Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 43 (26.10.1906)
- Date
- 1906-10-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 722 Sr. Slort^s Woclrenlrllvtft. Nr. 43 denn ihm fehlt die Ueberlieferung, für welche alle Anstrengung, die Psalmen zu christianisieren, kein Surrogat schaffen kann, aber den Juden begleitet sie auf allen Wegen, im Hause und im Leben, bei freudigen und traurigen Anlässen, und wie auf ein verabredetes Zeichen werden die Vorstellungen von Knechtschaft und Freiheit, Druck und ErlöWng, Tyrannenstolz und Tyrannensturz, Menschenhaß und Menschenliebe plötzlich in ihm lebendig, wenn er von „Jezias Mizrajim" hört. Die christliche Darstellung des vorchristlichen Judentums pflegt in demselben Volksfrömmigkeit und Schriftgelehrtentum als zwei von einander verschiedene Religionsformen zu supponieren. Unser Verfasser verweist auf die Bedeutung, welche den Erinnerungszeichen, Bräuchen und Uebungen zukommt, die gleich einem Spalier der Ueberlieferung zur Stütze dienten. Daß sie recht eigentlich das volksmäßige Element bildeten, liegt auf der Hand, so viel auch das Schriftgelehrtentum sie zum Gegenstände der Untersuchung und Verhandlung in den Lehrhäusern machte. Denn die praktische Frömmigkeit ist die Religion des Volkes, dem diese nicht erst durch den Kanal der Gelehrsamkeit zugeführt zu werden braucht, sondern durch leichte Faßlichkeit zufägt und als ererbtes Familienheiligtum teuer ist. Daß die mündliche Tradition einen wesentlichen Bestandteil der Volksftömmigkeit ausmachte, dafür zitiert der Verfasser als Zeugnis von besonderer Beweiskräftigkeit das Neue Testament. Dieses würde das Leben Jesu und der Apostel nicht mit den verschiedenen Zügen praktischer Frömmigkeit ausgestattet haben, wenn dieselben bloß dem Schriftgelehrtentum, dem die Evangelien so schroff entgegentreten, angehört hätten und nicht vielmchr in der Volksfrömmigkeit, auf die Rücksicht genommen werden mußte, zu allgemeiner Betätigung gekommen wären. Dabei handelt es sich um solche Momente, die nur in der Ueberlieferung begründet sind. Es wird als Beispiel das Abendmahl angeführt. Das in der Schilderung desselben erwähnte „Eintauchen in die Schüssel", wie das ebenfalls darin vorkommende Herumreichen des „Kelches" hat keinerlei Begründung in den Vorschriften der Tora über das Passahmal (weßhalb dabei auch das übliche „damit erfüllet werde" in den Evangelien nicht gebraucht ist), dagegen spielen diese Momente beim „Sseder", der eben in der Abendmahlschilderung dargestellt ist, eine wichtige Rolle und beruhen doch nur auf der Ueberlieferung. Ihrem Gewichte konnten sich also die Evangelien nicht entziehen. Ein anderes Beispiel ist die Pfingstfeier in der Apostelgeschichte. Daß ebenso, wie die Abendmahlschilderung auf dem „Sseder" beruht, die „Ausgießung des heiligen Geistes" sich an die Offenbarung auf dem Sinai (Mattan-Tora) anlehnt, liegt auf der Hand. Nun aber wird in der Tora bei der Feier des Pfingst- oder Wochenfestes ein Zusammenhang derselben mit der Offenbarung nirgends erwähnt, auch wird mau nicht behaupten wollen, daß erst die Rabbinen diesen Zusammenhang konstruiert hätten, denn was hätte sie dazu bestimmen sollen, das in der Tora so genau umschriebene Wochenfest auch noch mit der Offenbarung in Verbindung zu bringen, was ja ohnehin seine Schwierigkeiten hat. Vielmehr liegt die Sache so, daß die Rabbinen und Schriftgelehrten selbst die Beziehung des Pfingstfestes zu der Offenbarung als Bolksüberlieferung vorfanden, die durch die neutestamentliche Begründung dieses Festes nur bestärkt wird. Man kann hieran folgende Applikation knüpfen. Die Kirche behauptet bekanntlich, daß die Juden nur zu dem Zwecke erhalten seien, um als Zeugen für die Wahrheit des Christentums zu dienen. Mit größerem Rechte darf das Judentum auf die christlichen Urkunden des Neuen Testamentes als auf klassische Zeugnisse für die Authentie und Kontinuität feiner mündlichen Ueberlieferung Hinweisen. So zeigt sich in der Tat, daß das in der Tora und den übrigen heiligen Schriften vorliegende Urkundenmaterial die jüdische Religion nicht vollständig zum Ausdruck bringt und daß dasselbe auch niemals als deren vollständiger Ausdruck betrachtet wurde. Vielmehr wird dasselbe ergänzt durch