrichtung zu wenden, so lautet die Vorschrift für den Blinden und denjenigen, der sich nicht orientieren kann: „Er wende sein Herz seinem Vater im Himmel zu." In der Schule R. Jsmaels wurde ge-