Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 43 2>i. JSlocD’ö Mocvenscvrm. Seite 7o8 legt werden müssen, um jene bisher mehr verniutete als erwiesene Abhängigkeit von Bibel und Babel wissenschaftlich korrekt zu erweisen, dann ist es klar, daß wir hierdurch einen Teil der Quellen für den Zusammenhang bringen, der in der Terminologie der Orientalistik heute in dem „und" zwischen Bibel und Babel zum Ausdruck kommt. Die zweite Richtung aber, nach welcher der erwähnte Titel der Rechtfertigung bedarf, ist die: Schwer wäre es, mit vollständigster Schärfe zu bestimmen, welche Materialien aus dem Talmud eigentlich zur Aufhebung des erwähnten Zusammenhanges in erster Linie gegeben werden müssen. Es könnte ja leicht sein, daß etwa die Weiterbild ng der biblischen Gesetze im Talmud und ihren wesentlichen Umrissen babylonischem Einflüsse unterworfen gewesen sei. und man könnte dann fordern, daß eine vollständige Sammlung zu der in jenem „und" ausgedrückten Vermutung diese Jurisprudenz des Talmud nicht minder wie etwa die kosmologischen Vorstellungen der Talmndisten enthalten müsse. Um hier jedoch eine ebenso wissenschaftlich wie technisch begründete Abgrenzung zu schaffen, werden wir in der Serie Bibel und Babel uns lediglich auf die Sammlung derjenigen Materialien beschränken, welche im Zentrum der ganzen Abhängigkeitsfrage stehen, nämlich auf die im Talmud gegebenen, erläuterten oder irgendwie berührten kosmologischen Vorstellungen." Nun sind wir über die Absichten und Ansichten des Herrn Hollitscher nicht mehr in Zweifel; er spricht es klipp und klar aus, seine Zusammenstellung aus den talmudischen Schriften soll die Lücke in der bisherigen Bibel- und Babelforschung ergänzen. Wenn mau bisher den Talmud nicht herangezogen hat bei dem Nachweis, „daß der gesamte uns im Alten Testamente erhaltene Komplex religwser und anderer Vorstellungen von babylonischen derselben Art abhänge", so sollen die Llonnrnouta aushelfen, sie sollen Materialien herbeibringen, die es ermöglichen, „jene mehr bisher vermutete als erwiesene Abhängigkeit von Bibel und Babel wissenschaftlich korrekt zu erweisen." Wohlverstanden von Bibel „und" Babel, in dem Sinne, wie dieses „und" „in der Terminologie der Orientalistik heute zum Ausdnick kommt." Das heißt also, daß man ja nicht glaube, Herr Hollitscher stellte wenigstens die Bibel gleichwertig neben Babel, daß beide verglichen würden, das wäre ja noch viel zuviel der Bibel zugestanden; nein das „und" so zu nehmen in dem Sinn, wie Delitzsch diesen Ausdruck verstanden wissen will: Bibel abhängig von Babel. Aus dem Angeführten ersehen wir deutlich; Hollitscher will Delitzsch Handlangerdienste leisten, er will der Welt durch Darbietung seiner „Materialien" die Möglichkeit geben, das wissenschaftlich zu beweisen, was man bisher vermutet hat. Herr Hollitscher steht vollständig auf dem Standpunkte Delitzsch. Nun gut, mag Herr Hollitscher glauben, meinen und beweisen wollen, was er will, es wird ihn niemand darin stören; aber was gehen die Ansichten dieses Herrn die.Welt an? Will Herr Hollitscher seine Ansichten der Welt nicht vorenthalten, so mag er ein Buch schreiben, so dick, wie er will; wie kommt er aber dazu, einem Publikum, das für eine Llonurnsnta-Sammlung interessiert worden ist, das nichts anderes als geschichtliche Dokumente will, für sein gutes Geld ein Werk zu bieten, das mit einer ausgesprochenen Tendenz in die Welt gesetzt wird, welche nur einige wenige interessiert und der nur wenige beistimmen? Dessen hat man sich ja gewrß nicht versehen, als mit dem Prospekt Propaganda