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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-10-26 · 43 (26.10.1906) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
43 (26.10.1906)
Date
1906-10-26
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 732 Doch am folgenden Morgen kehrte er auf seinen Beobachtungspostcn zurück. Die Fenster schienen ihn anzublicken, wie die Augen der Bösen. Kaum war Asriel einige Minuten gestanden, als Schaya und sein Komplize die Straße hinaufgingen. Nun verfolgte er die Beiden durch die Hauptstraßen, durch die Bowery zum Lafayetteplatz, wo Beide in der massiven Tür eines imponierenden Gebäudes, das weder ein Wohnnoch ein Geschäftshaus war, verschwanden. „Ist das eine Kirche?" frug Asriel einen Passanten. „Nein, das ist eine Bibliothek, die Astor-Bibliothek," gab der Fremde Bescheid. „Ach, da sind die Bücher der Gojim," sagte sich Asriel halb triumphierend, halb enttäuscht. Das ungewöhnliche der ganzen Situation verstärkte Asriels Gefühl, daß hier Böses vorgehe, und er nahm rasch einen Platz ein, wo er gut beobachten konnte, ohne selbst gesehen zu werden. Er wartete, bis die jungen Leute herauskommcn würden. Was er gewinnen werde, wenn er sie ins jüdische Viertel zurück verfolgen werde, das wußte Asriel nicht, aber er wartete, denn „der Böse" ließ ihn nicht von der Stelle weichen. Eine Stunde verging. Asriel war hungerig geworden, doch er harrte auf seinem Posten aus. Er hatte keinen Lunch genommen und konnte kaum mehr stehen. Viele Minuten verstrichen und noch immer wartete Asriel. Endlich kamen sie. „Hier sind sie, diese konvertierten Juden! Und wie lustig sie sind. Das Böse schaut ihnen aus den Augen heraus. Diesen Bettlerlehrer möchte ich einsperren lassen!" Er folgte ihnen über viele Straßen, bis sie, o Entsetzen — bis sie in eine christliche Restauration eintraten!! Ein Krampf packte Asriel. Er hatte das Gefühl, als ob die Verkörperung vieljähriger Arbeit, das Objekt seiner größten Sorgfalt und Mühe zusammenstürzt, als ob ein Tempel im Augenblicke seiner Einweihung in Flammen aufgehen würde. Der Wunderknabe, sein Wunderknabe, sein Kaddisch, sein Ruhm aus dieser und der zukünftigen Welt war plötzlich von der Sünde ergriffen'worden. Er wollte ihnen nachstürmen und konnte nicht. Dann wartete er, bis das trefe Essen ihnen serviert wurde. Im selben Augenblicke trat er kühl und gesammelt, wie jeder andere Gast, in den Speisesaal ein. Die beiden jungen Leute hatten jeder ein Kalbsschnitzel vor sich stehen. Der Hochschüler speiste mit dem Appetit eines nonchalanten Stammgastes, während der arme Schaya wirklich darnach aussah, wie einer, der zum ersten Male im Leben unkoscheres Essen genießt. Der Geruch allein verursachte ihm Schwindel und das Schnitzel ekelte ihn an, denn er war an besseres Fleisch gewöhnt und das Bewußtsein, trefe zu essen, reizte ihn zum Erbrechen. Asriel setzte sich an denselben Tisch. „Guten Tag, Schaya," sagte er. Die beiden jungen Leute blieben wie versteinert sitzen. „Wie schmeckt das Schweinefleisch?" frug Asriel. „Es ist kein Schweinefleisch, es ist ein Kalbsschnitzel," sagte der Lehrer, als -er sich ein wenig gefaßt hatte. „Zu Ihnen spreche ich nicht," zischte Asriel. In seinen Herzen war er tot. Doch der Kellner kam auf ihn zu und frug, was er zu speisen wünsche. „Nichts," erwiderte Asriel und erhob sich von seinem Sitz, um rasch das Lokal zu verlassen, als ob er das Aergste gesehen hätte, was er hätte sehen können. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Der Talmud als „Zeuge" für das „Bibeluud Babel"-Märchen*). Von Prof. Dr. A. S u l z b a ch in Frankfurt a. M. Der ersten Lieferung der Monumenta Judaica, welche mit den aramäischen Schriftwerken beginnt, ist nun die zweite Lieferung gefolgt, welche die Reihe der talmudischen Schriftwerke eröffnet. *) Monumenta Judaica. Altera pars. Monumenta Talmudica. Erste Serie: Bibel und Babel. 1 Bd., 1. Heft. Herausg. von Aug. Nr. 43 Wir wollen auch hier gleich bemerken, daß wir bei unserer„ Ansicht über die Transkribierung des Textes, wie wir sie bei der Besprechung der ersten Lieferung der Monumenta (Israelit, d. I. Nr. 26) geäußert haben, auch im Hinblick auf die vorliegende Lieferung, wo es sich um den talmudischen Text handelt, beharren müssen. Wir können trotz aller Gründe, welche der Leiter der Arbeiten, Dr. Hollitscher, für den Vorteil der Transkribierung beibringt, nicht anders, als dieses Verfahren für einen schweren Fehler zu erklären. Allein, nachdem wir jetzt sehen, wohin es geht, müssen wir sagen, daß das soeben Gerügte noch das geringste, daß dieses nicht in Betracht kommt gegen den großen Fehler: die Herausgabe der „Monumenta“. Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn die Monumenta, wie es in den einleitenden Worten dargelegt ist, nicht den fortlaufenden Text des Talmud bringen, sondern ihn nach Materien geordnet in die Oeffentlichkeit treten lassen; es wird dann nur die Sorge der Herausgeber sein müssen, daß nicht das geringste weggelassen werde, was in die betreffende Materie bineingehört: eine schwere Aufgabe, denn es ist nicht alles, was unter eine Rubrik gebracht werden muß, so leicht aus dem weitschichtigen Talmud herausfinden, wenn auch nutzbringende Vorarbeiten für eine derartige Behandlung vorhanden sind. Ist diese Zusammenstellung gewissenhaft besorgt, so daß dem L-ser das ungetrübte Bild von den Anschauungen der damaligen Zeit über bestimmte Fragen vermittelt ist, so hat der Bearbeiter das Seinige getan, will er zur Vervollständigung und für die klare Auffaffung des Lesers in einem Anhänge noch zur textkritischen Vergleichung andere Lesarten anführen oder für schwierige Stellen Erläuterungen hinzufügen, so ist das recht verdienstlich; aber „Monumenta“, wie wir dieses Wort zu verstehen gewöhnt sind, dürfen keine andere Tendenz haben, alL die Schriftdenkmäler einer früheren Zeit der Gegenwart zugänglich zu machen, sie aus der Verborgenheit ans Licht zu bringen oder ihnen in dem engen Kreise, in den sie bisher gebannt waren, den Weg in weitere Kreise zu öffnen. Diese wissenschaftlich zu ve'wenden, ist einzig und allein Sache des Lesers, nicht Sache des Herausgebers. Sie in den Dienst einer andern Tendenz zu stellen, sie für oder gegen eine Zeitfrage verwerten zu wollen, entrückt sie ihrem vornehmen Standpunkt wissenschaftlicher Unparteilichkeit, macht ihre Zusammenstellung verdächtig und entzieht den Veranstaltern solcher Sammlungen das Recht, sie als „Monumenta“ in die wissenschaftliche Welt einzuführen. — Ist dies aber vielleicht nur ein Streit um Worte? Nicht doch! Das Wort „Monumenta“ hat eine werbende Kraft, erweckt Interesse, lockt Käufer und vielleicht auch Mitarbeiter, Tendenzfchriften hingegen dürfen nicht auf die Mitwirkung und das Entgegenkommen aller Kreise rechnen. Und was sehen wir nun, nachdem das erste Heft der Monumenta Aramaica dem Unternehmen den Weg in einen größeren Leserkreis gebahnt hat? Das folgende Heft, das erste der Monumenta Talmudica, wird der erstaunten Welt mit dem Untertitel: „Bibel und Babel", überreicht. Hier liegt ja die Tendenz glatt auf der Hand, ob sie ans Für oder Gegen hinzielt, ist zuvörderst einerlei; aber es kommt noch etwas anderes hinzu. Man muß sich ja unwillkürlich fragen: Was in aller Welt hat denn der Talmud mit der in jüngster Zeit aufgeworfenen und daraufhin vielerörterten Frage: „Bibel und Babel" zu tun? Darauf gibt uns nun der Leiter des Ganzen, Dr. Höllischer, eine Auskunft, die einmal die wahre Tendenz in einer Weise enthüllt, die uns zeigt, wie man einer solchen zuliebe vor dem Mißbrauch alter Dokumente nicht zurückscheut und andererseits eine „Wissenschaftlichkeit" an den Tag legt, über die man lachen könnte, wenn es nicht gar zu traurig wäre, Männer an der Arbeit eines großen Werkes zu sehen, die von der Wissenschaft, die für eine solche Arbeit nötig ist, auch nicht einen Hauch verspürt haben; denn daß absichtliche Täuschungen und Verdrehungen hier ihr Wesen getrieben haben, will ich zur Ehre dieser Männer nicht annehmen; ich akzeptiere für sie den mildernden Umstand ntta ijn1 8*?' wenn dieses nicht angängig wäre, müßte ich das Werk mit ganz andern Händen anfassen. — Hören wir nun Herrn Dr. Hollitscher! „Wir benennen die erste Serie der Monumenta Talmudica, also die erste Materialien-Sammlung aus dem Talmud, mit dem '.'-amen „Bibel und Babel". Die Rechtfertigung für diesen Titel ist nach zwei Richtungen hin zu suchen: Es ist für jeden, der das orientalische Wiffensgebiet nur irgendwie beherrscht, ganz klar, daß wir in der genannten ersten Serie weder direkt über die Bibel, noch direkt über das Thema Babel abhandeln werden. Vielmehr verhält sich die Sache folgendermaßen: Der Talmud ist in seinem Wesen nichts anderes denn eine theologische Weiterbildung der in der Bibel gegebenen religiösen Vorstellungen und Normen. Die moderne assyriologische Wissenschaft hat nun in einer Reihe von epomachenden Forschungen nachzuweisen versucht, daß der gesamte uns im alten Testamente erhaltene Komplex religiöser und anderer Vorstellungen von babylonischen derselben Art abhänge. Bei diesem Versuche aber wurden jene Materialien, welche in dieser ganzen Frage vor allem in Betracht kommen, nämlich die im Talmud vorliegenden Erweiterungen des biblischen Vorstellungskomplexes, viel zu wenig gewürdigt, obgleich man heute allerorten weiß, daß auch in verhältnismäßig jungen talmudischen Ueberlieferungen altes und ältestes Gut des orientalischen Lehrgebäudes sich erhalten hat. Wenn wir nun in der ersten Serie unserer Talmudausgabe die Materialien bringen, welche zugrunde ge- Wünsche, Wilh. Neumann, Moritz Altschüler. Wien und Leipzig. Akadem. Verl. - Dr. Dlocv s Mocvenscvnn.

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