Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021656-3021701--15856-3040645- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr 44 Dr. Wlocv s TRUocbenscDrta Sette 741 Aller Wahrscheinlichkeit nach hat Boor seit dem Jahre 1808 sich mit der Fälschung von Wertpapieren und Banknoten beschäftigt. Eine solche Zeit muß unbedingt angenommen werden, um jenen Gipfel technischer Vollendung zu erreichen, den seine Erzeugnisse aufweisen und die sich bis auf das Papier, das er benützte, erstreckte. Die Gesammtsumme seiner Fälschungen überstieg weitaus eine Million Gulden. Was ist gegen diesen Mann ein armer Schlucker, wie Nuchem Schapira, der es nicht weiter gebracht hat, als Fünfer zu spalten und leichtgläubige, geldgierige Narren zu betrügen? Die Herren Stampiglienfälscher, Nachkommen von Falschmünzern und alle Ehrenmänner der dunklen Schattierungen werden nicht ohne Rührung die ehrende Würdigung lesen, welche den Arbeiten Boor's zu Teil wurde und die den Triumph, den höchsten erreichbaren Gipfelpunkt der Fälschungskunst bildet: „Bei Ihrer außergewöhnlichen künstlerischen Begabung und Ihrer vielseitig technischen Ausbildung kann wohl erwartet werden, daß Sie im Stande sein dürften, bemerkenswerte Andeutungen über Fabrikation von Banknoten überhaupt, und insbesondere zur Erzeugung möglichst unnachahmlicher Banknoten liefern zu können. Man findet sich sonach veranlaßt, an Sie die Anfrage zu stellen, ob Sie bereit wären, allenfalls gegenüber sachverständigen Personen in diesem Sinne geeignete Mitteilungen machen zu wollen?" So zu lesen in den Akten und Untersuchungsprotokollen. Armseliger Nuchem Schapira! Korrespondenzen. „Oefterreichifch-Jsraelitische Union". D o n n e r s t a g den 25. d. M. fand im „H ot e l G u t h", II., Stefaniestraße 14, eine zahlreich besuchte Plenarversammlung der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" statt, bei welcher u. a. Reichsratsabgeordneter Doktor Straucher, ferner die Kultusräte kaiserl. Rat Leopold Sachs, kaiserl. Rat Wilhelm Pollak, Eltbogen und S. Landau, Gemeinderat Dr. Oskar Hein und Herr Adolf Stand aus Lemberg anwesend waren. Nach Eröffnung der Versammlung durch den Präsidenten Sigmund Mayer erstattete Sekretär Fleischer einen kurzen Bericht über die „Tätigkeit des Rechtsschutzbureaus der Union" während der Sommermonate, welcher mit lebhaftem Beifalle ausgenommen wurde. Sodann referierte Herr Dr. Alexander M i n tz über das Thema: „Die gegenwärtige politische Lage des Judentums". Redner führte folgendes aus: „Im politischen Parteileben des Judentums lassen sich beute drei große Gruppen feststellen: die sogenannten Assimilanten, die Nationalisten und die Zionisten. Zu diesen gesellen sich nun die Territorialisten, oder schlechtweg Jtoisten genannt. Der Redner behandelte nun eingehend die Entwicklungsgeschichte dieser politischen Parteien in den einzelnen Ländern. In Rußland, wo die Rechtlosigkeit der Juden in härtester Form bis in unsere Zeit hinein dauert, hatte bis zum Ausbruche dex Revolution der Zionismus den größten Anhang. Die Ursache hierfür liegt nicht nur in dem Bestreben der Massen, von dem physischen und wirtschaftlichen Drucke, unter dem die Juden in . diesem Lande zu leiden haben, befreit zu werden, sondern mehr noch in der durch das gezwungenermaßen enge Zusammenwohnen stark genährten religiös-mystischen Sehnsucht nach dem Lande der Verheißung, Palästina. Aber schon die ersten Schimmer der Revolution mußten den absoluten, aus dem Lande hinaustendierenden Zionismus abschwächen, und in die von der Revolution erzwungene Duma zogen 12 jüdische Abgeordnete ein, die, obgleich sie sich anderen Parteien — hauptsächlich der Kadettenpartei — anschlossen, dennoch ein streng jüdisches, ein rein