Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-11-02 · 44 (2.11.1906) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
44 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021701--15857-3040646
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

©eile 742 Sr. Llocv s Mocvenscvnru Nr. 44 von großer Bedeutung, weil ihm jedes religiös-mystische Moment fehlt und er dadurch geeignet erscheint, alle Schichten des Judenrums zu einer praktischen Arbeit für das bedrückte jüdische Volk zu vereinigen. Pflicht eines jeden Juden ist es, an der inneren Entwicklung des Judentums, an der Sicherung des materiellen, politischen und sozialen Wohlstandes unserer Brüder sowohl in deren Ländern, in welchen sie gegenwärtig wohnen, wie auch in den Ländern der Auswanderung tatkräftig mitzuarbeiten." An die Ausführungen des Referenten schloß sich eine lebhafte Diskuffion. Als erster Redner nimmt Dr. S ch a l i t das Wort: Er sei mit dem Wunsche nach Frieden und Einigkeit in die Versammlung gekommen, der Referent habe ihm aber die Erfüllung dieses Wunsches sehr schwer gemacht. Redner wendet sich sehr energisch gegen die Behauptung des Vortragenden, daß die Zionisten die konfessionelle Schule verlangen. Sie haben niemals im Judentum den Klerikalismus gefordert. Nicht die konfessionelle, sondern die nationale Schule verlangen sie. Der Referent hat den Gegensatz zwischen Ost und West berührt, wovon er aber nicht gesprochen habe, das sei die historische Judennot, von der wir Alle mitergriffen sind. Von dieser Judennot können nur die nackten Ziffern einen Begriff geben. Wer sein Auge dieser Not nicht verschließe, müsse dahin gelangen, ein Zusammenwirken aller Kräfte im Judentum im Sinne einer jüdischen Jnteressenpolitik zu verlangen. Dr. Paul Weisengrün polemisiert gleichfalls gegen einzelne Bemerkungen des Referenten und betont seine volle Befriedigung mit den Erfolgen des Rechtsfchutzbureaus der „Union". In ihrer politischen Haltung beftiedigen die Unionisten allerdings weniger. Es sei aber auch da ein Fortschritt zu verzeichnen und er hoffe, daß man schließlich mit der Politik der „Union" ebenso zufrieden sein werde wie mit ihrem Rechtsschutze. Dr. Schreiber erklärt, nicht im Namen des Vorstandes, sondern nur rein persönlich zu sprechen, indem er den Vorschlag macht, es möge bei der gegenwärtigen Reform des Herrenhauses darauf hingearbeitet werden, daß ein offizieller Vertreter der Judenschaft, wie dies auch in Ungarn angestrebt wird, ins Herrenhaus berufen werde. Mit lebhaftem Beifall der anwesenden Zionisten begrüßt, nimmt hierauf Herr Adolf Stand aus Lemberg das Wort, um der Ueberzeugung Ausdruck zu geben, daß der Zionismus in seiner jugendlichen Kraft die Assimilationspolitik der Alten überwinden werde. Man dürfe nicht in alten Formen erstarren, man müsse unsere alte Kultur, unsere alte Literatur, unserjüdisches Leben fortpflanzen und entwickeln. Dies wird nur die zionistische Bewegung zustande bringen, nicht die Alten, welche sich jedem Fortschritt entgegenstemmen. Man müsse dahin streben, daß im neuen Parlament ein Klub jüdischer Abgeordneter zustande kommt. Redner schließt mit dem Rufe: „Wenn wir sie auch nicht überzeugen, so werden wir sie doch überleben!" Sekretär Fleischer berichtigt eine sachliche und unrichtige Behauptung seines unmittelbaren Vorredners bezüglich der Haltung der „Union" bei den Reichsratsersatzwahlen Brody- Zloczow, sowie die unrichtige Behauptung zionistischer Blätter bezüglich der Stellungnahme zu den Landtagswahlen in Mähren. Dr. Birnbaum mahnt zur Ueberbrückung der tiefen Gegensätze, die zwischen West- und Ostjudentum unleugbar vorhanden sind, durch gegenseitige Liebe. Man müsse nur versuchen, dem Eigendünkel zu entsagen und sich auch in die Lage der großen Waffe des jüdischen Volkes im Osten zu versetzen. Durch Eintracht wird das Selbstbewußtsein des Judentums gehoben werden. Nach einem kurzen Schlußworte des Referenten wurde die