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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-11-02 · 44 (2.11.1906) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
44 (2.11.1906)
Date
1906-11-02
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 738 Dr. Llocb s MücbettL jtltt Nr 44 Gesetzbüchern der alten und neuen Zeit so herrlich auszeichnet, sie find das Ergebnis des großen Menschheitsgedankens, welcher die Seele der jüdischen Religion bildet. C o r n i l l bemerkt von der biblischen Vorschrift: „Den Ägypter sollst du nicht verabscheuen, denn du bist Gast gewesen in seinem Lande", daß man sie „nicht lesen kann ohne tieffte Bewegung des Herzens." Er fügt hinzu: „Also selbst für eine Gastfreundschaft, wie die in Ägypten genoffeue, welche darin bestand, daß die Ägypter sie peinigten bis aufs Blut, selbst für diese soll der Israelit noch daukbär sein und fich jenem Volke verpflichtet fühlen. Wenn das nicht zum mindesten der Feindesliebe sehr nahe kommt, so müßte ich wahrhaftig kein Deutsch verstehen." Krampfhaft klammert fich die christliche Theologie an die Behauptung, daß die Nächstenliebe der Tora sich nicht auf alle Menschen erstrecke, sondern auf den Volksgenossen beschränke. Aber sie lehrt: „Und wenn dein Bruder verarmt und es wankt seine Hand neben dir, so halte ihn auftecht, er sei ein Fremdling oder Beisaß, daß er lebe bei dir. Du darfst nicht Zins und Ueberschuß von ihm nehmen, und sollst dich fürchten vor deinem Gotte, auf daß dein Bruder neben dir lebe." Mit Recht bemerkt Herrmann Cohen zu dieser Stelle in gesperrter Schrift: „Hier also wird ausdrücklich und wiederholentlich der Fremdlin g-B eisaß als Bruder bezeichnet. Und da soll er nicht einmal Nächster fein?" Wenn die Römer, statt die Selbständigkeit des jüdischen Volkes zu zerstören, sie erhalten und unterstützt hätten, wie Bismarck sich einmal geneigt erklärte, den Sozialdemokraten versuchsweise eiue Provinz in Entreprise zu geben, so würde die Welt keinen Schaden davon gehabt haben. Sie wäre Zeuge gewesen einer Gottesverehrung, die sich keines Bildes und keiner sinnlichen Augenweide als Behelfes bediente, sie hätte gesehen, wie Holzhacker und Kohlenbrenner als Lehrer und Führer des Volkes tonangebende Persönlichkeiten waren und allgemeine Verehrung genoffen, wie Mäßigkeit, Keuschheit und Wohlanständigkeit die Leidenschaften zügelten, wie Eltern und Greise verehrt, die Kinder frühzeitig zu einem arbeitsamen, rechtschaffenen und gottgefälligen Leben angehalten wurden, wie die Hochschätzung des Familienlebens und der Sinn für Häuslichkeit alle Kreise beherrschte, kein Pauper- und Fremdengesetz würde den Heimatlosen, den Zugereisten, den Armen das Leben in diesem Staate e^chwert haben, der vielmehr auf dem Grundsätze beruhte: „Meiches Recht sei bei euch, wie für den Eingeborenen, so für tztn Fremden sei es, denn ich der Ewige bin euer Gott." Wäre Mo die Menschheit sittlich weniger fortgeschritten, als sie es yeute ist, wenn die Römer das Experiment der Erhaltung des jüdischen Staates versucht hätten? Tatsächlich ist auch die unterschiedslose Menschenliebe der Juden im bürgerlichen Leben selbst in der finstersten Zeit des Mittelalters anerkannt worden. Der Kommentator Raschi darf im XI. Jahrhundert behaupten: „Sie (die Christen) wiffen es selbst, daß ihre Armen von den Juden unterstützt werden", und bis auf den heutigen Tag ist die unbeschränkte Wohltätigkeit der Juden, ihre hervorragende Beteiligung an allen gemeinnützigen Angelegenheiten sprichwörtlich, trotz W u n d t, nach dem „der Ruhm der Barmherzigkeit" bei den Juden in den Fesseln des Stammesgesühls gebannt bleibt, „und erst durch das Christentum zu einem Gebote der Menschenliebe wird". Dagegen kann das Christentum trotz seines Anspruchs, zuerst die allgemeine Menschenliebe gelehrt zu haben, die Judenschlachten des Mittelalters, die Pressung der Juden zur Anhörung von Miffionspredigten und die bis in die neueste Zeit reichenden gewaltsamen Judentaufen, um von anderem zu schweigen, nicht von seinen Röckschößen abschütteln. Es kann sich aber auch nicht hinter die Verteidigung verschanzen, daß es für die Verirrungen seiner Bekenner nicht verantwortlich sei, denn dieser Verteidigung steht das Wort seines Begründers