Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 75Ö Dr. Ll^cv's Mocvenscvrm. Nr. 44 eines Anderen, dann wieder nickte er zustimmend und tanzte schließlich in ohnmächtiger Kampfeswut nervös im Zimmer herum. „Schaya, es wird spat und Papa —" „Nur noch eine Minute, Florale, mein Leben," flehte er aufgeregt, indem er dem Schotten das Buch aus der Hand riß und fieberhaft darin herumblätterte, um die eine Stelle zu finden, die seiner Ansicht nach falsch interpretiert worden war. Flora wollte protestieren gegen sein Hierbleiben und ihm drohen, allein fortzugehen, aber sie konnte kein Wort herausbringen, hatte nicht die Kraft, sich zu erheben. Ein Gefühl von Verzweiflung und Eifersucht würgte sie — sie war eifersüchtig auf das Buch des Schottländers, auf den jungen Russen mit dem gestickten Hemd, auf die leeren Teegläser mit den Zitronenscheiben am Grunde, auf diese ganze aufgeregte Gesellschaft und insbesondere auf Schayas Zukunft, aus der sie ausgestoßen schien. _ Literatur. Zu der Programmschrift -er Israelitischtheologischen Lehranstalt schreibt uns Se. Ehrwürden der Rabbiner von Königl. Weinberge: Sehr geehrter Herr Redakteur! Hatte Prof. Büchler die Erklärung Raschis zu der von Ihnen aus seiner Programmschrift angeführten Talmudstelle (Loeborotb 201), Aboda-sarah 39 a) gesehen, so hätte er deren Sinn und die Bedeutung von „Al judo“ erkennen müssen. Raschi bemerkt nämlich zu bsiö ■nwp: Die Zöllner hatten Zeichen, Marken (manin), welche sie den Zollzahlenden als Bestätigung über den gezahlten Zoll gaben, damit sie nicht noch einmal zur Zahlung verhalten werden. An beiden Orten gibt Raschi diese Erklärung, welche auf den Sinn der ganzen Stelle führen muß. Als Frau eines Zöllners hat das Weib die Zollmarken f ü r ihren Mann hergerichtet und den Parteien übergeben, ganz so, wie sie früher als Frau des Chaber an dessen Stelle den Parteien die Tefillin (ninp nj?ö'p) zurecht gemacht hatte. Nach Talmud Odalllu 9 a mußte nämlich jeder rrn die Fertigkeit, den j^an bw i»p anzufertigen, besitzen. In Megilla 24 a bemerkt Raschi ausdrücklich zu „Al judo“ ib-oco für ihn, statt seiner. Die beregte Talmudstelle ist übrigens aus der Tosifta-Demai, Absch. 2. Herr Rektor Schwarz merkt in seiner Ausgabe der Tosifta zu rr by nichts an, obgleich er es sonst an Erklärungen und Erläuterungen nicht fehlen läßt. Warum hat er aber selber nicht bei Durchsicht der Arbeit des Dr. A. Büchler die Talmudstelle in richtiger, sinngemäßer Uebersetzung wiedergegeben? Wo bleibt das by npin 21 121 rr'Liv 13'sip 12N Hochachtungsvoll Stark. Anschließend sei hinzugefügt, daß auf S. 25 Herr Büchler bemerkt: „Auch der von B. Simon R. Eleazar angeführte Satz des R. Meir: „Eine Frau, die einen Haber heiratete, band ihm Tefillin an die Hand, und als sie später einen Zöllner heiratete, band sie diesem Zöllnerknoten an die Hand", zeigt, daß die Tefillin nur vom Haber angelegt wurden." Selbstredend ist diese ganze Deduktion ein leeres Hirngespinst, da es sich an dieser Stelle überhaupt nicht um das Anlegen der Tefillin, sondern um die Herstellung, bezw. Schlingung des vorschriftsmäßigen „Kescher fchel Tefillin" handelt. Neue Bücher. Die W ohlfahrts einrichtungen für jüdische Hilfsbedürftige in Berlin und Vororten. Herausgegeben von der Armenkommission der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Verlag von M. Poppelauer. Berlin, J.906. Fest-Predigten, gehalten in Mähr.-Schönberg, von Dr. Moriz Emil P r y ß n i tz, Rabbiner in Eger. Preis 1 Krone. Der Ertrag wird wohltätigen Zwecken gewidmet. Selbstverlag des Verfassers. 1906. KriefkaKerr. R. Ihre Bemerkung ist ganz richtig, daß man beim neuen Minister des Aeußern gleich Schritte unternehmen sollte, um einen vermehrten Schutz der jüdischen österreichischen Untertanen im Ausland herbeizuführen. Dem Grafen Goluchowski brauchen die Juden keine Träne nachzuweinen. Er rührte keinen Finger, als man ihn um gefällige Vorstellungen in Petersburg anläßlich der Progroms gebeten hatte. Aber selbst in Angelegenheiten, die in seinen Pstichtkreis fielen, tat er nicht das Geringste, wenn es sich um Juden handelte. Wir erinnern da an die österreichischen Juden in Rumänien, die den ärgsten Quälereien ausgesetzt waren und blieben, ohne daß der berufene österreichische Vertreter ihnen zuhilfe kam. Unter