Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr. 35locD 9 ‘©HocDenscbtut. Seite 749 Die fromme Frau war tief bewegt. „Es ist eine Sünde, sich Geschehnisse so zu Herzen zu nehmen! Du mußt auch auf Deine Gesundheit Rücksicht nehmen. Ertrage Dein Leid wie ein wahrer Jude, Reb Israel. Vertraue dem Allmächtigen und Du wirst noch Freuden erleben, wenn es Gott gefallen wird." Asriel hatte nur ein Stöhnen auf ihre tröstenden Worte. Sein Auge fiel auf die Sammelbüchse für arme Pilger. „Weißt Du, Tamara," sagte er plötzlich, „wir werden in das Land Israel auswandern. Sie haben mir alles genommen, was ich hier erhofft habe. Nun, ich kann die Welt nicht ändern. Sie sollen leben, wie es ihnen gefällt, sie werden sich .selbst vor dem Allmächtigen zu verantworten haben. Ich werde die Hälfte meiner Besitzungen Flora überlassen, die andere Hälfte werde ich verkaufen. Du bist eine rechtschaffene Frau, Tamara. Warum sollten wir uns nicht heiraten und unsere alten Tage dem Dienste Gottes im heiligen Lande widmen?" Tamara nähte weiter, ohne aufzublicken. Man sah nur die Perrücke, die ihren Kopf bedeckte, und das flammende Rot ihrer Wangen. „Wir werden ein angenehmes Leben führen und genug Geld für Wohltaten haben," fuhr er fort. „Ich weiß, daß ich ein Am haarez bin! Sag ich denn, daß ich es nicht bin! Aber ist denn ein Am haare? kein Mensch, kann er denn nicht auch wie ein rechtschaffener Jude sterben?" bat er in flehendem Tone." Die Perrücke neigte sich noch tiefer herab und die Seidenstickerei knisterte stärker. „Du weißt Tamara, daß ich auf der Zunge habe, was mir am Herzen liegt. Ich sage, was ich denke, und wir brauchen keinen Heiratsvermittler. Amerika ist mir jetzt treife. Hier will ich nicht mehr leben. Die Welt ist hier finster und leer für mich. Ich bin jetzt wie ein kleines Kind, Tamara. Komm, habe Mitleid mit mir! Ich will Flora nach den Gesetzen Moses und Israels verheiratet sehen und dann wollen wir Beide unter die Chuppa gehen, ehe wir unsere Reise antreten. Ich muß fort von hier. Nun, was sagst Du dazu? Keine Antwort erfolgte. „Nun, Tamara!" „Wenn es Gottes Willen ist, dann wird es so sein." gab sie resigniert zurück, ohne den Kopf von ihrer Arbeit zu heben. XII. Kapitel. (Schluß,) Flora war voll Ungeduld zu Schaya geeilt, um ihm mitzuteilen, daß ihr Vater einverstanden sei. Sie hatte ihn nicht gesehen, seitdem er ihr legaler Ehemann geworden war, und diese drei, vier Stunden däuchten ihr eine Ewigkeit. Als die deutsche Zimmerfrau in der Clintonstreet ihr sagte, daß weder ihr Mieter noch dessen Freund zuhause seien, war ihr das Herz schwer geworden. „Sagen Sie ihm, wenn er.zurückkommt, daß er auf mich warten soll!“ instruierte sie die Wirtin. Um acht Uhr trafen sie sich endlich. „Nun?" frug Schaya voll banger Sorge. „Nun," neckte sie, „Warum hast Du nicht auf.mich gewartet? Konntest Du nicht erraten, daß ich kommen werde?" „Wie sollte ich?! Doch, sag mir rasch, was hat der Vater gesagt, quäle mich nicht länger!" „Er sagt, daß er Dich nicht braucht," sagte sie, aber ihre Blicke sprachen anders, ermutigender und sie fielen einander in die Arme und empfanden ein Glück wie nie zuvor. „Ein Leben mit Dir, Geliebte," murmelte er glückselig. „Warte, Du sollst sehen, wie schön unser Leben sein wird. Du kennst mich noch nicht." „Doch wir müssen nach Hause, wir müssen versuchen, die volle Vergebung unseres Vaters zu erlangen," drängte Flora. „Weiß Du, Florale, komm nur für eine Minute hinauf. Eine Menge netter, junger Leute find bei meinem Freund versammelt, wir lesen alle zusammen das schönste Buch, das es gibt. Es sind meist gebürtige Amerikaner — Christen — da. Komm Florale." Er zog sie die Treppe hinauf. „Fürchte Dich nicht, die Hausfrau weiß alles," flüsterte er. „Du wirst sehen, wie nett