zeitweilig sehr lebhaft verlaufene Versammlung in später Nachtstunde geschloffen. Jüdische Kinderhorte. Unter der Patronanz des israelitischen Humanitätsvereines „Eintracht" B'nai B'rith in Wien ist in diesem Frühjahre ein „Verein zur Errichtung und Erhaltung von Horten für schulpflichtig eKinder" begründet worden, der dazu berufen ist, eine fühlbare Lücke in der Reihe jener Institutionen auszufüllen, die der traditionelle, jüdische Wohltätigkeitssinn geschaffen. In solchen Bezirken Wiens, in denen die ärmste Bevölkerung das Hauptkontingent der Einwohnerschaft bildet, werden Horte errichtet, die jene Schulkinder aufnehmen, welche sonst tagsüber auf die Straße angewiesen wären, in der Erziehung vernachlässigt und herabgekommen durch mangelhafte Nahrung, zu Schädlingen der Gesellschaft ausreifen würden. In schulfreier Zeit sollen diese Kinder der Aermsten in den Horten des Vereines, beaufsichtigt und zweckmäßig beschäftigt, an Leib und Seele günstig beeinflußt, zu ordentlichen Menschen und zu guten Juden erzogen werden. Mit der Eröffnung dreier solcher Horte hat der Verein nach mehrmonatlichen Vorarbeiten in dieser Woche seine Wirksamkeit begonnen. In der Brigittenau, Othmargasse 46, im ärmsten Judenviertel Wiens, wurde Sonntag den 28. v. M. ein Knabenhort für 60 Schützlinge, und im XIV. Bezirke, Herklotzgasse 21, am Donnerstag den 1. November d. I. wurde ein Knaben- und ein Mädchenhort mit je -50 Schützlingen der Bezirke XII bis XV feierlich eröffnet. Nach Maßgabe der verfügbaren Mittel sollen alsbald auch in den anderen Bezirken Wiens solche Horte eingerichtet werden. Im Hortlokale XX., Othmargasse 46, hatten sich am Sonntag nebst dem Vereinsvorstande, dem Lehrpersonale, den Schützlingen und deren Eltern zahlreiche Ehrengäste eingefunden. So waren erschienen: Herr Oberrabbiner Dr. M. Güdemann mit den Gemeinderabbinern Herren Dr. David, Dr. Bauer und Dr. L. Reich, ferner als Vertreter des Kultusvorstandes Herr Bezirksschulrat Dr. Markus Spitzer, Religionsschulinspektor Professor M. Kanitz, der Präsident des Vereines „Eintracht" Herr Ernst Simon, Vertreter des israelitischen Humanitäts- Vereines „Wien" und viele andere. In der Begrüßungsrede führte der Vereins-Vizepräsident Herr Dr. I. Samuely Zweck und Ziele dieser Institution aus und richtete an die Festgäste den dringlichen Appell, nach besten Kräften die gute Sache zu fördern. Der Schluß der Festrede klang in ein dreifaches Hoch auf den Monarchen aus, worauf die Hortzöglinge die Volkshymne sangen. Herr Kultusvorsteher Hermann Eltbogen sprach namens des Bezirkes Brigittenau der Bereinsleitung Dank und Anerkennung aus. Namens des Lehrpersonales versprach der Hortleiter Lehrer I. Rosenbeck die hingebungvollste Tätigkeit im Interesse der sckönen Aufgabe, die dasselbe zu erfüllen habe. In schwungvoller Rede würdigte nun der Vertreter des Kultusvorstandes Herr Doktor Markus Spitzer die Bedeutung der Institution als humanitäre und ethisch- Schöpfung und die Tatkraft der Männer, die ihr vorstehen. Mit den Worten des dieswöchentlichen Tora-Abschnittes „Werde ein Segen" schloß der Redner seine Ausführungen, in welchen er die weitgehende, moralische und materielle Förderung von Seite des Kultusvorstandes in Aussicht stellte. Der Vereins- Präsident richtete an die Eltern der Schützlinge die Mahnung auch zu Hause den erziehlichen Bestrebungen des Hortes nachzuhelfen. Damit hatte die schlichte und doch erhebende Feier ihren Abschluß gefunden. An die Besitzenden sei die dringende Bitte gerichtet, in Entsprechung ihrer sozialen Pflicht, diese schöne Institution durch Mitgliedsbeiträge und Spenden zu fördern. Der Sitz des „Verein zur Errichtung und Erhaltung von Horten für schulpflichtige Kinder" befindet sich in Wien, iX., Universitätsstraße Nr. 4. Beitrittserklärungen und Geldbeträge wolle man an den Kassier, Herrn Eman. Gottl. Tanßik, IX., Althai-platz Nr. 4 adressieren.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.