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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-10-26 · 43 (26.10.1906) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
43 (26.10.1906)
Date
1906-10-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 724 Dr. Bloch's Wochrnschrifl. Nr. 48 hinaufgejagt hat, ist ein so auserlesenes Pech, daß es den Betroffenen zur Raserei treiben muß. Was wäre Picquart ohne den Prozeß Dreyfus geworden? Eine herzlich unbekannte Größe auf den ersten Seiten des französischen Armeeschemalismus, Kommandant der Sperrforts am Rhein-Rhonekanal vielleicht oder fünftes Rad am Wagen"des Generalissimus Brugöre. Aber er fand Gelegenheit, in einen von jenen Kämpfen zu treten, von denen Rostand sagt, daß sie wie Mühlenflügel „zum Staub uns schleudern — oder zu den Sternen". Man muß unwillkürlich an die berühmte Zeichnung Dürers denken, „Ritter, Tod und Teufel" mit dem verächtlich kalten Ausdruck stählernen Mutes im Gesicht des Reiters, wenn man die Geschichte des kulturhistorischen Picquart betrachtet, der in den Anfangsstadien des Prozesses Dreyfus geboren wurde. Von den Helden in dem wahrhaft trojanischen Kampf um Gerechtigkeit und Menschlichkeit war er vielleicht der größte. Scheurer-Kestner und Clemenceau waren die streitgewvhnten, gewandten Politiker, Lazare hatte die Wut des durch sein Judentum Mitbeteiligten, Zola die Pflicht des Heroldes künstlerischer Ideale. Sie alle waren unabhängig, durch Rang und Stand über die Brandung des Plebejerhasses innerlich herausgehoben und hatten die Erziehung freier, moderner Weltbürger. Der General mit dem Kartennamen und dem fabelhaften Spielerglück war aber zwischen den knöchernen Barrieren militärischer Disziplin ausgewachsen, er mußte gegen seine eigenen Vorgesetzten auftreten und seine Stellung und Laufbahn waren beim ersten Schritt für Dreyfus unwiederbringlich dahin. Trotzdem tat er den Schritt, sprach mit Hutten: „ich hab's gewagt". Und seine einfache Größe wurde noch bewundernswerter, als man erfuhr, er hätte den jüdischen Hauptmann gehaßt. Wie er aber erkennen mußte, daß die Fälschung eine Fälschung war, schwanden alle Gefühle, die des Oberstlieutnauts Picquarts Menschenehre und Soldatenehre auf dem richtigen Wege hätten aufhalteu können. Er bezwang sich selbst und warf sich um der Wahrheit willen dem aufheulenden Pöbel entgegen. Man erinnert sich noch lebhaft dieser einen von den Märtyrerzeiten, welche die Menschheit jeweilig dem Idealismus und den Idealisten zu bereiten liebt. Auch Picquart bezahlte es schwer, gegen die gesamte Generalität und das ganze Volk aufgetreten zu sein. 1898 warf man ihn als Uutersuchungsgefangenen fast auf ein ganzes Jahr ins Militärgefängnis auf dem Mont Valerien und er konnte sich beim Schicksal bedanken, daß er während des Jrrsinnsanfalls der Themis nur von der öffentlichen Meinung degradiert und. verbannt wurde und nicht von den Behörden. Mühselig fristete er ein bescheidenes Llben, während die schuftigen Söldner des Feudalismus und Klerikalismus wie Götzen angebetet und geschmückt wurden. Die Wahrheit war wirklich am Marsch, wie Zola als ein Donnerprophet gesagt hatte. Sie kam wie gewöhnlich mit quälender Langsamkeit, aber unaufhaltsam und sicher. Ihr Lichtstrahl war tötlich für die Kommandanten der französischen Armee und Subalternen der Jesuiten und Orleanisten, für die Boisdeffre und Mercier und belebend für den armen Kapitän und seine Freunde. Die Antisemiten sind ja überall eine Partei der Dummköpfe, die nur durch großes Geschrei im ersten Momente siegen. Als man des Lärmens überdrüssig geworden war, sah man sich die Tatsachen an und erkannte den plumpen Betrug. So gab man denn Dreyfus durch Vermittlung der größten und reifsten Richter des Landes seine gestohlene Ehre zurück und nun hat gar Clemenceau, der altbcrühmte Duellant, mit herausfordernder Kühnheit für eine olympische Heiterkeit in ganz Europa gesorgt, indem er den von den nationalistischen Generalen bestgehaßten Mann, ihren ehemaligen Untergebenen und jüngsten im Range zu ihrem