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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-11-02 · 44 (2.11.1906) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
44 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 44 Dr. Liocb's Mocbenscvrirr. Seite 743 Inden nnd getaufte Inden. (Aus Mähren.) Die Frage ist nämlich die: Sollen, können, dürfen selbstbewußte Juden in Mähren ihre Stimmen einem getauften Juden, der für den Reichsrat oder Landtag als Abgeordneter kandidiert, geben? In der reinlichen Scheidung, die zwischen Deutschen und Tschechen stattgefunden hat, find die jüdischen Wähler doch noch nicht so ohneweiters an die Wand gedrückt, wie es mancherseits erwünscht gewesen wäre. Klerikale, Fortschrittliche, Agrarier, Radikale, Sozialisten, Demokraten liegen sich in beiden Lagern noch immer arg in den Haaren und eine treue Leitung der jüdischen Wählerschaften wird für dieselben seitens der einen oder anderen Partei den möglichst höchsten Preis zu erlangen wissen. Die sozialdemokratische Partei hat hiefür längst das beachtenswerte Beispiel gegeben, daß man sich ohne Verlust an Würde und Ansehen selbst mit der extremsten und feindseligsten Gegenpartei zu wahlpolitischen Zwecken verbinden könne. Da wird sich die jüdische Wahlleitung nur eines vor Augen halten müssen und wenn sie dieses versäumt, wird sie des Vertrauens der jüdischen Wähler verlustig werden und diese werden nach eigenem Empfinden und Verstehen sich ihrer Haut zu erwehren haben. Die jüdische Wählerschaft darf nicht wie eine inferiore Rasse, eine Schutz heischende Klientel erscheinen, welche vor allem für ein hingeworfenes Hand- und Schandgeld dem Protektor-Kandidaten demütig den Steigbügel zu halten hat, um zusehen zu können, wie dann der Schutz im Bedarfsfälle gewährt oder nicht gewährt wird. Nun ist es freilich wahr, die Juden als Minderheit bedürfen inmitten der beutegierigen Parteien des Schutzes. Die Geschichte der österreichischen Nationalitäten lehrt aber, daß sich jede noch so geringe Minderheit am besten dadurch schützt, daß sie jeden noch so geringen Schein der Minderwertigkeit von sich fern hält. Kein Unrecht, keine Zurücksetzung kann uns solchen nachhaltigen Schaden verursachen, als wenn wir selbst irgendwen berechtigen — die jüdische Rasse, die jüdische Religion als minderwertig darzustellen. Als der berühmte ungarische Staatssekretär Eduard Horn aus Waag-Neustadtl zuerst vor der stark jüdischen Preßburger Wählerschaft kandidierte, rief er pathetisch aus: Ich bin Jude, meine Frau ist Protestantin, meine Kinder find konfessionslos! Sein katholischer Gegner blieb Sieger. Als er dann später vor der stark jüdischen Wählerschaft in der Budapester Königsgasse kandidierte, ließ er sich an den jüdischen Passahtagen in der Synagoge der Tabaksgasse zur Tora rufen und erklärte andern Tages in der großen Wählerversammlung: Jude bin ich, Jude bleib ich! Er wurde gewählt und wurde königlich ungarischer Staatssekretär. Folgerichtig müßte der getaufte Jude Redlich, wenn er in Mähren auf die jüdische Wählerschaft als Reichsratskandidat spekuliert, sich in Brünn oder Ungarisch-Brod zur Tora rufen lassen und nachher in einer öffentlichen Wählerversammlung erklären: Ich bin mit meiner Familie zum Judentum zurückgekehrt, um zu bekunden, daß mir die jüdische Rasse und die jüdische Religion, so wie sie gerade in den Schulen, in den jüdischen Familien und in der großen Völkergeschichte gelehrt werden, gegenüber keiner Rasse und Religion auf Erden minderwertig oder gar beleidigenswert erscheint. Wenn es die Parteitreue der Juden erheischt, mögen sie auch völlig auf jüdische Kandidaten verzichten. Wenn ihnen aber ein getaufter Jude als Knochen hingeworfen wird, an dem demonstriert würde, daß der Jude wenigstens seine Religion nicht haben darf, wenn er etwas werden will, dann wollen wir nicht daran nagen. Wir haben auch tatsächlich mit getauften Juden als Abgeordnete in letzter Zeit trotz der illustren Exemplare keine angenehmen Erfahrungen gemacht. So oft diese das ihnen vorgeworfene Judentum von ihren Rockschößen abzuschütteln haben, führen sie Reden, darob wir