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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1906-10-12 · 42 (12.10.1906) · page 16

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
23 (1906)
Issue
42 (12.10.1906)
Date
1906-10-12
Page
– (sequence 16)
Language
German
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bette 716 Dr. Blortz's Wmhrnfchrifk. Nr. 42 Hochzeit hätte zu Chanuka, einige Wochen später, stattfinden sollen. Der Abendgottesdienst, der an Wochentagen in diesem Raum abgehalten wurde, war vorüber und die Studierenden konnten sich nun ungestört dem Studium ergeben. Die beiden großen Räume, deren Türe offen standen, waren durch Kerzen beleuchtet, die auf den langen Tischen in hohen Leuchtern standen. Die offenen Bücherschränke waren vollgestopft mit alten, stark abgenützten Werken; die Bücher, die am meisten gebraucht wurden, lagen in Stößen auf den Tischen und Fensterbrettern. In einem Zimmer saßen die Mitglieder der täglich zusammenkommenden Mischnaklaffe. Es waren ihrer zirka ein Dutzend junge Männer, meist Hausierer und Handwerker, die nach des Tages Mühen herkamen, um^die heiligen Bücher zu lesen. Kaum einer von diesen konnte den Gemarahteil des Talmud und selbst die Mischna konnten sie nicht fehlerlos lesen. Sie saßen alle vor ihren offenen Büchern und hörten einem Lehrer zu, der ein alter Mann in zerfetzter Kleidung war, dessen Augen Flammen intellektueller Begeisterung schossen. Er las laut vor und neigte und bückte seinen unordentlichen Kopf, indem ec bemüht war, seinen Hörern die Mischna zu deuten. Einige der Zuhörer folgten in demütigem Schweigen seinen Auseinandersetzungen und fuhren mit dem Zeigefinger den Linien entlang. Die Mutigeren unterbrachen den gewichtigen Mann, indem sie ihrer Freude über die eine oder andere Erklärung Ausdruck gaben, oder irgend einen Widerspruch heraustiftelten; andere wieder wiederholten mit leiser Stimme und gut gespielter Aufmerksamkeit halbe Sätze, einige suchten ihre Unsicherheit und Unkenntnis durch schüchternes Beifallsnicken zu verbergen und noch einige mußten durch ziemlich unsanfte Stöße ihrer Nachbarn aus dem Schlaf geweckt werden. Im Hintergrund des Raumes standen einige „Bauern", für die (wie zum Beispiel für unseren Asriel) die Mischna eine Sache war, die über ihre intellektuellen Kräfte ging. Einer dieser langen Tische im anstoßenden Raum war mit den offenen Folios der täglichen Gemarahklaffe bedeckt. Es gehörten zu dieser Klasse etwa fünfzehn Mitglieder, jeder Altersstufe und jedmöglicher ökoyomischer Lage, vom kleinen Aepfelhändler, für den die heiligen Bücher eine Quelle der Freuden in diesem wie im zukünftigen Leben bedeuteten, bis zum wohlhabenden, gutgekleideten Möbelhändler, dem der Talmud zur zweiten Natur geworden. Es waren einige „kühne Geister" in dieser Gruppe und sogar ein oder zwei Wunderknaben gleich Schaya. Die Klaffe bedurfte keines Führers, doch ein alter Mann mit schneeweißem Bart und einem jünglingsgleichen Antlitz waltete hier als Vorleser. Er ließ viele Sätze aus, aber er tat es nur, weil er sie für zu bekannt hielt und des Widerholens unnötig fand. Wenn er dem Text etwas hinzuzufügen hatte, wandte er sich vorerst an den Mann, der ihm zunächst saß, schnappte lustig nach seinen Fingern oder zwickte ihn voll Begeisterung in den Arm. Die anderen nahmen durch sonderbare Bewegungen mit den Fingern, durch Wiederholung ganzer Absätze, durch unbeschreibliche Gesten Teil. Plötzlich brach d e ganze Klaffe in ein tolles Stimmengewirr aus. Als dieser Ausbruch der Begeisterung sich gelegt hatte, folgte der Ausdruck allgemeiner Freude und die ganze bunte Gesellschaft sah aus wie eine glückliche Familie am Sabbathtisch. Die anderen Tische waren von Lamdims (gelehrten Männern) besetzt; einige dieser summten über ihren dicken Folios, andere lachten und murmelten zu sich selbst wie verliebte Mütter zu ihren Kindern; noch andere klagten oder brummten über ihren Büchern oder schlugen sie, und schrieen gellend auf vor Entzücken oder sie röhrten wie Tiere im Käfig. Ein Patriarch, der seinen zehnjährigen Enkel unterrichtete, jauchzte unter einer verwickelten