Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 43 Dr. Blocb s MocvenscvrlN. Sette 725 konnte Dreyfus Major, Picquart Minister und Frankreich nach der Dreyfus-Affäre wieder der führende Staat der Zivilisation werden. Die Regierungen fanden emsach nicht den Mut, sondern die Pflicht des Ehrenmannes, nicht einmal den Schein der Ungerechtigkeit bestehen zu lassen und sie ließen die dunkle Affäre von berufenen Richtern untersuchen, bis sie endgiltig geklärt war. Das Geschrei des Pöbels hinderte sie nicht im Mindesten daran. Und was geschah? Vor sechs Jahren war die „Strömung" herrschend, siegend, triumphierend — heute umjubelt man den „Dreyfusard" Clemenceau. Weil eben das Volk Sinn für Gesetzlichkeit und Gerechtigkeit hat und sich gerne von den Behörden mehr und Besseres sagtn läßt, als von den antisemitischen Schreiern, welche heute ohnmächtig toben. Dabei hat man Außerordentliches gegen den Antisemitismus gar nicht unternommen. Man begnügte sich nur damit, seinen ärgsten Gewaltakten einen Damm entgegenzusetzen. Das zeigt, daß der Antisemitismus, diese ziel- und zwecklose, nur von Barbarei erhaltene Partei, gegen den leisesten Willen einer Regierung gar nicht möglich ist. Daß es genügt, die ärgste Betäubung des Volkes zu verhindern. Picquart, der „Judenknecht"' auf dem Ministerfauteuil, ist eine Antwort auf die Antwort der herrschenden Strömung. Oesterreichische und andere Regierungen sehen klar einen Weg, wenn es ihnen um eine gerechte Behandlung aller Staatsbürger zu tun ist. Ihre Programme sind ein Versprechen, das die Manneswürde einzuhalten gebietet, die Gesetze aber haben sie vor Gott und den Menschen beschworen. Hoffentlich hat die Politik keine Sonderehre und Soudermoral. Dann darf der unschuldige Hilsner hoffen. * I. Uprim ny. Dom Jahrmarkt des Lebens. Fritz Reuter über die jüdischen Renegaten. Ein deutscher Dichter, der mehr als alle andern in die Tiefe der Volksseele, auch der jüdischen zu schauen vermochte, Fritz Reuter, hat bei aller Freundlichkeit gegenüber dem echten ehrlichen Judentum für das falsche Freidenkertum, alia3 Protzen- und Strebertum, nur beißenden, in der Form freilich immer gutmütigen Spott. Derselbe Dichter, der in den jüdischen Kreisen so vorurteilslos verkehrte, der dem echten Mecklenburger Juden in seinem Moses in der „Stromtid" ein so ehrenvolles Denkmal gesetzt hat, singt ein ganz anderes Lied, wenn er an die aufgeklärtseinwollenden Juden und Jüdinnen denken muß: „Un äwer sine Sähns un Döchter Brak ohk de Billung plötzlich rin, As Wenns mit ein Nürnberger Trechter Ehr in den Dätz würd trichtert sin. An Schabbes un an lange Nacht Dor würd nu länger nich an dacht, Dee Standpunkt, dee was äwerwunnen. De Daomen güngen in den Tee Un lagen op den Kanapee Un läsen in de Schabbesstunden Den „göttlich schenen ew'gen Juden Vost'n göttlich schenen Euscheen Szüh" .... De jüngst nu äwerst, Benjamin, Das was de Upverklärtst von allen: De Schinken von drei fette Swin Un Mettwurst, Speck un suren Aal, Kort, Wat en annern Minschenmagen Nich minschenmäglich tau vertragen, Dat srat hei allens in fick daol. Sin Minung was, de Upferverklärung Sät in die Swinfleischspeckverterung, Un hatt ein seggt tau Benjaminen, Dat de Upferverklärung in den Mauscherstamm Bon Geld un noch wat anners kam, Taum Bispeel von de Schaapsrofinen, Hei hadd mit Hand un Faut fick wehrt, Hei wir von S w i n f l e i s ch upserklärt." Es ist ein wahres Glück für unsere Asfimilationsjuden, fügt Dr. H. Löwe hinzu, daß sie kein Plattdeutsch je in ihrer Heimat gehört haben, sonst würden sie sich gar nicht genug bei dem wahren Bilde schämen können, das „uns Fritzing" von ihnen entwirft. Interessante Funde aus der Urgeschichte Chaldäas. (Die alte Stadt Nippur. — Eine Ansiedlung vor sechstausend Jahren- — Eine Tempelanlage. — König Saraon von Akkad. — Bilder aus der Geschichte Nippnrs.) Die in Babylonien unternommenen Ausgrabungen haben bekanntlich am weitesten in die Urzeit menschlicher Kultur hineingeführt und wertvollste Ausschlüsse über die Kindheitsphasen der Weltgesch'chte geboten. Nachdem die Funde de Sarczes in Telloh den Louvre mit Schätzen primitiver Kunst bereichert hatten, nahmen die Amerikaner die systematische Erforschung Chaldäas in Angriff und gruben zwölf Jahre lang, von 1888 bis 1900, im südlichen Teile des Landes. Die Expedition, die von der Universität von Pennsylvanien ausging, stand unter der Leitung des bedeutenden Archäologen und Architekten Klement S. Fisher und konzentrierte sich besonders auf ausgedehnte Grabungen in den großen Trümmerstätten von Nuffar, der Stätte der alten Stadt Nippur. Die wiffenschaftliche Verarbeitung dieser wichtigen Funde ist nach den vorläufigen Mitteilungen, die Peters und Hilprecht gegeben hatten, erst jetzt zum Abschluß gelangt und wird nun in offiziellen Berichten bekannt gegeben. Die Ausgrabungen find mit großer Sorgfalt bis in eine Tiefe hinabgeführt worden, die keine Spuren menschlicher Tätigkeit mehr verriet, und so find im Verlaus dieser stets tiefer hinabsteigenden Untersuchungen nicht weniger als sieben aufeinanderfolgende Besiedlungen des Ortes sestgestellt worden, deren Anlagen aus einem von der Prähistorie bis in das erste Jabrhundert nach Christo reichenden Zeiträume herstammen. Ueber die Anfänge chaldäischer Kultur und die geschichtliche Entwicklung des babylonischen Reiches wird dadurch neues Licht verbreitet. Die früheste Ansiedlung an der Stätte der Ausgrabungen scheint ein Dorf oder eine kleine Stadt gewesen zu sein, die rund um ein primitives Heiligtum des Stammesgottes Mullil oder Bel erbaut war. Der Tempel bestand aus wenig mehr als aus einer geweihten Einfriedung mit einem Altar in der Mitte. Hier wurden zwei große, mit der Hand gefertigte Tonvasen aufgefunden, die mit einem Flechtmuster dekoriert waren; doch zeigte sich keine Spur schriftlicher Aufzeichnungen oder eigentlichen künstlerischen Schmuckes. Die Bauart mit ungesormten Tonziegeln wies einen sehr primitiven Charakter auf und ließ darauf schließen, daß diese ersten Ansiedler mit dem Ziegelbau noch nicht lange vertraut waren, sondern früher hauptsächlich roh behauene Steine verwendet hatten. Alle Spuren von menschlichen Wohnungen waren verschwunden, da sie wahrscheinlich aus Holz oder Zweigen und Ton bestanden hatten und verbrannt waren. Die Datierung dieser ersten Schicht ist nicht möglich, aber die Ansiedlung entstand sicherlich lange vor dem Jahre 4000 v. Chr., dem die darüberliegende zweite Schicht zum mindesten angehört. Die zweite Niederlassung, eine schon ansehnliche Stadt, war von einer rohen Mauer umgeben, und eine der intereffantesten Entdeckungen ist das große Stadttor, das freigelegt worden ist. Es ist eine breite mächtige Pforte, auf jeder Seite von Türmen flankiert, und hat zu beiden Seiten erhöhte gepflasterte Wege für die Fußgänger. Es erinnert merkwürdig an die Tore orientalischer Städte, wie sie noch heute Vorkommen. Hier wurden außer anderen Gegenständen zahlreiche Steinvasen entdeckt, die sehr archaische Inschriften eines Königs von Sumir oder Shinar, namens Lugal-Zaggifi, trugen, eines Zeit genoffen augenscheinlich jener frühesten Herrscher, deren Denkmäler in Telloh gefunden wurden und die noch dem V. Jahrtausend v. Chr. angehören.