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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-10-26 · 43 (26.10.1906) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
43 (26.10.1906)
Date
1906-10-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 43 Dr■ Bloch’s Hahr,an, XXIII Zentraloroan für die gesamten Ilnteressen des Judentums. Wien, 26. Oktober 1906. — Brsdbeint jeden Freitag. Brief-Adresse: MUen, IX/1, Werggasse 39. Telegramm-Adresie: Wlocd's VllocLenscbrttt. Mlien. »-S A. K. VvfispLrkLffen-Arnt Lleartng-Verkebr Mr. Slv.976. Redaktion und Administration: Wien IX/1, Werggasse IRr. 39. Telefon Nr. 14.847 V-* »---- Vrxugsprris für Vrstrrrrich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplars 50 Heller. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petttzetle 24 Heller. *-* Inhalt: Leitartikel: — Jüdische Apologetik. — Minister Picquart. — I a h c m a r It des Lebens: Fritz Reuter über die jüdischen Renegaten. - Interessante Funde aus der Urgeschichte Chaldäas. — Korrespondenzen: Generalstabsarzt Dr. Jakob Znckermann. Generalstabsarzt Dr. Josef Ulrich gestorben. Erste slavonische Rabbinerkonferenz. Köln. Breslau. Graf Pückler. Der Gesetzentwurf zur Verbesserung der Lage der russischen Juden. Wie Pogroms inszeniert werden. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden rc. Das Ausscheide» des Herrn S. Heit aus der Repräsentanz der Wiener Kaufmannschaft. Von der Anstalt zur Heranbildung israelitischer Krankenpfleger zu Preßburg. Einweihung der Bibelschule im XX. Bezirk. Bevorstehende Auflösung des Brigittenauer israelitischen Unterstützungsvereines. Wien. Palästina-Abend Bekanntmachung, Studentenkomitee zur Errichtung eines Herzl-Denkmals in Moza bei Jerusalem. Tschechische Kurse. Spenden für die Opfer der Judenmassakres in Rußland. Jüdisch-akademische Verbindung „Veritas" in Brünn. Karlstadt. Freiwaldau. Tabor. Galgocz. Berlin. — Feuilleton: Der importierte Bräutigam. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. „Jüdische Apologetik. Von Dr. Moritz Güdemann, Oberrabbiner in Wien."*) II. Vom alten Israel heißt es im Eingangsgedicht des „Westöstlichen Divan", daß das Wort so wichtig dort war, weil es ein gesprochenes Wort war. Professor Wellhausen, welcher, wie alle seine protestantischen Kollegen, zwischen dem alten Israel und dem späteren Judentum einen möglichst scharfen Gegensatz zu konstruieren sich bemüht, hat allen Ernstes versucht, diesen Gegensatz durch die Antithese zu kennzeichnen, daß jenes beherrscht war von der Macht des ewig lebenden Wortes, dieses aber niedergedrückt von der stummen Gewalt des toten Buchstabens. Um die Unwissenschaftlichkeit dieser Formel zu erkennen, genügt, daran zu erinnern, daß gerade das Festhalten an der mündlichen Tora das wesentlichste Merkmal des Judentums bildet und daß das ganze, große und weitverzweigte talmudische Gesetz Jahrhunderte hindurch der lebendigen Rede und der mündlichen Ueberlieferung anvertraut war. Feinsinnig und mit hoher stilistischer Kunst ist „Die jüdische Religion als Tradition" gezeichnet in dem zweiten Kapitel des vorliegenden Buches. Um die Urgeschichte der germanischen und romanischen Völker zu erforschen, muß man lateinische Autoren befragen, eine alte mündliche Ueberlieferung aber besitzen sie gar nicht, die Reste des alten Glaubens wurden von dem Christentume vernichtet, oder dieses hat sich mit ihnen amalgamiert, und es bleibt der gelehrten Forschung überlassen, die vermischten Elemente wieder zu scheiden und die Urzustände, die der Erinnerung des Volkes gänzlich entschwunden find, wieder ans Licht zu ziehen. Ebenso verhält es sich mit Bräuchen, Sitten und Gewohnheiten. Woher sie stammen, ist dem Volke unbekannt, denn das Bett der Ueberlieferung ist längst versiegt und verschüttet, und Sache der Gelehrten ist es, die versunkenen Spuren wieder aufzugraben. Vollends was die Gründer und Stammväter der modernen Völker betrifft, wer unter den Volksgenossen, mag er auch einen noch so alten Stammbaum aufzuweisen haben, hat sich die Erinnerung an jene Urahnen *) In Wien zu beziehen durch die Buchhandlung R. L ö w i t, I., Rotenturmstraße 22. bewahrt, oder fühlt sich angeregt, bei wichtigen, nationalen Ereignissen, Familienbegebenheiten oder persönlichen Erlebnissen ihrer zu gedenken? Sie auch nur namhaft zu machen, würde nicht bloß dem Volke, sondern selbst den Gelehrten in seiner Mitte schwer fallen. Ganz anders liegen die Dinge bei den Juden. Einzelne Bestandteile der heiligen Schriften des Judentums entstammen dem fernen Altertum, und wie deren gelegentliche Mitteilungen über die alten, längst vom Erdboden verschwundenen Völker immer mehr an Glaubwürdigkeit gewinnen, so wird man diese auch ihren Angaben über die eigene früheste Volks- und Stammesgeschichte beimessen dürfen. Wir stehen hier also vor der staunenswürdigen Tatsache, daß ein Schrifttum feine Autorität auf einen Zeitraum von dreitausend Jahren erstreckt und bis auf den heutigen Tag bewahrt hat. Wenn nun die Juden es waren, die dieses Schrifttum nicht bloß hervorgebracht, sondern auch vor der Zerstörung geschützt haben, ein Verdienst, das ihnen nicht bloß für die vorchristliche Zeit zukommt, so begründet diese Tatsache ohne Zweifel auch den Anspruch, ihrer mündlichen Ueberlieferung, die ja doch mit jenem Schrifttum eng verknüpft ist, nicht bloß dieselbe zeitliche Ausdehnung, sondern auch die gleiche geschichtliche Bedeutung zuzuerkennen. Der Prophet hätte nicht den Zuruf an das jüdische Volk richten können : „Schauet auf Abraham, eueren Vater, und auf Sarah, die euch geboren," wenn Abraham nicht im Volke, und zwar von altersher gelebt, wenn es sich nicht an dieser Heroengestalt aufgerichtet und erbaut und sein Gottesbewußtsein mit ihr in Zusammenhang gebracht hätte, genau so, wie der Anfang des noch heute den Mittelpunkt des jüdischen Gottesdienstes bildenden Schemone-Esre-Gebetes lautet: „Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott und Gott unserer Väter, Gott Abrahams usw." Die Worte des Hallelpsalms: „Als Israel aus Mizrajim (Aegypten) zog, das Haus Jakob aus einem fremden Volke, da ward Juda sein (Gottes) Heiligtum, Israel fein Reich", werden an verschiedenen Feiertagen im jüdischen Gottesdienste rezitiert. Wer möchte bezweifeln, daß diese Worte in den Herzen der heutigen Juden dieselben andächtigen Empfindungen wecken, die sie bei den alten Juden auslösten, wenn sie ihnen im Tempel zu Jerusalem von den Leviten vorgesungen wurden! Den Nichtjuden fteilich, obgleich auch er an den jüdischen Psalmen sich erbaut, muß diese Erinnerung an Mizrajim kalt lassen.

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