Pantomime vor Freude; ein kleiner Schüler saß vor einem Buch, das größer war als er selbst; ein alter Mann schwenkte demutsvoll seinen Körper und ringelte die Seitenlöckchen; ein oder zwei der stimmheiseren Batlouim, die auf der Suche nach Gold nach Amerika gekommen waren, aber jetzt von der Gemeinde erhalten werden mußten, wohnten dafür täglich dem Gottesdienste bei. Alle diese Stimmen, Gesten und Bewegungen vereinigten sich zu einem Chaos, das einen seltsamen Anblick gewährte. Asriel sah das Schauspiel mit an und, obgleich er nicht daran teilnehmen konnte, betrachtete er das Ganze, seitdem sein Wunderknabe dazu gehörte, für eine Welt, in der er auch eine Stimme habe. Er saß in einem entfernten Winkel des Gemarahzimmers und betrachtete mit Ehrerbietung die lärmenden Szenen und bewunderte Reb Tzalel, der in seiner Nähe war. Das skelettartige Antlitz und die brennenden Augen dieses Hausierers starrten auf sein Buch vor sich hin und dazu erklang ein melancholisches Gesumme. Plötzlich hielt Reb Tzalel inne, um sich mit Asriel in ein Gespräch einzulaffen. Als Asriel wie gewöhnlich Schayas geistige Anlagen und dessen Genius pries und dabei vergeblich auf ein zustimmendes Wort des Hausierers harrte, sagte dieser endlich: „Wozu wollen wir Katz und Maus spielen, Herr Stroon? Ich muß es Ihnen endlich sagen, was wie ein schwerer Stein auf meinen Herzen lastet: Ihr Schaya ist auf dem Wege Böses zu tun. Er ist ein Appicores" (Atheist). „Ein Appicores?" frug Asriel, als ob er die Bedeutung des Wortes nicht fassen könnte. „Ja, ein Appicores und ein Jcrobeam, der Sohn des Nebat — er sündigt und verleitet andere zur Sünde," erklärte der Talmudist strenge. „Ich verursache Euch höchst ungern diesen Kummer, doch er ist in den heidnischen Büchern schon zu weit eingedrungen. Wenn er in Ihrer Abwesenheit hier ist, erzählt er jedem, daß sich die Erde um die Sonne bewegt und wie Regen und Donner und Blitz, wie Tag und Nacht alles verstandesgemäß erklärt werden könne — möge der Engel des Todes ihnen erklären, mögen sie — — —" „Halt ein, Reb Tzalel!" schrie Asriel. „Du darfst ihn nicht verwünschen, Du. erhältst ihn nicht. Und was Du da sagtest, ist eine Lüge! Eine so große Lüge wie Og der König von Baschan!" schloß er mit lauter Stimme und erhob sich von der Bank. „Eine Lüge! sagtet Ihr. Nun dann sollt Ihr alles erfahren. Der kleine Mendele sah Ihren importierten Wunderknaben am Sabbath Zigaretten rauchen!" „Schaya am Sabbath rauchen!" Die greifbare Art dieser Sünde traf den alten Mann mehr wie alles andere, was der Hausierer bis jetzt über Schayas sündhafte Theorien gesagt hatte. „Schaya soll am Sabbath geraucht haben!" wiederholte der alte Mann. „Nun, ich sage, Ihr selbst und alle, die das behaupten, sind Lügner und Verleumder, Mendele hat es aus Neid gesagt, weil er für seine Tochter nicht so einen Bräutigam haben konnte, wie ich für meine Flora. Ja, ich habe ein Wunder an Talmudgelehrsamkeit für meine Tochter gesunden und er hat nach einem solchen geangelt. Ich habe das erreicht — und alle anderen bersten vor Neid." Er schnalzte mit der Zunge und gestikulierte mit den den Fingern und sah seine Zuhörer für einen Augenblick mit funkelnden und vernichtenden Blicken au. „Nun, ich will mit einem Am haarez nicht streiten," sagte Neb Tzalel angewidert. Seine Worte waren in dem Lärm ringsumher kaum zu vernehmen, erreichte aber Asriels Ohr und das traf seinen wundesten Punkt. „Schweig, Reb Tzalel," sagte er erbleichend. „Warum das? Das ist nicht Euer Haus, das ist Gottes Wohnhaus. Hier bin ich reicher als Ihr. Ich bedauere Euch nicht. Ihr wäret ein Am haarez und seid einer. Aber dieser Junge hätte der Stolz Israels werden können und Ihr habet ihn nach Amerika gebracht und habet einen Appicores aus ihm gemacht. Weh, weh, weh! „Seid still, Reb Tzalel! Habet Mitleid," bat Asriel mit gedämpfter Stimme, „streue nicht noch Salz in meine Wunde. Verzeihet mir, Ihr wißt, daß ich ein Am harrez bin. Habet Mitleid und saget nichts mehr, aber — alles, was Ihr, was die Anderen Euch gesagt haben, ist Lüge. Die Cholera komme über

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