entgegen: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen." Auch kann heute kein Zweifel darüber obwalten, daß die Bekehrungsbestrebungen z. B. in Ostasien das Christentum bei den dortigen Völkerschaften nicht gerade in den Ruf einer Religion der Menschenliebe gebracht haben. Auch P a u l s r u freist „die Nächstenliebe des Christentums" und findet es aber vollständig korrekt, die Juden wegen ihres Festhaltens am Zeremonialgesetz der gleichen Rechte als Staatsbürger zu entkleiden. Wer durch solche Dinge sich selber außerhalb stellt, der darf sich nicht beklagen, wenn er draußen bleibt. Da hat I e a n Paul ungleich richtiger geurteilt. Er schreibt an seinen jüdischen Freund Emanuel Osmund: „Wenn einmal die moralische Ergebenheit gegen den Schöpfer durch ein körperliches Zeichen ausbrechen soll, so ist die Wahl des Zeichens, da jedes Körperliche gleich unendlich weit vom Geistigen absteht, gleichgültig, und zwischen Tauswaffer und Beschneidung, und zwischen dem Fasten am christlichen und dem Schmausen am jüdischen Schabbas ist als körperliche Handlung kein Unterschied, außer daß die letzte Zeremonie ein wenig angenehmer ist. Ihre Religion überholt darin unsere, daß sie keine einzige theoretische Unbegreiflichkeit und Kontradiktion wie unsere fordert. Ein Philosoph kann leichter ein Talmudist als ein Orthodox sein." Und kein Geringerer als Alexander von Humboldt bezeichnete die jüdische Religion als „die mit den Forschungen objektiver Wissenschaft am leichtesten zu vereinbarende". (Fortsetzung folgt.) Zwei Kriefe an die Menschlichkeit. In Pankraz, das für Prag dasselbe Sanatorium der Moralität ist wie Stein für Wien, sitzt nun wieder ein Sträfling, der anfängt, der Außenwelt im allgemeinen ziemlich langweilig zu werden. Das ist der ärgste Fluch, der ihn treffen konnte. Denn jeder Augenblick, der myer Interesse abstumpft, vermehrt die Stunden von Hilsners Haft, weil der Wille und die Kraft unserer Hilfe durch die einschläfernde Kraft unaufhörlichen Jammers immer mehr erlahmen. Die Menschheit ist eher auf Seiten des amüsanten Verbrechens, als Partei der langweiligen Gerechtigkeit. Kassandras und der jüdischen Propheten klagende Mahnrufe zogen ihnen Drohungen und Verfolgungen zu; der Verführer Paris und die Priester der sinnlichen Astarte genossen volkstümliche Gunst. Hätten wir hier von Farkas zu erzählen, der mit genialer Einfachheit die Lotterie-Verwaltung um Huuderttausende betrog, oder von einem anderen Helden des Verbrechens, so würde ihr Schicksal gewiß mit behaglicher Aufmerksamkeit verfolgt und besprochen werden. Für Hilsncr aber und seine weinende Unschuld, muß das Interesse der weiten Kreise) ihre Leidenschaftlichkeit und Beharrlichkeit erst erkämpft werden, von denen man zu seinem Unheil so wenig merkt. Ist das edel, ist das gerecht, ist das von einem Menschen, der die Erde als Sitz der Kultur betrachtet, von irgend einem Standpunkt zu rechtfertigen? Das bleiche G< sicht, das aus den Gitterstäben des Pankrazer Kerkers sehnsuchtsvoll nach Welt und Freiheit hinausblickt, gehört einem Urbild der Hilflosigkeit. Wer jemals nach den Geboten seiner Religion, nach den Grundsätzen seiner Moral, nach den Gefühlen seines Herzens die Bruderschaft des Nebenmenschen anerkennt, muß sich gerade mit diesem Verlassenen mit hundert Fäden verknüpft fühlen, muß gerade hier mit größerer Kraft der Liebe zum entschlossenen Beistand gedrängt werden. Dies umsomehr, als nicht nur ein einzelner mißhandelter Manu von der Folter befreit werden muß, sondern auch weil es ein heiliges und unschätzbares Prinzip der Gesellschaft und des Staates, weil es die Gerechtigkeit ist, welche von einer Uebermacht verkommener, verbrecherischer Gesellen gefangen gesetzt wurde und nun der Erlösung harrt. Soviel für die Allgemeinheit. Für die Juden ist die Notwendigkeit des Handelns noch bedeutend höher. Ein gutes Stück Ehre ist uns frech geraubt und im Pankrazer Verließ geborgen worden. Nicht nur um die Ehre des Ansehens handelt es sich bei einem Versuch zu Hilsners Rettung. Nicht nur darum, daß wir es auch aus Notwehr verhindern müssen, daß man einen Inden von seinem Lebensweg ohne Federlesen wegfängt und durch Geschwornenspruch für sein Juden-

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