Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Lette 748 Dr. Bloches Wochenschrift. Nr. 44 Hierüber wird uns aus Kattowitz berichtet: Ernst v. Possart rezitierte „Enoch Arden". Diese wenigen Worte müssen genügen, um auszudrücken, daß wohl das Höchste und Erhabenste in der laufenden Saison geboten wurde. Eine hochkünstlerische Unterstützung fand Possart in Herrn Oberkantor Singer, der die schwierige Begleitung der von Dr. Richard Strauß zum Werke komponierten, melodramatischen Musik am Flügel übernommen hatte. Es ist recht lebhaft zu bedauern, daß Herr Oberkantor Singer, der ja bereits als Sänger und Musiker einen Ruf besitzt, vermöge seiner Stellung uns als Sänger im Konzertsaal vorenthalten bleibt; immerhin muß es als überaus ehrenvoll anerkannt werden, mit Possart zusammengewirkt zu haben. Als äußeres Zeichen seiner Anerkennung hat Geheimrat v. Possart Herrn Oberkantor Singer sein Bild mit der Widmung dem Meister Singer überreicht und ihm zugleich die Musik zu Wildenbruchs „Hexenlied" von Schilling dediziert. Dr. Sch. Feuilleton. Der importierte Krautigam. Roman aus dem Ghetto von Newyork. Aus dem Englischen übersetzt. (Fortsetzung.) XI. Kapitel. Asriel war nach Hause geeilt und traf seine Tochter beim Klavierspielen. „Höre auf oder ich zerhaue dieses Klavier in Stücke", schrie er; es kam ihm vor, als ob das Instrument mitverschworen wäre gegen ihn. „Warum, was ist geschehen?", ftug sie erschrocken. „Was geschehen ist? Foppe Du jemanden andern, aber mich nicht, ich habe noch meinen Verstand. Alles ist zu Ende, Flora!" „Was meinst Du?", frug sie. „Ich meine, daß wenn Schayke noch einmal dieses Haus betreten sollte, ich ihn umbringen werde. Ihr dachtet, euer Vater sei ein Narr. Aber ich wußte alles, ich wollte nur alle Einzelheiten erfahren. Ich habe ihn eben in einer christlichen Restauration gesehen. Verflucht sei er mit seinem treife Gaumen." „Du darfst ihn nicht verfluchen!", brauste sie auf und wurde hochrot im Gesicht. „Und wer wird es mir verbieten, bitte!" „Ich. Es ist meine Schuld, daß alles so kam. Du weißt, daß ich ihn zuerst nicht wollte." Die Antwort reizte ihn, doch er bezwang sich und erklärte mit geisterhaftem Ausdruck: „Flora, Du wirst ihn nicht heiraten!" „O ja, ich werde ihn heiraten, ich kann nicht leben ohne ihn", gab sie mit fester Stimme zur Antwort. Asriel verließ das Zimmer. „Alles ist aus, Tamara! Mein Licht ist ausgelöscht", sagte er in die Küche eintretend. „Für uns gibt es keinen Schaya mehr!" „Finster ist mir! Hat ein Unfall ihn betroffen? Gnade und Erbarmen, was ist dem Kind zugestoßen?“ „Ja er ist tot und begraben für uns. Ja, ein abgefallener Jude sein, ist schlechter denn begraben sein. Alles ist vorbei, Tamara! Ich habe ihn in einem christlichen Restaurant treife essen gesehen. Amerika hat mich um meinen Stolz gebracht." „Weh ist mir", flüsterte die Haushälterin und raufte sich ihre Haare. „Treife hat er gegessen!? Hat er hier nicht genug zu essen gehabt? Ich habe ihm doch das Beste vorgesetzt. Ein König wäre zuftieden gewesen mit dieser Kost, die er bei Dir hatte." „Es scheint, daß ihm treife besser geschmeckt hat", gab Asriel bitter zurück. „Ein Unglück ist über mein sündiges Haupt gekommen! Wir haben das Kind verdorben, wir haben es mü unseren bewundernden Blicken auf schlechte.Gedanken gebracht". Während Asriel der Haushälterin den traurigen Sach- . verhalt auseinandersetzte, verließ Flora raschen Schrittes das Haus ihres Vaters. Als Asriel sie vermißte, begab er sich in