für dieses Werk gemacht wurde. Nun aber — und das übersteigt noch die Kühnheit, mit der den Abonnenten diese Llonumsnts vorgelegt werden — die Beweisführung für die Kenntnis der talmudischen Quellen, um die Frage „Babel und Bibel" wissenschaftlich zu lösen. „Der Talmud ist in seinen Lehren nichts anderes denn eine theologische Weiterbildung der in der Bibel gegebenen religiösen Darellungen und Normen." Die moderne assyriologische Wissenschaft hat ,-achzuweisen gesucht, „daß der gesamte uns im Alten Testament erhaltene Komplex religiöser Vorstellungen von babylonischen derselben Art abhänge"; der Talmud aber bietet „Erweiterungen des diblischen Vorstellungskomplexes", und auch in verhältnismäßig jungen talmudischen Ueberlieferungen hat sich altes und ältestes Gut des orientalischen Lehrgebäudes erhalten," ergo liefert der Talmud Materialien für den wissenschaftlichen Beweis der Abhängigkeit der Bibel von Babel. Wenn aber auch aus der Jurisprudenz des Talmud sich der erwähnte Zusammenhang möchte Nachweisen lassen, so habe man sich doch nur auf die Stellen beschränkt, die die kosmologischen Vorstellungen berührten. Dies der Gedankengang der weitspurigen Erklärung des Herrn Dr. Hollitscher. Der Traktat Chugiga war nun ersehen, ins Vordertreffen geführt zu werden. Merken wir kurz an: Der Talmud besteht aus zwei nicht gesonderten Teilen, einem halachischen und einem agadischen. Der halachische bewahrt die alte seit Moses bestehende Tradition, behandelt diese und leitet aus dieser ab, wenn neue Fälle an den Tag treten. Dieser Teil ist der wesentliche, er behandelt die „Lebensführung", das Gesetzliche nach allen Richtungen hin. Die Agada behandelt Denkprobleme; Kosmologie, Philosophie, Kabbala. Mystik fällt in ihren Bereich, wie auch für Volksvorträge verwertete Legenden, Völkersagen, Fabeln usw. Ein Talmudgelehrter kann nur der genannt werden, der sich mit dem wesentlichen und quantitativ größeren Tril des Talmund bekannt gemacht hat, er kann nur zu einer Autorität in gesetzlichen Fragen gelangen; er kann ein rechtsentscheidender Oberrabbiner in Jerusalem werden, wenn er auch vielleicht niemals einen Blick in die Agada des Talmud geworfen hat. Hingegen kann der größte Agadist. hat er sich mit dem halachiicben Teil des Talmud nicht bekannt gemacht, nicht in dem kleinsten Dörfchen der Diaspora als Rabbiner fungieren. Daß nun kein Volk sich dem Einfluß seiner Umgebung ans seine Denkweise entziehen kann, ist klar. Ein höherstehendes Volk wird diesen Einfluß in seinem Denken umwandeln, in eine höhere Sphäre erheben. Nutzanwendung für sich daraus ziehen, aber ohne die Spur des Fremden ganz verwischen zu können, und so weist der agadische Teil des Talmud babylonische Einflüsse aus, aber auch persische, griechische und römische. Einflüsse von Zeitgenossen, wie auch die agadischen Werke des Mittelalters, die in Deutschland entstanden sind, sich dem Einfluß germanischer Anschauungen, und zwar nicht immer zum Vorteil des Judentums, nicht entziehen konnten. Und nun kommt Herr Hollitscher mit der grandiosen Behauptung, die in den Schriften des 8. bis zum 10. Jahrhundert (denn so lange hinab reichen die jüngsten Midraschim) sich zagenden Einflüsse bieten Material für die Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen Bibel „und" Babel; weil der Talmud ja den „biblischen Vorstellungskomplex" erweitert habe, somit muß das „alte Gut des orientalischen (vorsichtiger Ausdruck für babylonisch. Anm. d. Ref.) Lehrgebäudes, das sich in verhältnismäßig jungen talmudischen Ueberliesernngen „erhalten" (d. h. sich