die im Volksgeiste fortgesetzt sich betätigende Offenbarung, die sich zwar statt der Schrift der mündlichen Ueberlieferung bedient, die aber demselben Urquell entstammt, aus dem auch die schriftliche Tora hervorgegangen ist. Die schriftliche Tora ist von der mündlichen Tora unzertrennlich, deren literarischer Niederschlag der Talmud ist. Der Verfasser zeichnet die Grundprinzipien der Schriftgelehrten, deren Lehrmeinungen im Talmud zum Worte gelangen, er verweist auf die Traditionskette im Eingang der „Sprüche der Väter" und fährt dann fort: Von Anmaßung und Hochmut, welche die Evangelien ihnen zuschreiben, kann bei ihnen schon gar nicht die Rede sein, denn seitdem Moses von der Schafherde hinweg zum Lehrer und Führer Israels berufen ward, sind seine Nachfolger, und nicht am wenigsten die tonangebenden Pharisäer, Männer niederen Standes, Arbeiter und Handwerker, gewesen. Auch dies ist eine traditionelle Tatsache, deren Gewicht sich selbst die Evangelien so wenig entziehen konnten, daß sie auch Jesus mit Angehörigen derselben Kategorie, mit Fischern und Zimmerleuten, umgaben. Was aber trotz ihrer bescheidenen Stellung in den Rabbinen gleichwohl als eine Macht von großer Bedeutung zu Einfluß und Wirksamkeit gelangte, das war das Bewußtsein, daß sie kraft der Tradition das Lehramt in demselben Geiste und mit demselben Rechte ausübten, wie es einst Moses ausgeübt hatte. Wenn Moses in der Sprache der Rabbinen schlechtweg „unser Lehrer" heißt, wie sie selbst von ihren Schülern ebenfalls angesprochen wurden, so ist diese Titulatur nicht etwa aus der späteren Zeit in die frühere unrechtmäßig übertragen, sondern es ist damit das traditionelle Verhältnis und das Wesen der Stellung ausgedrückt, die Moses einnahm, die aber auch die Rabbinen behaupteten. Selbst die Autorität der Tora beruhte nur auf der Tatsache, daß das Volk sich mit ihr eins wußte, seinen eigenen Geist darin verklärt sah und in ihrem reinen Spiegelbilde sich, d. h. sein besseres Selbst, wiedererkannte. Die ununterbrochene Erneuerung und Verjüngung des religiösen Gedankens durch das im jüdischen Volke ewig wirkende religionsbildende Genie — das ist das Wesen des Talmuds. Ohne den Talmud wäre die hebräische Bibel in Wahrheit das alte Testament, d. h. ein veraltetes und überwundenes. Der Talmud hat dafür gesorgt, daß das alte Testament immer jung, immer modern bleibt, er erhält es in ewigem Flusse, so daß keine Stagnation eintritt, daß es nicht verhärte und verknöchere, und wenn die Kirche während des ganzen Mittelalters über die Verstocktheit und Hartnäckigkeit der Juden klagt, weil sie ihren alten Glauben nicht mit dem neuen, den einigen Gott nicht mit dem dreieinigen vertauschen wollten, so ist es einzig und allein das Schriftgelehrtentum, dem dieser Erfolg beizumessen ist. Wie die Geschichte des jüdischen Volkes den Kommentar zu seiner Religion bildet, so ist die Religion der Kommentar zu seiner Geschichte. Und sein Charakter spiegelt sich wieder im Geiste des Talmuds. Der Geist des Talmuds aber ist der Geist der Unabhängigkeit und Selbständigkeit, der auf keine Autorität schwört, der seine Freiheit keinem Machtgebot opfert, dessen Lebenslust Denken, Forschen und Erkennen ist. Aus dieser feiner Natur erklärt sich, daß der Talmud die wirksame Vorschule für zahlreiche Denker gewesen ist, die mit seltener Kühnheit und Freimütigkeit, aber auch gründlich und tiefsinnig das Wesen Gottes und der Dinge sich zurechtlegten und die, wie M a i m o n i d e s, I b n G e b i r o l, K r e s k a s, in der Geschichte der Philosophie keinen unrühmlichen Platz einnehmen. Auch Spinoza hatte ohne Zweifel den Denkübungen, zu welchen das Talmudstudium anregt, viel zu verdanken. Wie an den Verstand, so wendet sich der Talmud durch seinen hagadischen Einschlag an Herz und Gemüt. Wer könnte den Reichtum an sinnigen Gleichnisreden, an Tröstungen und Ermahnungen, an feinen Beobachtungen, an erheiternden Witzworten, an tiefgründigen Erfahrungsgesetzen und Lebensregeln, wie an zarten Winken und Andeutungen für den Umgang mit Menschen und eine gesittete Lebensführung ermessen, diesen Reichtum, der im Talmud und in den rabbinischen Schriften aufgehäuft ist und dem auch die Evangelien ihre reizvollsten Stellen entlehnt haben!