Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 44 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 44 Dr■ BlOCh’S Jahrgang Xllll Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Judentums. Wien, 2. November 1906. — Lrscbeint jeden Freitag. Brief-Adresse: TSHten, IX/1, Kerggasse 39. Telegramm-Adresse: ÄSloed's Mlocbenscbrttt. Mlien. Inhalt: Leitartikel: — Jüdische Apologetik. — Zwei Briefe an die Menschlichkeit. — Der König der Fälscher. — Korrespondenzen: Oesterreichisch-Jsraelitische Union. Jüdische Kinderhorte. Juden und getaufte Juden. Delegiertenversammlung in Brünn. Zionistische Konferenz. Pogromdrohungen in Kroatien. Verband für Statistik der Juden. Breslau. Die Versammlung der Verbandstierschutzvereine in Nürnberg. Ein jüdischer General. Die Hintermänner der Judenmassakres. Stolypin und die „wahren Russen". Ermunterung zu Massakres. Oskar Straus, Staatssekretär der Vereinigten Staaten. Eine jüdische Encyklopädie. — Vermischtes: Wien. Jüdische Toynbee-Halle. Jüdisch-akademische Lese- und Redehalle. „Bezalel". Ein jüdischer Vegetarier-Verein in Galizien. Das Gabel'sche System in Prag. Verein der jüdischen Hochschüler „Bar-Kochba" in Prag. Nyitra. — Feuilleton: Der importierte Bräutigam. - Literatur. — Briefkasten. — Inserate. ^---« Peiugapcsia für J0e|trrreidi: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Äiir's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. »-* 0-® 'S. kl. Posisparkaffen-Ami (Heartng-IDerftebr Nr. 610.976. Ledslltion und Administration: Wien IXH, JBerggasse Nr. 39. Telefon Nr. 14.847 ©-ft „Iiidische Apologetik. Von Dr. Moritz Güdemann, Oberrabbiner in Wien.") nr. Die nationalen und universalistischen Elemente in der jüdischen Religion behandelt das dritte Kapitel. Größeres ist nie zur Ehre des Menschen gesagt worden und kann überhaupt nicht gesagt werden, als daß Gott ihn in seinem Ebenbilde geschaffen habe. Die Tora hätte ja, wie es die Chronik und die Evangelien tun, mit einem einfachen, genealogischen Verzeichnis sich behelfen können, wenn es ihr nur darauf angekommen wäre, wie die letzteren auf die Erscheinung Jesu abzielen, ihrerseits auf Abraham, als den Stammvater des Volkes Israel auszugehen. Aber eine so große Wichtigkeit demselben auch und mit Recht beigemessen wird, eine so ausführliche Behandlung er und seine Lebensgeschichte in der Tora findet, so schien es doch der Redaktion noch wichtiger, mit dem Anfang anzufangen, der von einer Scheidung in Nationen, Stände und Klassen noch nichts weiß. „Als Adam grub und Eva spann, wer war denn da ein Edelmann?" Mil der Schöpfungsgeschichte des Menschen an der Spitze der Tora ist augenscheinlich die Absicht verbunden, dieselbe dem religiösen Gesichtskreise einzuverleiben, oder vielmehr sie zum Schlüssel, zum Ausgangs- und Endpunkt des religiösen Empfindens zu machen. Ben Asai sagt: „Der Satz der Schöpfungsgeschichte: ,Dies ist das Buch von der Entstehung des Menschen* ist das größte Prinzip in der Tora." Das Schriftgelehrtentum, das doch von partikularistischem Geiste erfüllt sein soll, legt die Schöpfungsgeschichte in universalistischem Sinne aus und gibt dieser Auffassung in dem Satze der Mischna Ausdruck, deßhalb sei der Mensch in einem Exemplare geschaffen worden, damit man wisse, daß wer e i n Menschenleben zugrunde richte, sich gerade so versündige, als ob er eine ganze Welt zugrunde richte. Ebenso kommt die Erhaltung eines Menschenlebens der Erhaltung einer ganzen Welt gleich. Der Mensch — das ist die Menschheit. Die biblische Schöpfungsgeschichte ist jedenfalls nicht bloß das älteste, sondern auch das wirksamste Plaidoyer für die Gleichheit und Brüderlichkeit der Menschen. Daß allerdings das jüdische Volk sich in bewußten Gegensatz zur übrigen Menschheit (wohlverstanden nur in seinen religiösen und ethischen Bestrebungen) stellte, ist aus zahlreichen Stellen der Bibel und der späteren Literatur ersichtlich, war aber auch natürlich, denn nur durch diese, um einen modernen Ausdruck zu gebrauchen, „splendid isolation" konnte es davor bewahrt werden, in dem Völkergeschiebe des Altertums sich zu verlieren und das. was es der Welt zu sagen hatte, preiszugeben, wie es ja mit seinem größeren Teile tatsächlich geschehen ist. Selbstachtung, angemessene Pflege der Eigenart und Zurückhaltung sind Eigenschaften, die den einzelnen Menschen, aber auch ganzen Völkern gut anstehen, ihrer Individualität zur Entwicklung verhelfen und ihnen Festigkeit und Dauer verleihen, während der Eifer, andere zu sich herüberzuziehen, ebenso wie die Neigung, in anderen aufzugehen, verflachend wirkt. Allein schon die an Abraham erteilte Verheißung: „es werden durch dich gesegnet werden alle Familien der Erde", offenbart die universalistischen Endziele des jüdischen Menschheitsgedankens. Demgemäß wird das Leben aller menschlichen Kreatur als heilig und unantastbar hingestellt und das alte Testament ist erfüllt von dem Geiste der Menschenschätzung im weitesten Sinne. „Wer das Blut eines Menschen vergießt, dessen Blut soll wieder vergossen werden, denn im Ebenbilde Gottes hat er den Menschen gemacht" (1. B. M. 6). „Wer einen Menschen schlägt, daß er stirbt, der soll getötet werden" (2. B. M. 21, 12). Dieser menschen- und völkerfreundliche Geist durchweht schon das Gebet Salomos bei der Einweihung des von ihm errichteten Tempels. Mit welcher Schlichtheit und Innigkeit wird hier des Fremden, des Nichtisraeliten gedacht! Wo und wann sonst wäre Aehnliches anderwärts nachzuweisen? Dieselbe, alle Menschen umfassende Andacht, der das Gebet Salomos Worte leiht, kommt aber auch bei den Propheten zum Ausdruck. Und das wichtigste aller Feste, der Sabbath, zeigt er auch nur den leisesten Anflug von Partikularismus? Hatte der Sabbath seine Wohltat nicht auch auf die nichtjüdischen Sklaven und selbst auf die Tiere erstreckt? Richtig bemerkt B o u s s e t: ..Die Heiligung eines Tages in der Woche durch gottesdienstliche Versammlung, das gemeinsame Gebet, das Bekenntnis, die Schriftverlesung, die Predigt, der Segen, wie ist uns das alles vertraut. Wir vergeffen nur zu leicht, wem wir diese Formen gottesdienstlichen Lebens verdanken." Und die Fülle der Mahnungen, des wehrlosen Fremdlings sich anzunehmen, die zahlreichen und wichtigen Gesetze zum Fremdenschutz, durch welche das alte Testament sich vor allen