die Clintonstreet. um sie zu suchen. Hier hörte er von der Hausfrau, daß ihr Zimmerherr in Begleitung seines Freundes und einer jungen Dame das Haus verlassen hatte. In seiner Verzweiflung begab sich Asriel in die Astor-Bibliothek, dann ging er zu einer Freundin Floras, dann suchte er sie sogar in seinem Bowery Restaurant. Als er in sein Haus zurückkehrte, war Flora wieder in ihrem Zimmer. „Wo warst Du?", ftug er finster. „Ich werde Dir gleich sagen, Papachen, wo ich war, aber rege Dich nicht auf!" „Wo warst Du?", frug er zum zweitenmal. „Ich sage es Dir gleich, aber tadle Schaya nicht, denn ich bin die Schuldige. Er liebt Dich aufrichtig. Wir waren im Rathaus und ließen uns trauen. Schaya wollte es nicht, aber .... „Du bist verheiratet?" „Ja, aber zürne mir nicht, geliebter Vater. Ich werde alles tun, was Du wünscht. Wenn Du es durchaus nicht willst, daß er Doktor wird, so wollen wir auch darauf verzichten." „Ein Doktor", sagte er wie geistesabwesend. „Das wolltest Du aus ihm machen und deshalb hast Du mich zum Besten gehabt! Du bist verheiratet, Flora, verheiratet?", frug er, als ob er es nicht fassen könnte. „Und im Rathaus, ohne Chuppa, ohne Religion wie die Andern? Flora, was hast Du getan?", stöhnte er in namenlosem Schmerz auf und bedeckte sein Gesicht mit den Händen. „Papa, Papa weine nicht", rief sie und umarmte und küßte ihn. „Du weißt, ich wollte ihn zuerst nicht." Es dämmerte ihm auf, daß kein ernstliches Unrecht geschehen sei, daß alles noch gut zu machen sei, daß die jüdische Hochzeitszeremonie noch stattfinden könne, und er beruhigte sich ein wenig. „Ich weiß, es ist vorbei", sagte er endlich, „und ich will keine andere Sünde mehr auf miein Haupt laden. Ich will nicht, daß Du sein Weib sein sollst ohne Chuppa und ohne Segen. Gleich morgen soll die jüdische Hochzeitsfeier stattfinden, Du hast mich zum Besten gehalten, aber ich verzeihe Dir. Es scheint, daß Gott für Asrielkes alte Tage keine Freuden hat, auch keinen Kaddisch für seine Seele, wenn die Würmer sich an seine Knochen machen werden". „O Vater, sage das nicht, es zerreißt mir das Herz. Du weist, Schaya ist Dir ein ergebener Sohn." „Ein Appikores mein Sohn! Ein Appikores mein Kaddisch! Nein, nein!", sagte er nachdenklich. Als er das aussprach, fühlte er, daß auch Flora nunmehr eine Fremde für ihn sei. Er ging müde und gleichgiltig in sein Zimmer zurück. „Ich habe alles verloren", sagte er zu Tamara. „Ich habe keine Tochter mehr, ich bin allein in der Welt!" Kaum.hatte er Floras Zimmer verlassen, als sie rasch wieder davoneilte, um ihren Bräutigam die frohe Mitteilung zu machen, daß ihr Vater ihr verziehen habe. Die Haushälterin nähte eine seidene Decke für die Rolle ihrer Synagoge, als Asriel in die Küche kam. Er stand angelehnt an den Speisekasten, gegenüber hing die Palästina-Sammelbüchse. Er sprach leise und resigniert davon, daß Flora sich bereits verheiratet habe und daß die jüdische Zeremonie so schnell, als möglich stattfinden solle. Eine glänzende Feier war jetzt außer Frage. Das Fest sollte das Gespräch der Synagogen bilden. Doch das, was früher sein Lieblingstraum war, mutete ihn nun wie eine Totenfeier an. Tamara bat ihn, guter Dinge zu sein und zitierte Rabbi Nochum, der auch im Angesicht des schwersten Schicksalsschlages die Worte gebrauchte: „Auch das ist zu meinem Besten." Aber Asriel wollte keinen Trost anhören. „Ja, Tamara, alles ist vorüber," sagte er wie verloren. „Alles war ein Traum. Ein Knabe hat ein Spiel mit mir getrieben."