jüdischnationales Programm vertraten. ^Besonders fünf der gewesenen jüdischen Dumaabgeordneten bekannten sich offen als Zionisten, und es entstand der erste nationaljüdische Abgeordnetenklub. Diesen nationalen Bestrebungen der Juden Rußlands kam auch die Duma insoferne entgegen, als sie in ihren Beschlüssen und Resolutionen die jüdische Nationalität anerkannte. Die Duma wurde aufgelöst, Pogrome folgten auf Pogrome, und es wäre müßig, jetzt eine Zukunft von Rußland zu prophezeien. Man muß einerseits die Hoffnung hegen, daß auch in Rußland nach vielem Blutvergießen eine gewisse Emanzipation der Juden werde durchgeführt werden, andererseits ist die Befürchtung nicht von der Hand zu weisen, daß ein allgemeiner Bauernaufstand, trotzdem die bäuerlichen Deputierten in der Duma sich für eine gewisse Gleichberechtigung der Juden ausgesprochen hatten, von Judenmetzeleien begleitet sein würde, wie sie selbst in Rußland noch nicht dagewesen find. Aber wenn sogar die sogenannte Emanzipation durchgeführt würde, so müßte auch in Rußland die Geschichte denselben Entwicklungsweg durchmachen, wie in den meisten Staaten: die Juden hätten eine Gleichberechtigung — auf dem Papier, in Wirklichkeit aber müßten die Rechte erst erkämpft werden. Aehnlich stehen die Verhältnisse in Rumänien. In Deutschland haben die Juden nach Erlangung der Emanzipation die Politik der Liberalen unterstützt. Diese Politik hat den Juden Deutschlands nicht viel genützt. Eine lebhaftere, allgemein jüdische Bewegung entstand erst, als den das Land überflutenden jüdischen Auswanderern an der Landesgrenze die größten Schwierigkeiten bereitet wurden. Redner bespricht nun kurz die Lage der Juden in den übrigen Staaten, in denen die Juden verhältnismäßig weitgehende Freiheiten genießen, dafür aber in den meisten dieser Staaten kaum eine größere allgemein jüdische Bewegung bemerkbar sei. Nachdem Herr Dr. Mintz die Lage der Juden in Oesterreich eingehend erörtert hatte, kam er zu folgenden prinzipiellen Schlüssen: Die Kluft zwischen den sogenannten Affimilanten, Nationalisten und Zionisten, beziehungsweise Territorialisten ist nicht unüberbrückbar. Die Zionisten selbst waren gezwungen, eine gewisse Assimilation durchzumachen, um einen Uebergang zu schaffen. Die sogenannten Affimilanten werden durch die Verhältnisse gezwungen, sich allgemein jüdisch zu betätigen, und werden dies auch mit Hingebung tun, wenn die Arbeit eine praktisch durchführbare ist. Die innerpolitische Betätigung der Juden auf nationaler Grundlage kann nicht für die Juden aller Länder generalisiert werden. Einen Beweis hiefür liefert das Verhalten der Zionisten selbst in den verschiedenen Ländern. Während zum Beispiel die Zionisten in Oesterreich heute die nationale innerpolitische Betätigung proklamieren und es jedem Zionisten verboten ist, einer anderen politischen Partei anzugehören, hat die offizielle Vertretung der Zionisten Deutschlands Gewicht darauf gelegt, zu erklären, daß sie keine selbständige nationale Politik treiben wolle und es jedem Zionisten unbenommen bleibe, sich in einer beliebigen politischen Partei innerpolitisch zu betätigen. Selbst in Oesterreich müsse zwischen dem Osten und dem Westen des Reiches ein Unterschied gemacht werden. Während in Galizien und Bukowina die Durchsetzung jüdischnationaler Abgeordneter möglich sei, ist eine nationaljüdische Politik in Westösterreich zumindest zweifelhaft, wenn nicht ausgeschloffen. Ein großer Teil der sogenannten Affimilanten ist derselben Anschauung. Was die Lösung der allgemeinen Probleme, besonders die Befreiung unserer im Osten lebenden Brüder betrifft, sei die Lösung, welche der Zangwiü'sche Territorialismus vorschlägt, sicher eine, welche Aussicht auf Erfolg hat. Der fei auch deshalb