Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 42 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 43 3H» Llocd's Mlocvenscvrm. Seite 71» Groß-Meseritsch. Am ersten Tage Sukkoth verschied das hiesige Gemeindemitglied Herr Ferdinand Neumann in seinem 7t>. Lebensjahre. Der Verblichene war langjähriges Mitglied des Kultusvorstandes und Talmud-Thora-Vorsteher. Die allgemeine Sympathie und Wertschätzung, deren sich der Dahingeschiedene in jüdischen wie in nichtjüdischen Kreisen erfreute, manifestierte sich in der überaus zahlreichen Beteiligung an seinem Leichenbegängnisse. Die nach dem Absingen der üblichen Tranerpsalmen vom Oberkantor Steiner gehaltene Trauerrede über das Leben und Wirken des teueren Verblichenen wirkte allseits ergreifend auf alle Zuhörer. Ein ehrendes Andenken bleibt dem Dahingesckiedcnen für alle Zeiten gesichert. I. S. Ein jüdischer Richter. Wie man aus Rosenberg in Ungarn meldet, ist dort der Präsident - der israelitischen Kultusgemeinde, Jakob Klein, einstimmig zum Stadtrichter (Bürgermeister) gewählt worden. Kostet Eine Ehrung ganz außergewöhulich--r Art wurde am vergangenen Simchas-Thora unserem ehrwürdigen Herrn Rabbiner Dr. Karl Dusch in sky zuteil Am II. d. M., Donnerstag, wurde nun um bald 8 Uhr abends ein F a ck e l z u g mit Musikbegleitung ihm zu Ehren veranstaltet. Ein Zug von mehreren hundert Personen (darunter auch der katholische Stadtpfarrer Herr Konsistorialrat Beer und viele Nichtjuden) begab sich vor die Wohnung des Rabbiners und eine Abordnung unter Führung der Kultusvorstandsmitglieder Sachs und Bauer und des Chewra- Kadischa-Vorstehers Glasspiegel begab sich in die Wohnung des Rabbiners, wo Herr Nathan Weigl in beredten Worten der Liebe und Verehrung, die die Gemeindemitglieder ihrem Rabbiner entgegenbringen, Ausdruck verlieh. Tiefgerührt dankte Herr Dr. Duschinsky. Auf allgemeinen Wunsch mußte der Rabbiner auch zu der vor dem Hause harrenden Menge einige Worte sprechen, worauf Herr Oberkantor Quittner mit dem Tempelchore und der ganzen Schuljugend die Kaiserhymne sang. Nachdem Herr Dr. Duschinsky noch besonders auch seinem katholischen Kollegen für die durch sein Erscheinen bewiesene Friedensliebe und Vorurteilslosigkeit gedankt hatte, endete mit einem Hoch auf den Kaiser der imposante Aufzug. Nachher wurden auch dem Kultusvorsteher Herrn B. K o h n und dem Bürgermeister der Judenstadt Herrn Jos. R o s e n z w e i g Ständchen gebracht. Zum Schluffe vereinigte sich die Gesellschaft im Restauront Mich. Weigl zu einem gemütlichen Abend. Feuilleton. Der importierte Kräntigam. Roman aus dem Ghetto von Newyork. Aus dem Englischen übersetzt. (Fortsetzung.) IX. Kapitel. „Ist Schaya hier?" frug Asriel eines Tages, ehe er Floras Zimmer betrat. Es war vier Monate nach der Verlvbungsfeier seiner Tochter mit dem jungen Talmudisten; die Hochzeit war auf ein späteres Datum verschoben worden. Asriel verlegte den Krönungstag seines Werkes, wie man eine Flasche seltenen Weines für einen besonderen Tag aufhebt. Er fürchtete sich, in dieser Welt zuviele Freuden zu genießen, die feinen Anteil in der künftigen Welt verringern könnten. Wird der Allmächtige es wollen, daß er seine Tochter und den „heiligen Knaben" unter den Trauhimmel führe? Asriel hoffte, daß es ihm gegönnt sein werde. „Ist Schaya hier?" „Ja, Papa," antwortete Flora, indem sie ihre Augen von dem Buche erhob, das sie eben gelesen hatte. Die Türe zu Schayas Zimmer stand offen. Asriel blieb stehen und lauschte auf den Sing-Sang des jungen Mannes; sein Gesicht strahlte. „Meine Krone, mein Kadisch, meine Hoffnung in der zukünftigen Welt", murmelte er beglückt. „Hast Du schon gefrühstückt, Papa?" frug Flora. In diesem Augenblick bra h der Sing-Sang ab und die hebräischen Worte erklangen in begeistertem Tonfall. Asriel winkle seiner Tochter, still zu sein, dann sagte er leise: „Das ist mein bestes