Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 23 (1906)
- Issue
- 42 (12.10.1906)
- Date
- 1906-10-12
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 42 Dr. Llocv's MecvcnscvrM. Seite 711 wesen erhalten und auch die Wohltätigkeitsinstitute, die sehr zahlreich und — wie ich mich teilweise selbst überzeugen konnte — auch sehr segenbringend find. In den Städten, die wir passierten, besuchte ich so viel als möglich die Synagogen, in welchen sich das jüdische Element konzentrieren mußte. Als ich eines Tages in Oran der Beschließerin einer solchen den Wunsch vortrug, das Gotteshaus zu besichtigen, fragte die Frau, mich mißtrauisch messend: „Weshalb?" „Nun," sagte ich, „weil ich Jüdin bin und mich die Juden und Synagogen in Algerien interessieren." Die Frau schien aber an meinem Judentum zu zweifeln, denn sie zuckte die Achseln und sich verbeugend sagte sie in gebrochenem Französisch: „Hoi tout egal, catholiqae ou juif.“ . In Algier besuchte ich vorerst die Synagoge in der rue Randon. Als mich der Kutscher vor derselben äbsetzte, sagte ich ihm, er habe sich geirrt, denn dies wäre eine Moschee. Allein es war einer der schönsten Tempel Algeriens. Ein weißer, niedriger, auf einer kleinen Anhöhe gelegener Bau mit einer großen Kuppel, an der Front ein kleines, schmales Doppelbogenfenster mit durchbrochenem Hvlzgitter, der Eingang schmal und niedrig, ganz nach Art der algerischen Moscheen. Keine hebräische Inschrift ziert die Synagoge, und über dem Eingang sieht man die üblichen Initialen aller öffentlichen französischen Bauten „R. F." (Röpublique Frangaise). Unwillkürlich mußte ich an die Stellung der Juden in Algerien vor der französischen Okkupation 1830 denken.. Diese Juden, die unter arabischer Herrschaft wie ein aussätziges Tier behandelt wurden, die sich dem Araber mit der größten Unterwürfigkeit nahen mußten, die man auf der Stelle töten durfte, wenn sie sich einem Araber gegenüber in der geringsten Weise vergangen hatten, die ihre Schuhe ausziehen mußten, wenn sie zitternd und zagend an einer Moschee vorübergingen: diese Juden bauen heute ihre Synagoge in allernächster Nähe der Moschee Sidi-Abderrahmans, des größten Marabouts Algeriens. Daß dies im Stil der Moscheen geschieht, ist wohl Mimicry — im Interesse der Selbsterhaltung. Denn der Haß, zu dem sich jetzt noch die Eifersucht gesellt, weil der Jude mehr politische Rechte genießt, ist im Araber noch nicht erstickt; das haben die Feindseligkeiten der letzten Jahre bewiesen, das beweisen die Araber noch heute. Es kommt nicht selten vor, daß die Synagoge während d.es Gottesdienstes mit Steinen beworfen wird. Obgleich im jüdischen Viertel gelegen, hat die Synagoge der rue Randon doch eine unangenehme Nachbarschaft, denn dicht um dieselbe breitet sich der arabische Obstmarkt aus, und als ich am Freitag abends dem Gottesdienste beiwohnte, drang der betäubende Lärm, mit dem arabische Verkäufer ihre Ware ausbieten, in das Gotteshaus und machte einen störenden, wenig erbaulichen Eindruck. Aber auch der Gottesdienst war nicht darnach angetan, erhebend zu wirken; auf mich machte er einen geradezu grotesken Eindruck. Die Synagoge füllte sich langsam; es waren zumeist Männer in Pluderhosen, mit Fez oder Turban; nur wenige trugen europäische Kleidung. Inzwischen hatte sichs die algerische Straßenjugend auf der Kanzel bequem gemacht. Es waren defekt gekleidete Jungen, die allerhand Allotria trieben. Plötzlich ging einer dieser kleinen Jungen in abgeschabter Kniehose und mit einer Wagnermütze auf dem Kopse zum Betpult und begann unter Lärm und Unruhe der Gemeinde ein hebräisches Gebetstück herunterzuleiern. Auf meine Frage, was das bedeute, erhielt ich zur Antwort, das sei der Beginn des Gottesdienstes, der Junge bete Schir Haschirim (Das hohe Lied), die anderen Buben seien der Chor; Rabbiner und Kantor kämen erst später. Und nun waren sie da. Der Rabbiner — ein sympathischer, schmächtiger alter Herr mit freundlichem Gesichtsausdruck — in graugrünen, weiten, bis an die Knie reichenden Pluderhosen aus weichem Stoff, kurzem, schwarzen Lnstrespcncer, braunen Strümpfen und schwarzen Halbschuhen, auf dem Kopf den Turban — das gewöhnliche Kostüm der algerischen Juden; der Kantor, eine untersetzte Gestalt, in einem europäischen, ziemlich abgetragenen schwarzen Gehrock, heller Hose und steifem niedrigen Filzhut. Befremdet blickte ich auf das Amtskleid der