Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-10-26 · 43 (26.10.1906) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
43 (26.10.1906)
Date
1906-10-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021656-3021700--15837-3040625
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 48 Dr. JBiocbvs Mocdenscvrin. Seite 723 Als Ergebnis dieser Untersuchung resümiert das Kapitel: Gott hat dem jüdischen Volke, wie keinem anderen, die einzigartige, nie in ihm untergegangene, religionsbildende Kraft eingeflößt, deren Beurkundung die schriftliche und im Wege der Ueberlieferung die mündliche Lehre bildet. Nur aus beiden zusammengenommen, aus der Tora und dem Talmud, kann man eine richtige Vorstellung von der religionsbildenden Kraft des jüdischen Volkes und dem Wesen des Judentums gewinnen. * * * Eine kleine kritische Bemerkung möchten wir nicht unterdrücken! Den Entstehungsgründen und letzten Ursachen nachzuspüven, die zu dem Dualismus der beiden Toras, der schriftlichen Lehre und mündlichen Tradition, geführt haben, lag nicht in dem Bereich der Aufgabe, welche die Darstellung sich zum Ziele gesetzt; ebenso wenig die Zeichnung jener geschichtlichen Vorgänge, welche schließlich die Umwandlung auch der mündlichen Tora in eine schriftliche — die Niederschrift der Tradition notwendig gemacht. Allein jener Dualismus hatte auch seine Begleiterscheinungen von historischen Konsequenzen. Je mehr die mündliche Lehre an Bedeutung zunahm und eine umfangweite Bereicherung erfahren, desto mehr sahen sich weitere Kreise der niederen Volksschichten von ihrem Besitz ausgeschlossen. Häusliche Unterweisung allein konnte die Kenntnis nicht mehr vermitteln. Zumal für die auf dem Lande zerstreut Lebenden, die zahlreichen Volkssplitter in der Peripherie, wurde die Erlangung der Religionskenntnis nahezu eine Unmöglichkeit. Um den vollen Besitz der mündlichen Tradition zu gewinnen, bedurfte es eigentlich eines jahrelangen Weilens im Lehrhause. Daher das Wort Berach. 47 d, Sota 22 a: nn'n-n vrsv vb) rann *np p*n dj? ni» Hier hat die Propaganda der jungen christlichen Gemeinde mit Erfolg eingesetzt. Ja, jede neue Religion konnte innerhalb dieser Volksgruppen auf starken Zulauf rechnen.Als später Muhamm e d auftrat und im K o r a n ein volkstümliches Religionsbuch erstand, wiederholte sich die gleiche Erscheinung und man beeilte sich, durch einschneidende Maßregeln der Gefahr zu begegnen. Der neuen Abfallsbewegung entgegenzutreten, versah man die Bibel mit Vokalen und Akzenten, um die Lektüre zu erleichtern und die Bibel wieder zu einem Volksbuch zu machen. Ebenso begann man, die mündliche Tora in eine schriftliche zu verwandeln, d. h. den Talmud niederzuschreiben. Auf diese Zusammenhänge verweist ein altes Zitat bei Mose de C o u c y mit dem Zusatz: d-eem jd lä-aon «bi budV'i dh.< miöK nöj?E? -irtfcb -tj? prvob. Zweifellos hat Prof. Freudenthal recht, wenn er bemerkt: „Und auch die sittliche Kraft der niederen Klassen des jüdischen Volkes ist nicht zu unterschätzen. Alle Erniedrigung und Verfolgung haben diese Kraft nicht zu brechen vermocht. Zahllose Beispiele der Liebe und Treue, der Weltentsagung und Selbstaufopferung, auch von den niedrigst stehenden Juden geübt, weist die Geschichte, besonders im Mittelalter, auf. Ganze Gemeinden haben Vermögen, Vaterland und Leben aufgegeben, um ihrer Religion treu zu bleiben. Tausende haben still und ergeben um Gotteswillen das Härteste erlitten. Kein der Geschichte dieses Volkes Kundiger wird leugnen, daß es trotz allen ihm anhaftenden Fehlern vor keinem anderen zu erröten braucht." Das war aber der segensreiche Erfolg der gewaltigen Reform, über deren Initiatoren wir leider so wenig unterrichtet sind und als deren Verdienst man es ansehen darf, daß auch der Am-Haarez seltener, eine Ausnahmserscheinung geworden, die er indeß früher nicht war. Die uns angeborene Abneigung vor dem Am-Haarez (und wir brauchen uns dieser Abneigung nicht zu schämen) darf seine historische Würdigung nicht behindern. Mit großem Scharfsinn und einem Aufwand von Gelehrsamkeit versucht der Verfasser den Nachweis, daß „Am-Haarez" ursprünglich lediglich der „Herumtreiber, Landstreicher und Vagabund" war (S. 183): „Wenn auch der Ausdruck Am-haarez später in abgeschwächter Bedeutung allgemein auf den der Tora Unkundigen im Gegensatz zu dem Torakundigen übertragen ward, so ist es doch ursprünglich der Typus zweifelhafter, außerhalb der ansässigen Gesellschaft befindlicher und deshalb der Zucht und Ordnung entbehrender Elemente, auf den dieser Ausdruck gemünzt war. Das Ergebnis dieser Uutersuchang ist also das gerade Gegenteil der in den christlichen Darstellungen des Judentums aus der Stellung des Am-haarez gezogenen Folgerungen. Nicht der Mangel an religiöser Gelehrsamkeit begründete ursprünglich den Tiefstand dieser Menschenklasse in den Augen der Pharisäer, sondern der Mangel an Gesittung und Lebensart." Mit dieser Definition des „Am-haarez" lassen sich aber kaum alle Berichte im rabbinischen Schrifttum über diesen Gegenstand in Uebereinstimmung bringen. Schon der bekannte Satz: „Ein Bastard, der schriftgelehrt, geht vor dem Hohenpriester, der ein Am-haarez ist", widerspricht der gebotenen Definition. Der Satz verrät seinen Ursprung aus der Zeit des Kampfes gegen den sadducäischen Priesteradel. Somit schon in jener verhältnismäßig frühen Epoche war mit dem „Amhaarez" der Begriff eines in der mündlichen Tora Ununterrichteten und Unzuverlässigen verbunden. Dem „Am-haarez" ist eine Spezial-Schrift von Professor A. B ü ch l e r gewidmet, welche der Rektor der Israelitischtheologischen Lehranstalt zu Wien mit dem letzten Jahresbericht herausgegeben hat. Zur Aufhellung des historischen Problems bringt fie allerdings keinen Beitrag, wohl aber kleine Blüten wissenschaftlichen Unvermögens. S. 8 wird die sehr bekannte Stelle zitiert: pb'sn bir "icp msnp nrrni -enb nsitr: nnvrcr nnx .tc'sb nrjro tt bj? c3ia Trp n'iEnp nnm ormb nstw, it bj?. Der Seminarprosessor bietet zu diesem Text folgende Uebersetzung: „Eine Frau heiratete einen Chaber und band ihm die Gebetsriemen an die Hand, heiratete später einen Am-haarez und band ihm Zöllnerknoten!?) an die Hand". Der Professor der Wiener Jüdisch-theologischen Lehranstalt steht dieser einfachen Talmud-Stelle ratlos, und fragend gegenüber, weil ihm der Sinn talmudischer Termini nicht vertraut ist. Im talmudischen Sprachgebrauche bedeutet „AI jad“ „für einen" „statt eines," „an Stelle eines". So heißt es in Schekalim. 1, 1. 9 wer für einen Unbemittelten, für einen Minderjährigen, für eine Frauensperson, für einen Diener den Tempelschekel bezahlt, ist vom Agio befreit, bj? NDU t bj? bpwn pbipö -I1L2 pap t bj? -cj? t bj? 3j? t» Was „Al jad" hier bedeutet, ist klar. Von dem leicht schmiegsamen Sinne und der Akkommodation einer Frau wird demgemäß erzählt: „Als fie einem Gelehrten verheiratet war, da hatte sie den Leuten den vorschriftsmäßigen Phylakterienknoten an Stelle ihres Mannes gemacht; als fie nachher einen Zöllner heiratete, hatte sie die Zollknoten (Zollzeichen) statt seiner zurecht gemacht." In derselben Bedeutung wird tt bj? genommen in Megilla 24 a, wo es heißt, daß der, welcher die Haftara vorgelesen, „vortreten muß, das Schema zu lesen; im Falle es ein Minderjähriger war, pflegen sein Vater oder sein Lehrer für ihn einzutreten," rr br p-ow m ik vbsj pop rrn oki. Man hat wahrlich kaum gerechtfertigte Ursache, gegen protestantische Theologen wegen ihrer Unkenntnis der jüdischen Tradition und des rabbinischen Schrifttums sich herb zu beschweren, wenn die Professoren an der „Jüdisch-theologischen Lehranstalt" mit dem traditionellen Sprachgebrauch des Talmud und dem Gehalt seiner Termini so wenig vertraut find. (Fortsetzung folgt) Minister Pirqnart. Die Zeitung wird zum Märchenbuch. Man liest zweimal und dreimal — es ist noch immer wahr: Picquart ist Minister geworden, Kriegsminister. Eine Hamaugeschichte mit einem neuen Ende. Mordechai braucht sich nicht um fatale Hängegerüste oder Teufelsinselu für seine früheren Gegner umzusehen. Er kann es ihnen ruhig überlassen, an einer Gallenerweiterung zu sterben, wozu sie jetzt eine besonders günstige Gelegenheit haben. Denn daß man einen Feind solange verfolgt, bis man ihn zu den höchsten Würden

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.