Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr. öUich's Wochenjchrtft. Sette 739 lutn verurteilt. Außer dieser Wahrung des Besitzes an Staatsbürgerrechten gilt es noch, von unserer Religion und Sitte den letzten Judenfleck abzureifien, den uns verlogene Barbarei im Polnaer und Piseker Prozesse anheftete. Unter einer fadenscheinigen Hülle von formalem Zeug blieb der Vorwurf des Ritualmordes bestehen und ein Kampf ohne Müdigkeit und Pardon muß unbedingt gegen diese infamste Lüge der Weltgeschichte gefüh.t werden. Die Gesellschaft und namentlich ihr jüdischer Teil sorgen also für sich selbst, wenn sie die Angelegenheit des Unschuldigen in Pankraz betreiben. Jedem modernen Weltbürger muß es wie ein Alpdruck auf der Brust liegen, daß in unserem Jahrhundert ein Stück finstersten Mittelalters zurückkehreu konnte, daß ein großes Reich dem religiösen Irrwahn der Massen ein Menschenopfer brachte. Man muß es als eine schwere Gefahr für die Volksmoral und das staatserhaltende Ansehen der Gerechtigkeit betrachten, daß ein Unschuldiger durch den Blödsinn und die offenkundigen Lügen unbewußt verirrter und bewußt meineidiger Zeugen dem Galgen uahegebracht wurde. Man muß es als eine brennende Schmach empfinden, daß ein halbes Dutzend dunkler Ehrenmänner das alles fertigbrachte und über das Gesetz, über alle Moral und über viele Hunderttausende pflichtgetreuer Juden mühelos einen vollen Triumph davoutrug. Diesen Leuten den Herrn zu zeigen, gäbe schon allein unter allen angeführten Umständen Grund genug, mit zorniger und unermüdlicher Leidenschaft für das in Hilsner so schwer beleidigte Recht einzutreten und bis zum endgiltigen Erfolg keine Pause eiutreten zu lassen. Ganz gewiß aber wird mancher Schwankende noch fragen, warum denn gerade dieser Fall so stürmisch behandelt werden müsse? Es sei ja sonst auch noch mancher vermeintliche oder wirkliche Justizirrtum vorgekommen, wegen dessen doch nicht gleich die Posaunen geblasen wurden. Justizirrtum wohl, aber kein Meuchelmord der Justiz. Anderswo haben äußerlich einwandfreie Zeugen, deren verschwiegene Beweggründe erst nachträglich bekannt wurden, mit einem Meineid Tatsachen beschworen, welche die Verurteilung sinngemäß herbeiführen niußten. Im Hilsuerprozeß aber beschworen offenkundig bearbeitete Zeugen haufenweise Tatsachen, welche gar nicht möglich waren; Tatsachen, die einander aufhoben, wie aus den amtlichen Akten klar hervorgeht. Nirgendwo als im Hilsmrprozeß terrorisierte das Publikum die Verhandlung, nirgendwo sonst überbot der Privatkläger den Staatsanwalt, konnten Generalproben mit den Zeugen abgehalten werden, sagten die Sachverständigen aus, was sie nicht beweisen konnten, nirgendwo wurde das Blaue vom Himmel heruntergelogen, um einen Menschen unter den Formen einer grausam verhöhnten Gesetzlichkeit töten zu können, wovor ihn nur die Gnade bewahrte. Wie lange wird die Geduld der Anständigen und Gerechten diese schreiende Schmach der österreichischen Rechtspflege ertragen? Und wie lange wird man mit achtloser Härte die Klagerufe und heißen Tränen zur Kenntnis nehmen, mit denen der Unglückselige und seine Mutter sich an unsere Herzen wenden? Er kann die unfaßbare Niedertracht der Menschen noch immer nicht begreifen, die ihn in den Kerker brachte, der arme Schustergeselle kennt nur einen Schrei, einen Gedanken, ein Gebet: Um Befreiung von Schuld und ungerechter Sühne. Seine harte und ungefüge Hand ist unermüdlich im Schreiben verzweifelter Briefe mit immer neuen Einfällen für den Weg der Erlösung und seine arme Mutter, elend, hilflos und schwach wie er, hilft seine großen Schmerzen traaen und verstärkt seine schwache Stimme mit der ihren im Flehen um Rettung. Hier die beiden letzten Briefe gemarterter Menschen aus der Tiefe des Unglücks: Stein*) an der Donau, 16. Oktober 1906. Liebe, theuere Mutter! Ich grisse Dich vielmals, und bin bei meinem alle Leiden und Kummer sehr betriebt ich kränke, mich viel darüber das ich *) Kurz nach Absendung dieses Briefes wurde Hilsner bekanntlich nach Pankraz überstellt, da er von seinen antisemitischen Mithäftmuss Unschuldig mein traueriges Lebenswandl in schweren Kerker verbringen. Ich viele mich sehr