ersten Vorgesetzten mit fast unbegrenzten Vollmachten ernannte. Was uns Juden, die wir dankbare Verehrer gerechter Männer sind — wir haben keine Freunde, sondern nur unparteiische Verteidiger unseres blanken Rechtes *— außer der Tatsache der Ernennung Picquarts interessiert, ist die Erklärung der Möglichkeit von dieser kolossalen Wendung. Es ist gewiß nicht mehr als sechs Jahre her, daß a ba8 Dreyfus! der populärste Ruf in Frankreich war und daß aller Haß und die Verachtung, deren die Volksseele mächtig ist, sich auf den jüdischen Kapitän, die Juden und alles, was mit der Affäre zusammenhing, elementar entluden. Und nun dieser Gegensatz! Der erste .r elb der Tragödie ist Artilleriedirektor, bekam Orden und Avancement und einer seiner wenigen überlebenden Freunde bekam guterdings die höhere Würde, die seiner Carriere jemals bevorstehen konnte, ohne daß man von einem besonderen Widerstande etwas hört. Das Rezept dieses Verfahrens wäre für uns von höchster Wichtigkeit. Wir sahen ja auch bei uns vor nicht langer Zeit einen heulenden Antisemitismus entstehen, der sich gegen die jüdische Allgemeinheit wandte, ihr jeden möglichen und unmöglichen Schaden zufügte und einzelne Juden als Vertreter ihres ganzen Stammes auf die Anklagebank setzte, die er dann nach dem Muster Dreyfus wie Rädelsführer gleichartiger Genossen behandelte. Der kritische Punkt dieser Frage wird in der typischen Antwort gefunden, welche die jüdischen Delegierten von den staatlichen Behörden und Korporationen bekommen, wenn sie sich wieder einmal über eine antisemitische Verletzung der Gesetze beschweren kommen. „Ja," lautet das Echo solcher Beschwerden in österreichischen Amtsstuben, „da läßt sich nichts machen. Sie wissen doch, bei der herrschenden Strömung —." Die „herrschende Strömung" herrscht bei uns also nicht nur im Volk, sondern auch nach dem eigenen Armutszeugnis über die Behörden, welche als Hüter der Gesetze bestellt sind. Zwar herrscht auch eine Strömung gegen das Steuerzahlen. Äber niemand wird es wagen, schuldige fünf Kreuzer zu verweigern, weil er die Unerbittlichkeit des Staates kennt. Wieviel Rekruten lieben die Kaserne mehr als ein Gefängnis? Wollte aber einer gegen die Stellung reden, so verließe er die Strafanstalt nicht vor dem jüngsten Tag. Aber gegen die Juden — ja Bauer, das ist etwas anderes! Da darf eben gesprochen und geschrieben werden, als seien die Gesetze nicht vorhanden. Bestünde aber die gleiche Energie und Willfährigkeit zur Volkserziehung im Judenpunkt, wie bei allen anderen gesetzlichen Vorschriften, dann wäre die Ordnung bald wiederhergestellt. Herrscht denn wirklich eine judenfeindliche Strömung? Keine Spur, die Lüge herrscht. Vcr ein paar Jahren waren doch die Verhältnisse nicht anders, aber beim schlechtesten Willen konnte niemand finden, daß ihn der Jude umzingle oder aussauge, wie es ihm später Lueger und Schönerer einredeten. Da kam Taaffes Wut auf die Juden und seine Praxis, den demagogischen Volksrednern das Maul nicht zu verbinden, wenn sie antisemitische Phrasen droschen. Diese Praxis ist zur erblichen Belastung der österreichischen Regierungen geworden. Wenn eine von ihnen wirklich gerecht sein will gegen Staatsbürger, die ihre großen Pflichten peinlich erfüllen, so braucht sie nur den falschen Standpunkt der Duldung zu verlassen. Ein paar abschreckende Maßnahmen für die ärgsten Schreier und die frechsten Blätter und die Strömung hat aufgehört. Denn das Volk ist im Grunde für staatliche Ordnung und Gerechtigkeit, wenn es maßgebende Beispiele vor sich sieht und nicht künstlich verhetzt wird. Ein Widerstand ist nicht gegen die Bevölkerung, sondern nur gegen einzelne Schreier, meist minderwertige Subjekte, zu leisten. Allerdings — wenn man ihnen die Zügel schießen läßt, dann entsteht jene künstliche, ungesetzliche und freche Strömung, welche österreichische Behörden als ihren Herrn anerkennen. In Frankreich ist man eifersüchtig auf die Ehre, daß nicht eine Strömung, sondern die Gesetze herrschen. So

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