Goluchowskl's Regime nahm man gerne, im Interesse einer günstigen Volksstimmung, Juden in den Balkanländern in den österreichischen Untertanenverband auf. Aber nach österreichischer Gewohnheit nur mit Pflichten, ohne Rechte. Das einfige Mal, wo man von einer Handlung unseres auswärtigen Amtes zugunsten von Juden etwas hörte, war bei der Konferenz in Algeciras, wo der österreichische Bevollmächtigte die Aktion des amerikanischen Vertreters für die marokkanischen Ghettobewohner beim Maghzen unterstützte. Es wäre gewiß wünschenswert, wenn eine berufene Korporation mit Memorandum und Audienz beim neuen Minister eine Aenderung zum Besseren herbeizuführen versuchte. Selbsterkenntnis. Daß Monsignore Scheicher meinem anonymen Artikel, als dessen Verfasser er sich wohl gegen den eigenen Willen entpuppte, den Geßmann als einen Dreiviertel-Komödianten hinstellte, macht der Wahrheitsliebe Scheichers Dreiviertel-Ehre. Jetzt müßte man noch wissen, was Geßmann von Scheicher und die christlichsofialen Größen überhaupt von einander denken. Da würde es wohl massenhaft Zuweisungen fürs Zuchthaus oder fürs Irrenhaus geben, während bis jetzt das Rathaus genügt. N. S. Das ist richtig. Wir haben zufällig nähere Daten darüber gefunden. In Rußland besteht die Sklaverei auch in ihrer ursprünglichen Form. In Nuchur, im Tale Gumbar, im transkaspischen Gebiet werden täglich Dutzende Sklaven, geraubte Frauen und Kinder aus Persien unter den Augen der russischen Behörden verhandelt. Schöne Weiber werden auch von russischen Offizieren oder Beamten gekauft oder — beschlagnahmt. Z. 1906. Der Todestag ist Montag, der 13. Elul (3. September 1906). Neligionslehrer in B. Derlei wissenschaftliche Fragen zu erledigen in der Form einer Briefkasten-Notiz ist unmöglich. R. S. Zur Abwechslung wird wieder Spanien wegen der Zivilgesetzgebung von den Bischöfen zur Revolution aufgewiegelt, wie vor einigen Monaten Frankreich. Aber die klerikale Presse aller Länder schreibt gegen die ewig revolutionären Juden. R. D. Geschmackvoll sind die Antisemitismen in der „Arbeiterzeitung" gerade nicht und auch nicht klug. Man denkt beim Lesen umso eher daran, wer die Redakteure sind, die sich hinter derlei Ausfällen verstecken wollen. F. S. Bezeichnend für den Kurs in Oesterreich ist es allerdings, was der Abgeordnete Seitz in der Versammlung der Postbeamten sagte: Für die Bedeckung der Kongrua habe man Geld, um aber die Bezüge der Postbeamten zu verbessern, habe man vor, Handel und Industrie mit schweren Portoerhöhungen zu belasten. Aber es fällt uns nicht ein, eine angreifende Stellung gegen die Geistlichkeit einzunehmen. Wir gehen nur vor, wenn eine Verteidigung notwendig ist. Redakteur L. Sch. in Brüuu. Die angebotenen Beiträge sind willkommen. K., Wien. Sie haben unrecht! Im hebräischen Sprachgebrauch bedeutet „al jad" „durch Vermittlung". So heißt es ^I2p .ivü 'T by durch Deinen Diener Mose. Im talmudischen Sprachgebrauch bedeutet dieser Ausdruck „für", („an Stelle eines"). Beides ist nicht identisch; es offenbart sich hier vielmehr der Gang der Sprachentwicklung. Z. H. in R. Allzu straff gespannt, zerspringt der Bogen. Das merken die Christlich-Sozialen, seitdem sie ihre antisemitisch-klerikale Volkserziehung nicht nur dem Lande, sondern auch dem Reiche aufgezwungen haben. Je mehr Zwangsgesetze gegen den liberalen Geist der Schule geschaffen werden, umso größere Erfolge hat der Verein freie Schule, wie man gerade aus den großen Protestversammlungen und Veranstaltungen der Antisemiten sieht. Wir können aber nur wieder sagen, was wir schon oft geraten haben: Die Juden sollen sich jeder aktiven Teilnahme enthalten, denn der Vorwurf der Verjudung erschlägt jede liberale Partei und Gesellschaft. Jude. Der jetzige Kriegsminister Schönaich galt als Landesverteidigungsminister durchaus nicht für antisemitisch. Unter ihm wurde das militärische Stipendium für Landwehrärzte auch oft an Juden verliehen. Hoffentlich hören jetzt auch in der Armee die dummen Vorurteile auf, unter denen die Juden aller Kategorien litten. M. O. Dem Landtagskandidaten für den Bezirk Mahrifch- Ostrau, dem Alldeutschen Dr. W. Freister, wurde auf Betreiben der jüdischen Wählerschaft ein Gegenkandidat mit geringen Aussichten, der Landes gerichtsrat Dr. Ehrlich aus Neutitschein, nach unseren Jnfor-