Frühstück! Das ist etwas für die Seele! Die Würmer im Grabe können das nicht berühren, das nehme ick mit mir in die andere Welt. Alles andere ist Plunder." Er wollte fich entfernen, aber es fiel ihm schwer, sich loszureißen. Und Asriel ging zu der Türe und erfreute sich am Anblick seines gelehrten Knaben. Schaya neigte fich über den Talmud nach vorne und rückwärts. Flora beobachtete mit schalkhaftem Entzücken ihren Vater. „Ich sollte mich nicht so sehr weiden an seinem Anblick"' sagte Asriel. „Ich könnte ein Ajin hora, böses Auge au? ihn werfen." Als er das andere Zimmer erreicht hatte, sagte er zu seiner Tochter: „Ich fürchte, daß Du ihn durch Deine Anwesenheit störst. Eine hübsche Braut ist imstande, eines jungen Mannes Gedanken allzusehr in Anspruch zu nehmen, ihn zu verwirren und ihn von der Thora zu entfernen. Er sollte lieber in den Synagogen studieren." Das junge Mädchen errötete bis in die Haarwurzeln. Kaum hatte fich der Vater entfernt, als fie mit fröhlichem Gekicher in sein Zimmer stürzte: „Nun bist Du wieder gerettet, Geliebter," sagte fie und zog unter dem Stoß von hebräischen Büchern ein englisches Werk über Naturphilosophie hervor. „Hast Du mich fingen gehört?" frug er. „Natürlich habe ich alles gehört", sagte fie strahlend. „Du hast mich gerade bei einer intereffanten Lektüre unterbrochen!" „So, was war es denn? War es die Abhandlung über den Ton?" „Ja, aber jetzt fängt die Sache erst an, mich zu interessieren." Er erklärte ihr in Jiddisch, was er über die Akustik gelesen hatte und fie lauschte feinem enthusiastischen, populären Vortrag mit liebender Aufmerksamkeit. Wenn Schaya für ganze Nachmittage, manchmal auch Vormittage fern vom Hause war, gebrauchte er stets die Ausrede, daß er seine Zeit in den verschiedenen Synagogen des jüdischen Viertels verbringe. Asriel, sein stolzer Beschützer ermutigte ihn dabei noch, denn er freute sich, daß der Bräutigam seiner Tochter „das heilige Wiffen in der Gemeinde verbreite". „Dein Wiffen ist eine Gottesgabe, Schayalie und Du brauchst Dich nicht zu schämen, damit hausieren zu gehen. Reb Lippe sagte, Amerika benötige einen Mann wie Dich, der die heiligen Gesetze im Lande verbreitet. Gehe hin und tue das und der Allerhöchste wird uns helfen zu Deinem Heil." Der Wunderknabe und sein Importeur bildeten das Tagesgespräch der orthodoxen Kolonie und nichts erfreute Asriel mehr, als den Bräutigam seiner Tochter von den Talmudisten loben zu hören. Doch es kam eine Zeit, wo Asriel wahrnahm, daß man den jungen Mann seltener erwähnte und die srüheren Lobreden hatten ganz aufgehört. Asriel vermißte die schmeichelhaften Aeußerungen über seinen zukünftigen Schwiegersohn und er belästigte die Bekannten durch unaufhörliches Erzählen über Schaya, alles in der Absicht, ein anerkennendes Wort über dessen Talente zu erzwingen. Aber diese Konzession geschah in sehr lauer Weise und Asriel dürstete mehr denn je nach Anerkennung für seinen Schwiegersohn. Besonders um das Lob Ben Tzalels, eines armen kränklichen Hausierers, der als einer der frömmsten und gelehrtesten Männer der Gemeinde bekannt war, lechzte Asriel. Er liebte diesen Menschen wegen seiner Auf' richtigkeit und Ehrenhaftigkeit. Oft lud Asriel ihn in sein Haus ein, doch der armselige, unterernährte Hausierer lehnte stets ab. „Was werde ich bei Ihnen tun, Reb Asriel?" frug er mit kläglichem Lächeln. „Soll ich Ihre kostbaren Teppiche und Möbeln bewundern und daran denken, daß Sie ein reicher Hausbesitzer und ich ein armer Hausierer bin? In der Synagoge bin ich gerne mit Ihnen zusammen, denn da find wir beide gleich." Die ungewöhnliche Zurückhaltung Reb Tzalels über die Verdienste Schayas wurmte und betrübte Asriel immer mehr und er beschloß, den Grund dieser Schweigsamkeit zu erfahren. Eines Abends saß Asriel neben Reb Tzalel im Stickierzimmer ihrer Synagoge. Es war im SpätMovember und Schaya?