Hauptfunktionäre, deren Erscheinen von der Gemeinde gar nicht ben.erkt zu werden schien. Der Rabbiner setzte sich in eine Ecke unterhalb des Betpultes, zog einen arabischen Fächer hervor und brachte ihn in Bewegung; mit ihm fächelte die ganze Gemeinde. Der kleine Junge am Betpult leierte noch immer sein Gebetstück. Endlich war unser Miniatur-Vorbeter zu Ende und der Rabbiner trat an seine Stelle. Er betete in monotoner Weise, ohne Unterbrechung; dazwischen trällerte der Kantor, näselte der Chor in der Art der neapolitanischen Bursche, die unsere Wiener Höfe unsicher machen. So ging es eine Weile fort, ohne Andacht, ohne Erbauung. Die Tür zum Gotteshaus stand offen und das Geschrei vom Markte störte wohl mich, aber — wie es schien — nicht die Gemeinde. Nach kaum einer halben Stunde war alles zu Ende und lärmend polternd stürmten die Chorknaben auf den Markt. Nur eine Szene machte Eindruck auf mich, nämlich als nach Schluß des Gottesdienstes die Jugend an das Alter herantrat, ihm ehrerbietig die Hand küßte und sich von ihm segnen ließ. Es war ein allgemeines, herzliches Umarmen und Küssen. Dieselbe Beobachtung habe ich in Marseille gemacht. In der rue Volland haben die Juden Algiers ihre Hauptsynagoge. Dieselbe ist gleichzeitig der Sitz des Konsistoriums. Der Tempel liegt etwas abseits, in einer schmalen Gaffe, die zum Meere führt. Auch hier äußerlich kein Anzeichen eines Gotteshauses. Es ist ein großer Zinsbau, der im Innern den kleinen aber schönen Tempel birgt. Ueberall dasselbe Bestreben, möglichst wenig die Aufmerksamkeit der Araber zu feffeln. Algier hat 9 konfistoriale und 6 private Synagogen. Ein schönes Vereinshaus besitzen die algerischen Juden in der rue-el-Qued, wo Schulen und Wohltätigkeits-Institute untergebracht find. Als ich das Haus besuchte, ging ich an der offenen Tür der Mädchenschule vorüber und die Lehrerin lud mich ein, die Schule zu besichtigen. Es war eine junge Dame, die den hebräischen Unterricht leitete. Sie nahm sogleich eine Prüfung der Mädchen vor, und ich war erstaunt, zu sehen, wie fließend die Kinder Gebetstücke übersetzten. Die Lehrerin hat mir imponiert. In Oran, das, gleich Algier, ca. 12.000 jüdische Einwohner zählt, habe ich das Ghetto, das hart an dem prachtvollen Rathaus liegt, durchquert. In der rue d'Austerlitz, die sich lang und schmal nach Art der Wiener Judengaffe hinzieht, ist der Obstmarkt, wo oranesische Jüdinnen — an ihrem seidenen Kopftuch, das im Genre der Linzerinnen gewunden wird, leicht erkenntlich — die herrlichen Früchte und Gemüse dieses gottgesegneten Erdstriches feilbieten. Die oranesische Jüdin hat feine, regelmäßige Züge, und namentlich die vornehmen Frauen präsentieren sich in ihrem reichgestickten Kostüm sehr schön. In der rue Barbe wollte ich die konfistoriale Synagoge besichtigen. Sie war gesperrt und man bedeutete mir, daß ich in der angrenzenden Schule Auskunft erhalten würde. Ich ging also dort hin. Ein Höllenspektakel ließ mich nicht lange im Zweifel, daß dies die Schule war. Es war ein niedriges Gebäude, und als ich an der offenen Tür vorbeikam. bot sich mir ein Schauspiel, das ob seiner Originalität wohl festgehalten zu werden verdient. In der hohen weiten Stube saßen, standen und brüllten etwa 60 bis 70 Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren. Der „Herr Lehrer", ein arabischer Jude in Turban und weiten Pluderhosen, hatte soeben die Züchtigung eines kleinen heulenden Jungen beendet, und fuhr nun mit dem Kantschu, vor Aufregung schnaubend, über die brüllende Bubenschar. Der Lärm war furchtbar, und der Anblick der wilden Horde und des mit dem Kantschu dreinhauenden Jugendbildners in Turban und Pluderhosen war für meine europäischen Begriffe so komisch, daß ich unwillkürlich lachen mußte, als er, purpurrot, vor mir stand und ich ihm mein Anliegen vortrug. Nun, ich habe die Synagoge besichtigt und noch viele andere, die in diesem Viertel dicht nebeneinander liegen, und überall fand ich dasselbe Bild schmutziger Verwahrlosung, so daß ich mich nicht enthalten konnte, an meinen Führer die Frage zu richten, weshalb die oranesische« Juden nicht lieber ein schönes Gotteshaus bauen, anstatt 18 kleine Synagogen zu erhalten. Die Antwort war, daß Oran in der rue de Vienne einen schönen Tempel besitze, an dem eine Reihe von Jahren gebaut wurde, daß aber der Bau schon 4 Jahre ruhe, weil die Gemeinde kein Geld habe, um denselben