Juden alle unsere Augen niederzuschlagen haben. Den Stolz aber, zu dem wir Wohl berechtigt find, wollen wir uns wahren. Dr. M. Z. Stern Delegiertenversammlung in Brunn. Der im mährischen Landtage geschloffene, nationale Ausgleich hat die jüdische Wählerschaft vor eine neue Situation gebracht. Auf der einen Seite winkten ihnen Ruhe und Frieden, da sie angesichts der Beseitigung des Wahlkampfes zwischen Deutschen und Tschechen nicht mehr bemüsfigt werden, die Schlachtreihen der einen oder der anderen Seite zu verstärken, andererseits die Gefahr, in politische Bedeutungslosigkeit zu versinken und von beiden nationalen Parteien des Landes ignoriert zu werden. Zu dieser neuen Situation mußte umso mehr Stellung genommen werden, als es sich gar bald zeigte, daß der nationale Ausgleich keinen dauernden Frieden, ja nicht einmal Waffenruhe gebracht hatte. Der Kampf um nationale Eroberungen einerseits, um Wahrung des nationalen Besitzstandes von heute zum mindesten andererseits tobt auf dem Gebiete der Schule, der Zusammensetzung der Gemeindevertretungen und der Handelskammern heißer denn je. Da war eine vollständig passive Haltung der jüdischen Wählerschaft nicht denkbar, und deßhalb traten die Delegierten der mährischen politischen und Kultusgemeinden schon am Ostersonntag in Brünn zusammen, um Direktiven bezüglich der Eintragung in die nationalen Kataster zu erteilen. Diese Direktiven verfolgten den Zweck, unseren Wählern in jenen Bezirken, in denen sie numerisch stark find, maßgebenden Einfluß auf die Kandidaten-Nominierungen zu sichern, was nach Lage der Dinge nur für einzelne deutsche Wahlbezirke gelten konnte. Es wurde aber schon damals durch die Wahl eines Vollzugsausschusses der Gedanke in die Tat umgesetzt, die mährische Judenschaft politisch zusammenzufaffen, damit von Fall zu Fall deren Interessen gewahrt werden, die jetzt des Schutzes umso mehr bedürfen, als ihre nationale Haltung an Bedeutung verliert. Einer gestern hier abgehaltenen neuerlichen Delegiertenversammlung hat der Vollzugsausschuß durch seinen Obmann Dr. F i a l l a über seine bisherige Wirksamkeit Bericht erstattet und für seine Aktion die einhellige Genehmigung erhalten. Es werden selbstredend in der Städtekurie die im vierten Bezirke in Brünn und im Bezirke Weißkirchen aufgestellten jüdischen Kandidaten unterstützt und wird in den anderen Bezirken die Wahl freisinniger Kandidaten empfohlen. In der Olmützer Handelskammer, die die bisherige Wahrung ihres deutschen Charakters zum großen Teile der jüdischen Wählerschaft zu danken hat, wird darauf Gewicht gelegt, daß eines der drei Mandate einem Juden zufalle, und nicht neben dem bisherigen freisinnigen Kammerpräsidenten Primavefi und dem völkischen Oberleitner unter dem Vorwände der Berücksichtigung der Gewerbetreibenden noch einem antisemitischen Kandidaten. Dieser Standpunkt wird in den der Kammer zu unterbreitenden Resolutionen mit allem Nachdruck vertreten. Für die allgemeine Wählerklaffe wird daran festgehalten, daß antisemitische Wahlwerber unbedingt durch die jüdische Wählerschaft zu bekämpfen seien, die Taktik bezüglich des Gegenkandidaten aber von Fall zu Fall nach den lokalen Verhältniffen zu bestimmen sei. Der Vollzugsausschuß wurde wiedergewählt mit dem Rechte der Kooptation, er soll das Vertrauensorgan der mährischen Judenschaft sein, ein Ratgeber in allen unsere Jntereffen tangierenden Fragen. Daß er gedeihlich werde wirken können, dafür birgt der Verlauf der gestrigen Versammlung, die ihre Beschlüffe einhellig faßte, in der keine Parteischattierung nach Uebergewicht rang. Zionistische Konferenz. Krakau. Am 28. Oktober fand hier unter Vorsitz des Abg. Dr. Straucher eine Konferenz der jüdisch-nationalen Parteileitung statt. Diese beschloß, energisch und rücksichtslos in die Bewerbung um die jüdischen Mandate in Galizien und in den anderen in Betracht kommenden Ländern einzutreten. Sollten Wahlbündnisse eventuell erforderlich sein, so könnte» diese nur von Fall zu Fall mit freiheitlichen Parteien geschloffen werden, insoferne sie den Grundzügen des jüdisch-

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