Unglücklich, Liebe theuere Mutter, sei so gut und wende Dich an die jüdische Redaktion, und lasse mein Brief in der Zeitung drucken, da jeder wefss von meine Unschuld, ich befinde mich in einer sehr tranerigen Lage, ich bin hier sehr leidend in Stein. Die Luft in Prag ist besser, Liebe theuere Mutter, schreibe sofort an Hern Dr. Bloch er soll vorläufig, die alle Möglichkeiten anwenden, und mit dem Herrn Dr. Mandl davon Rücksprache Hegen, damit ich nach Prag komme und theile Dir mit, wann Du grosse Noth hast, so lasse Dich in Aufrut geben, das du eine Unterstützung bekamst. Ich weine Tag und Nacht. Das wier so Unglücklich geworden sind, muss Unschuldig leiden, für andere Mörder, Liebe theuere Mutter! ich mache Dir aufmerksam ucd wende Dich an Hern Dr. Bloch er soll sich meiner anehmen über mich Erbarmen und Rücksicht nehmen. Ich bete jeden Tag zum lieben Gott das meine U nschuld ams Taglicht kommt für heute schlxesse ich mein schreiben, und verbleibe Dein treuer Unglücklicher Sohn, Leopold Hilsner. K. u. k. Strafanstalt Stein! Gross-Meseritsch, 22. Oktober 1906. Mähren. Euer Hochwohlgeboren! Es freut mich sehr das Sie Gnediger Herr Doktor Sich unser anehmen wollen. Sie kennen sich denken wie schlecht es uns geht, seit der zeit wo uns das grosse Schicksall betroffen hat stehen wir in eine grosse Nothlage, deswegen verwende ich mich an Ihnen meine Lage in der Wochenschrieft aufrufen lassen. Damit Jemant eine Unterstützung an uns denke und über mich antheil nehme. Und den Brief von meinen Sohn bitte auch in Wochenschrift zu geben da jeder weis das er mus Unschuldig leiden, für andre Mörder und sind Sie so freundlich und sehen Sie im nach Prag zur erwürken und sprechen Sie mit den Herrn Doktor Leopolt Mandel da er in Stein sehr leident ist. Bitte Ihnen Fusfellig noch einmal die beiden Briefe sogleich in Wochenschrift geben. Ich danke Ihnen für Ihre Mühe was Sie an uns machen. Somit zeichnet sich in Untertehniekeit Ihre ergebenste Dienerin Achtungsvoll Maria Himmelreich vormals Hilsner Gross-Meseritsch, Mähren Judengasse 7. Nro. So vereinigt sich auch die Menschlichkeit mit allen anderen edlen und guten Gefühlen, um Sturm und Drang zu einem Rettungswerk hrrvorzurufen. W^r unsererseits werden gewiß nicht dabei rasten, dem unschuldigen Märtyrer von Pankraz gegenüber Pflichten des Herzens als Juden und als Publizisten zu erfüllen. Vielleicht werden wir es doch erreichen, daß ein Gewitter die dumpfe Atmosphäre der Hilsneraffäre reinigt. Bis jetzt ist noch lange nicht alles geschehen, um die notwendige elektrische Spannung zu erzwingen. Die wackere Oesterreichisch - Israelitische Union hat die Sache zu ihrer eigenen gemacht und mit außerordentlicher Kraft Erfolge errungen. Sie funktionierte vor allem als Informationsstelle, wo die antisemitischen Fälschungen unermüdlich berichtigt wurden und so eine Grundlage des Rechtsbewußtseins entstand, von der aus der Kampf fortgeführt werden kann. Dieser selbst wurde aber noch nicht mit allen zur Verfügung stehenden Kräften ausgenommen. Das wird allerdings erst möglich sein, wenn die Juden die Beharrlichkeit in dieser wichtigen Frage ihres Daseins erlernt haben werden. Die allgemeine Oeffentlichkeit kann derzeit nur zu einem kleinen Teil gewonnen werden. Das wird erst eine große Aenderung zum Guten erfahren, wenn wir diejenigen Männer im Parlamente haben werden, deren Energie und nationales Bewußtsein die nötige Schärfe haben. Aber auch bis dahin kann der Plan geschaffen und großenteils durchgeführt sein, welcher die planmäßige Gemeinheit der Antisemiten in der Hilsneraffäre in die Schranken verweist. Und wie wir mit Betonung wiederholen, ist eine weitausgreifende Aktion in einer Angelegenheit zwingend nötig, bei der es sich um eine gründliche Genugtuung für die Moral, die Menschlichkeit und das Judentum handelt. Wir Juden verfügen bei gutem Willen über eine Organisation, welche unter berufener Führung (hauptstädtische Einzelkorporation oder Verband von Korporationen) eine lingen keine Ruhe hatte. Dass lbe war aber auch in der anderen Strafanstalt der Fall. Es ist schließlich nichts anderes zu erwarten, als daß die Gefängnisse von Antisemiten überfüllt find.