durch den Einfluß der zeitgenössischen Umgebung darin findet. Anm. d. Ref.) hat, der Bibel selbst zugrunde liegen. Ja. recht babylonisch, Sprach- und Begriffsverwirrung sondergleichen, und das nennt sich wissenschaftlich. Wo ist denn in der ganzen Bibel auch nur ein Hauch eines kosmologischen Systems zu spüren, daß man behaupten könnte, die in spätern Schriften niedergelegten kosmologischen Anschauungen geben Anhaltspunkte für den Einfluß Babels aus die Bibel? Aber halt! Herr Hollitscher ist traditionsgläubig, und zwar in einem Maße, wie man keinen zweiten findet. Der Talmud erweitert ja nur den „biblischen Vorstellungskodex", alles ist ihm im Talmud Tradition, auch Babel ist Tradition, auch Romnlus ist Tradition. Ein Kronzeuge für die Wahrheit der Tradition entpuppt sich in Herrn Hollitscher, oder sollte diese nur für den agadischen Teil des Talmund Geltung in feinen Augen haben? Nein, nein, lassen wir das, es ist gar zu traurig, zu sehen, wie ein Werk, das ein Standardwerk sein tönnte, von vornherein schon so elendiglich in die Welt gesetzt und alle Zukunft ihm abgeschnitten wird. Noch mehr ist aber eures zu bedauern. Ich kenne nicht alle Mitarbeiter, die das Verzeichnis aufzählt, aber ich sehe s > manchen darunter, der von seinem guten Ruf zu verlieren hat, es tut mir leid, daß diese Herren ihn so mutwillig aufs Spiel setzen. Oder sollten sie bei der Aufforderung zur Mitarbeit nicht geahnt haben, in welchen Weg diele Monumente geleitet werden sollten? Haben wir nun auch viel, bezw. alles, an diesem Werke anszusetzen gehabt, so wollen wir doch mit dem nicht zurückhalten, was an ihm zu loben ist: das Papier ist vorzüglich, schade um das schöne Papier. (Aus dem „Israelit".) Einem Schreiben des Herrn Dr. A l t s ch ü l e r entnehmen wir: „Tie Sätze in der Vorrede, die Herr Prof. Dr. Sulzbach beanständet, stammen nicht von mir und sind meiner Meinung nach nur auf die Mißverständnisse des Schreibers zurückzuführen." Er erwähnt ferner, daß bei dem Umfange des Werkes und mit einer Redaktion, bei der von Sachverständnis und von einem Ueberblicke über das Ganze nicht die Rede fein kann, ich allein nicht imstande sein werde, alle dadurch hervorgerufenen Mängel zu überwinden. Ich habe es leider zu sehr gespürt, so daß ich gezwungen bin, mit dieser Redaktion an diesem meinen Werke nicht weiter zu arbeiten, vielmehr selbständig mit einigen befteundeten Fachgelehrten meine Nonurnenla anderswo erscheinen zu lassen." Soweit Herr Dr. A l t s ch ü l e r. Im übrigen erfahren wir. daß der Hauptmacher beim „Akademischen Verlag" ein sicherer Doktor H o l l i t s ch e r ist, ein Täufling besonderer Sorte, ein ehemaliger Redakteur des Wiener „Jüdischen Volksblattes". Sapienti aat! Nene Bücher. Rabbiner Dr. Michael Gnttmann. 61 a v i s Talmndi. Sive Eneyclopaedia rerum, quae in utroque Talmude, Tosifta. Mechilta, Sifra, Sifre Talmudicisque libris occummt, alphabetico ordine disposita. Tomus Primus. Snmptibus auctoris. Csongrad 1906. KriefkaKerr. E Presser in Z. Der 12. November 1893 war Sonntag, der 3. Cheschwan 5654. G S. Zehn jüdische Offiziere sind dieser Tage in der französischen Armee befördert worden, und zwar die Eskadronschefs Bernhard zum Oberstleutnant und Lipmann zum Stabsmajor, die Kapitäne Leon und Eosman zu Bate.illonschefs und die Leutnants See, Weil, Schneider, Balenn und Qualid zu Kapitänen. Ferner ist Leutnant Danery zuui Ordonnanzoffizier der Generalkommandantur Lyon ernannt. Dr. S. Das dänische statistische Amt hat ein Tabellenwerk über die Bevölkerung Dänemarks im lv. Jahrhundert herausgegeben,