meine Freunde sind. Es sind gebildete Leute und sie haben auch die Juden gern. Ein Jude gilt ihnen geradeso viel wie ein Mitglied ihres eigenen Stammes — ja sogar noch mehr." Flora fühlte sich bedrückt, Sie hatte momentan für nichts Interesse als für ihr Glück, doch ehe sie sich versah, war sie in dem überfüllten Zimmer oben. Es waren zehn oder zwölf junge Männer in dem Dachstübchen, einige saßen auf Sesseln, zwei auf dem Koffer ihres Wirtes, drei auf dem Bett, die anderen standen längs der Wand und beim Fenster. Sie waren um ei.ien Tisch gruppiert, der mit Büchern, Papieren und Zigarettenstümpfchen belegt war. Eine Blech-Teekanne brodelte auf der flachen Platte eines kleinen Ofens und einige aus der Gesellschaft schlürften russischen Tee aus Wassergläsern, in denen kleine Stücke Zitronenscheiben herumschwammen. Die jungen Leute hatten alle intelligente Gesichter; sie waren bei Tag Arbeiter, bei Nacht Philosophen. Einer war ein schwedischer Schneider und hatte das Gesicht eines Priesters, ein anderer war ein Züricher Dr. phil. — ein junger Hindu war auch da, der eine elende Existenz fristete durch den Verkauf seiner erstklassigen schriftstellerischen Arbeiten an zweitklassige Wochenschriften. Dann waren mehrere russische Juden da, alle leidenschaftliche Wortkämpser, die meisten mit llniversitäts- und Gymnafialdiplomen. Diese Gesellschaft traf jeden Donnerstag zusammen, um irgend ein Thema zu besprechen. Diemal disputierten sie unter der Leitung eines schottischen Studenten über Auguste Comte. Der junge Dr. Phil, trat in einer Anwandlung von Ritterlichkeit der jungen Dame seinen Stuhl ab. fuhr aber, ohne sich durch ihren Eintritt weiter stören zu lassen, fort, zu lesen. Seine Zuhörer lauschten voll Aufmerksamkeit, einige unterbrachen ihn, um ihn über dies oder jenes zu fragen. Schayas Blicke flogen zwischen Flora und dem jungen Schotten hin und her. „Hast Du je eine so schöne, vornehme Dame gesehen?" schien er zu fragen. „Sie ist meine Braut, mein ist sie." Schau diese bedeutenden Männer an, Flora, das find Bekannte von mir." Doch bald beteiligte er sich auch an der Lektüre und vergaß an Floras Anwesenheit. Das junge Weib blickte erstaunt um sich. Der Schotte und sein Vortrag flößten ihr Achtung ein, aber die übrige Gesellschaft und das ganze Milieu schienen ihr sonderbar. Sie hatte immer davon geträumt, daß sie durch ihre Verheiratung mit einem Doktor mit eleganten und gebildeten Leuten verkehren würde. Doch jeder Hausierer war besser gekleidet wie diese Männer hier, die sie an die grotesken und unheimlichen Gestalten aus Dickens Novellen erinnerten und ihr gar nicht so erschienen, wie sie sich feine, wohlerzogene junge Männer gedacht hatte. Mit jedem Augenblicke wurde ihr der Aufenthalt hier lästiger. Uebermannt von der drückenden Schwüle in dem kleinen Zimmerchen, hatte sie das Gefühl, geraubt, entführt und in eine Höhle voll schrecklicher Kreaturen gebracht worden zu sein. Am liebsten hätte sie um Hilfe geschrieen. Auch wunderte sie sich, daß ihr Schaya etwas Gemeinsames haben konnte mit diesen zerlumpten Gestalten. „Schaya," flüsterte sie und zog ihn am Aermel „Nur noch einen Augenblick," bat er sie. „Ach, es interessiert mich so sehr." Eine Diskussion entwickelte sich. Die Russen waren sehr heftig. Einer von ihnen berührte sie höchst unsympathisch. Sie wußte selbst nicht weßhalb. War es sein Organ oder die rote Stickerei an seinem kurzen russischen Vorhemd? Alles an ihm verletzte sie. Das Zimmer war raucherfüllt, die Leute sprachen gebrochen englisch. Schaya war voller Erregung. Er hätte hundert Fragen an den Vortragenden stellen mögen, traute sich aber nicht, sie auszusprechen. So saß er da und gestikulierte unaufhörlich mit seinen Händen, war verzweifelt über die absurden Bemerkungen